Der Schweizer Martin Kallen ist, so wie schon vier Jahre zuvor bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz, nun auch der zuständige...

Der Schweizer Martin Kallen ist, so wie schon vier Jahre zuvor bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz, nun auch der zuständige Chef-Organisator für das anstehende Großereignis in Polen und der Ukraine. Die Organisation des letzten Turniers war jedoch ein Kinderspiel, verglichen mit den Aufgaben, die Kallen bis zum nächsten Sommer bewältigen muss. Der Schweizer räumt schon jetzt ein, dass die nächste Europameisterschaft nicht so reibungslos ablaufen wird, wie das Turnier in Österreich und der Schweiz.

Kallen ist ein interessanter Mann, der bewiesen hat, dass man es auch ohne Kontakte in der UEFA weit bringen kann. Der Schweizer verkaufte Fahrkarten für die Bahn und fertigte sieben Jahre lang Züge ab. In der Abendschule studierte er nebenbei BWL und bewarb sich anschließend bei der UEFA, wo er als Marketingassistent eingestellt wurde. Den Durchbruch schaffte er schließlich, als er in England eine Fair-Play-Kampagne initiierte, die von den Vereinen und Spielern positiv aufgenommen wurde. So schenkte die UEFA dem Schweizer mehr Vertrauen und nachdem er schon bei der Europameisterschaft in Portugal eine wichtige Rolle bekam, trug er im Jahr 2008 die Hauptverantwortung für die Organisation des Turniers in der Schweiz. Nun ist der sympathische Eidgenosse auch für den reibungslosen Ablauf beim kommenden Großereignis zuständig und Kallen plagen zurzeit einige schlaflose Nächte, da sowohl in Polen, als auch in der Ukraine große Probleme zu bewältigen sind.

Wie kommen die Fans von A nach B?

Martin Kallen räumte in einer Pressekonferenz in Zürich ein, dass viele Arbeiten in Polen, aber besonders in der Ukraine, in Verzug sind. Er sprach sogar davon, dass die kommende Europameisterschaft „anders“ ablaufen wird:

„It will be a different Euro. On the football side, we want it to be on the same level or a little better than Austria-Switzerland in 2008. But it will never be on the same level in terms of transport.“

Der Schweizer gibt zu, dass große Schwierigkeiten bei der Beförderung der Fans zu erwarten sind. Einige Flughafen-Terminals sind nicht fertig gebaut und wie der Transport tausender Fans von den Flughäfen zu den Stadien ablaufen soll, steht auch noch in den Sternen. In allen vier ukrainischen Austragungsorten (Kiew, Donezk, Lemberg, Charkiw) entstehen neue Terminals, die im März fertiggestellt werden sollen. Da es schon jetzt zu Verzögerungen kommt, darf man gespannt sein, ob die Bauarbeiten pünktlich abgeschlossen werden. Die Anbindung der Flughäfen an das Schienen- und Straßennetz ist ein weiterer problematischer Punkt.

Aber auch der Zustand der Straßen ist ein großes Problem und die Sanierungsarbeiten verschieben sich von Monat zu Monat. Es kann sein, dass Fans, die mit dem Auto zum Turnier anreisen wollen, immer wieder von der Autobahn abfahren müssen, da Streckenabschnitte bis zum Turnier nicht fertiggestellt werden können. Im Polen steht es sogar schon fest, dass die Autobahn von Krakau bis zur ukrainischen Grenze bis zum Turnier nicht betriebsbereit sein wird. Die Bauarbeiten ruhten für zwei Monate, nachdem der Vertrag mit einer chinesischen Baufirma aufgelöst wurde. Danach sorgten Überschwemmungen für weitere Verzögerungen. Auch in der Ukraine gilt es große Schwierigkeiten beim Straßennetz zu bewältigen. Die Entfernungen sind sehr groß, sodass schlechte Fahrbahnen zu einem gewaltigen Problem werden können. Selbst die offiziellen Stellen im Land geben zu, dass der Zustand der Straßen nach einem langen Winter problematisch ist.

Zu wenige Übernachtungsmöglichkeiten

Ein weiteres Problem, das besonders verwöhnte Funktionäre treffen könnte, betrifft die Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels mit westlichen Standards. Laut Kallen gibt es insbesondere in der Ukraine zu wenige Hotels, die den Gästen den gewünschten Luxus bieten. Bis zur Europameisterschaft sollen in Polen 21 und in der Ukraine 32 Luxushotels entstehen. Ob die Fertigstellung rechtzeitig zur Europameisterschaft klappen wird, ist jedoch unklar. Besonders in Donezk soll die Lage laut Kallen sehr schlecht aussehen, sodass sogar überlegt wird, die Funktionäre und wichtigen Gäste zu den jeweiligen Spielen von Kiew ein- und ausfliegen zu lassen. Für gewöhnliche Fans werden unter anderem auch Campingplätze und Studentenheime zur Verfügung gestellt werden.

Eine weitere wichtige Frage ist, was mit den Luxustempeln nach der Europameisterschaft passieren wird. Während die FIFA bei der letzten Weltmeisterschaft eineinhalb bis zwei Milliarden Euro Gewinn verbuchen konnte, war das Turnier für Südafrika rein wirtschaftlich gesehen ein riesiges Verlustgeschäft. Auch in der Ukraine wird man sich fragen müssen, was nach der Europameisterschaft mit den Luxustempeln passieren wird. Man kann davon ausgehen, dass der Bedarf an Fünf-Sterne-Hotels nach dem Turnier wieder stark zurückgehen wird und die Unternehmen unrentabel werden.

Martin Kallen hofft jedenfalls, dass das Losglück auf seiner Seite ist. Er wünscht sich, dass Deutschland die Gruppenspiele in Polen bestreiten kann und Russland in der Ukraine spielen wird. Dann müssen zumindest die Fans dieser beiden Länder keine langen und komplizierten Anreisen auf sich nehmen, was die Organisation stark vereinfachen würde. Der Schweizer hofft aus demselben Grund, dass die beiden Austragungsländer weit kommen werden. Damit die Europameisterschaft ein voller Erfolg wird, braucht die UEFA laut Kallen Glück. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für die Austragung eines Großereignisses.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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