Hellas, gebeutelt von Korruption und hoher Arbeitslosigkeit, ein Land mit zunehmend wankendem Staatsapparat, unendlich oft bestreikt und herausgefordert durch Wut aufs System und Proteste... Die Katharsis des griechischen Fußballs?

Hellas, gebeutelt von Korruption und hoher Arbeitslosigkeit, ein Land mit zunehmend wankendem Staatsapparat, unendlich oft bestreikt und herausgefordert durch Wut aufs System und Proteste vom Taxifahrer bis zum Beamten, vom Studenten bis zum Pensionist. Hellas, Fußballeuropameister von 2004, ein Land mit heißblütigen Anhängern, die „argentinische“ Stimmung in Europas Stadien zaubern, mit panathletischen Vereinen, deren Fanclubs tausende Mitglieder zählen. Griechenlands Fußball im September 2011, erschüttert vom Koriopolis.

Das Alles reinigende Gewitter lässt auf sich warten, es scheint eher ein grauslich nasskalter, peitschender Regen über das sonnenverwöhnte Land zu ziehen, immer und immer wieder. Dem griechischen Fußballfan fröstelt zurzeit gewaltig, und das schon seit Längerem, als Gerüchte zu einem sich anbahnenden Wettskandal ruchbar wurden. Bereits 2010 schlug das Manipulations-Frühwarnsystem der UEFA an, die Akten wurden an den griechischen Fußballverband EPO weitergeleitet und gerieten dort zunächst in Vergessenheit. Im März 2011 veröffentlichte dann der streitbare Anwalt Alexis Kougias ihm zugespielte Aufnahmen, die Schiedsrichtererpressungs- und bestechungsversuche seitens Klubfunktionären belegen sollten und neue Bewegung in das Spiel brachten. Der mediale Wirbelsturm ließ nicht lange auf sich warten, in der Folge fordert der Sportstaatssekretär öffentlichkeitswirksam „lückenlose Aufklärung“ und die Athener Staatsanwaltschaft intensivierte ihre Ermittlungen zu angeblich bis ins Jahr 2008 zurückreichenden Auffälligkeiten in der griechischen Super League, der höchsten Spielklasse des Landes.

Die wichtigste Nebensache der Welt – besonders in Hellas

20. März 2011: Olympiakos Piräus schießt sich durch ein 6:0 gegen AEK Athen vorzeitig zum 38. Meistertitel. Fünf Tage später beschließen die Länder der Eurozone milliardenschwere Fallschirmzahlungen an das vor dem Staatsbankrott stehende Griechenland, dessen Schuldenkrise in Europa Thema Nummer 1 ist. Nicht so in Hellas selbst: dort nimmt in der Berichtererstattung auch immer noch der Fußball großen Raum ein, für die Politik ein willkommenes Ablenkungsmanöver. Dennoch schweigen sowohl der griechische Verband EPO wie auch die Super League lange zu den Vorwürfen. Währenddessen schreiten die Ermittlungen voran, Zeugen werden vorgeladen, Verdächtige verhört, bis sich letztlich auch der Verband der Sache annimmt. Dessen Disziplinarkommission kommt im Mai zu dem Ergebnis, dass die vorgeworfenen Delikte verjährt wären. Evangelos Marinakis, Liga-Chef und Präsident von Olympiakos Piräus, verhält sich ausgesprochen ruhig. Dafür steigt der Druck auf den Besitzer von Olympiakos Volos, Achilleas Beos, der im Mittelpunkt der CD-Affäre steht.

Die Mühlen der Justiz mahlen mal so, mal so…

Im Juni legt die Staatsanwaltschaft die Anklage vor mit 83 Namen des griechischen Fußballs, Funktionäre wie auch Aktive, die des Aufbaus einer kriminellen Organisation, Betrug, Geldwäsche, Bestechung, Korruption oder Wettbewerbsmanipulation beschuldigt werden. An der Spitze der Liste Achilleas Beos, der als Kopf und Organisator gilt, und Stavros Psomiadis, Präsident von Erstligisten AO Kavala, aber auch Evangelis Marinakis, dem Mitwisserschaft und Vertuschung vorgeworfen wird. Beos und elf andere Angeklagte werden in Untersuchungshaft genommen, nach Psomiadis‘ Vater Makis, dem ehemaligen Kavala- und AEK-Präsident, wird gefahndet, Profis von Olympiakos Piräus und Aris Saloniki sowie Schiedsrichter sollen beteiligt gewesen sein. Der für Sport zuständige Kulturminister spricht vom „schwärzesten Kapitel des griechischen Fußballs“ und die griechische Regierung sieht die dringlichen Anstrengungen Licht ins Dunkel des Koriopolis genannten Skandals zu bringen als Erfolg der Korruptionsbekämpfung im ganzen Land. Dutzende Partien der griechischen Liga fielen in den letzten Jahren dem unfairen Wettbewerb zum Opfer, die Liga im Chaos versunken ohne Ausblick, daß sich der Nebel lichten würde.

„χάος“ – Der Urzustand Griechenlands?

Die Spielplanaufsetzung für die kommende Saison stand in Griechenland wie eh und je auf wackeligen Beinen, schon im Mai wurde Iraklis Saloniki die Lizenz verweigert, ebenso wie dem in aussichtsreicher Position stehenden Zweitligisten Trikala. Finanzielle Engpässe wurden auch über den Cupsieger und nunmehrigen Gegner von Sturm Graz in der Europa League, nämlich AEK Athen, das noch 2004 durch einen staatlichen Schuldenerlaß vor dem Konkurs gerettet wurde, kolportiert. Das echte Hick-Hack beginnt mit dem 21. Juli 2011: Olympiakos Volos erreicht mit einem Gesamtscore von 2:1 gegen Rad Belgrad die 3. Qualifkationsrunde zur Europa League, wo am 28. Juli der FC Differdange 3:0 besiegt wird. Am selben Tag wird der Verein zusammen mit Kavala von der griechischen Super League zu Zwangsabstieg und Geldstrafen verdammt, ihre Präsidenten lebenslang gesperrt. Beide Klubs legen Berufung gegen das Urteil ein. Eine Woche später findet das Rückspiel gegen die Luxemburger statt, Volos gewinnt wieder 3:0 und wird im Play-Off Paris Saint Germain zugelost. Der Spielplan der griechischen Super League wird veröffentlicht, inklusive der beiden Manipulationsverdächtigen. Am 10. August gibt der griechische Verband das Ergebnis des für beide Vereine erfolgreich verlaufenen Protests bekannt: Punkteabzüge für die anbrechende Saison statt Lizenzentzug, die Funktionsverbote gegen die Präsidenten bleiben allerdings aufrecht. Am darauffolgenden Tag trifft wiederum die UEFA eine Entscheidung und schließt Volos aus dem laufenden Bewerb und für drei weitere Jahre aus, sodass Differdange die Spiele gegen PSG erbt. Nun ist in Hellas die Kommission für Berufssport (EFA) am juristischen Drücker: Am 23. August, vier Tage bevor die Super League regulär beginnen sollte, verkündet sie den Zwangsabstieg beider Vereine in die vierte Liga. Das Chaos ist perfekt, nicht nur in Volos, wo nächtliche Fanausschreitungen die Folge sind, sondern auch in der Frage der jetzt an der Meisterschaft teilnehmenden Teams. Denn laut Statuten dürften die im Aufstiegsplayoff der Zweiten Liga („Football League“, ehemals Beta Ethniki) als Zweiter und Dritter gescheiterten Levadiakos und Doxa Drama die schon reichlich versmoggte Erstligaluft schnuppern. Letzterer konnte in den Play-Off-Spielen zweimal nicht genug Akteure stellen, um gegen den späteren Aufsteiger OFI Kreta und Levadiakos anzutreten. So wundert es nicht, dass sich die eigentlich sportlich aus der ersten Spielklasse abgestiegenen Larissa und Panserraikos zurückklagen wollen und auch der eigentlich Siebente der regulären Zweitligasaison, Diagoras, noch seine Chance wittert…

Lasst die Spiele (auch heuer wieder) beginnen!

Einstweilen wurde am vergangenen Wochenende der erste Spieltag der Super League nach Klagsandrohungen des TV-Rechte-Inhabers und Senders Nova Sports in Höhe von 4 Millionen Euro wegen Vertragsbruchs gegen die Liga selbst offensichtlich mit Gewalt durchgedrückt – und mit drei Spielabsagen: AEK Athen und Olympiakos Piräus hätten ursprünglich Volos und Kavala in ihren Stadien empfangen. Und die dritte Ansetzung, in der eigentlich der Aufsteiger Panetolikos Agrinio im Heimspiel gegen Asteras Tripolis nach über dreißig Jahren Abstinenz sein Erstligacomeback geben sollte, wurde am Tag vor dem Spiel von der Liga abgesagt. Grund: Asteras‘ Verwicklung in den Wettskandal ist noch nicht geklärt…

Der Sumpf im griechischen Fußball ist morastig und tief durch die andauernden Niederschläge: die hier kaum erwähnte Gewalt auf den Tribünen, die mafiös verstrickten Vereinsstrukturen, die weit in die Politik hineinreichen, welche wiederum den Fußball – ganz römisch – als „panem et circenses“ getarnt benutzt, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Unzulänglichkeiten zu überdecken. Ob Koriopolis, der scheinbar erschütternde Wettskandal, eine Seelenreinigung des griechischen Fußballs in Gang setzen wird können, ist also weiterhin fraglich.

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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