Seit dieser Saison hat der ungarische Traditionsverein Ferencváros Budapest ein neues Stadion. Diejenigen, die im Stadion für Stimmung sorgen, waren allerdings noch nicht drin.... Ferencvaros und der Venenscanner: Wie die ungarische Politik den Fußball missbraucht

Videoüberwachung, Kamera, CCTVSeit dieser Saison hat der ungarische Traditionsverein Ferencváros Budapest ein neues Stadion. Diejenigen, die im Stadion für Stimmung sorgen, waren allerdings noch nicht drin. Ein schwer umstrittenes Zutritts- und Registrierungssystem lässt jeden Datenschutzexperten zurückschrecken und sorgt derzeit für einen riesigen Ultra-Protest in unserem Nachbarland. Der aber auch politischer Natur ist…

Die Groupama Arena wurde für etwa 20.000 Zuschauer gebaut und mit einem Freundschaftsspiel gegen Chelsea feierlich eröffnet – wer dieses Stadion betritt, gibt jedoch seine Privatsphäre beim Eingang ab. Als erst zweiter Verein in Europa führte Ferencváros, angeordnet durch seinen Präsidenten Gábor Kubatov, eine Besucherregistrierung mit Hilfe eines Venenscanners ein. Dabei handelt es sich um eine hochtechnisierte, biometrische Software-Hardware-Kombination, die sicherer und betrugsresistenter sein soll, als Augen- oder Fingerabdruckscans.

Der umstrittene Venenscanner

Um eine Dauerkarte bei Ferencváros zu ergattern, ist dieser Venenscan obligat. Der Fan erhält sein Jahresabo, indem er seine Daten angibt und seine Hand in den Venenscanner legt. Zutritt zum Stadion wird dem Fan durch einen neuerlichen Scan von Jahreskarte und Hand gewährt. In der Praxis sieht das Ganze so aus:

Der durchschnittlich interessierte Fan wird nun sagen: Gut so! Endlich ein sicheres Zutrittssystem, das Störenfriede aus dem Stadion fernhält und Person für Person registriert, sodass sie keinen Blödsinn machen können. Dies ist ein Blickwinkel. Ein anderer ist jedoch die extrem umstrittene Datenschutz- und Registrierungspolitik – speziell wenn man die Seilschaften hinter Ferencváros und dem ungarischen Fußball im Allgemeinen näher beleuchtet. Angesichts dessen, dass an dieser Stelle die Politik des Landes ins Spiel kommt, wird’s bedenklich.

„Fradi“-Präsident ein Orbán-Vertrauter

Ferencváros-Präsident Kubatov sitzt für die Partei Fidesz im ungarischen Parlament. Wenig verwunderlich ist er somit ein enger Vertrauter des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Dieser wiederum ist komplett fußballverrückt und sorgte dafür, dass in den letzten Jahren auf absurde Art und Weise in den wenig lukrativen ungarischen Fußball investiert wurde. Das neue Stadion von Ferencaros Budapest kostete knapp 45 Millionen Euro. Aber es ist nicht das einzige Projekt dieser Art.

Ein 4000er-Stadion für Orbáns Heimatdorf

Der amtierende Meister Debrecen eröffnete im Mai dieses Jahres sein neues Stadion. Kostenpunkt: Knapp 40 Millionen Euro. Das ungarische Nationalstadion, früher Nep-Stadion, heute Puskás-Ferenc-Stadion, wird auch demnächst neugebaut, wobei sich die Kosten in ähnlichen Größenordnungen bewegen. Und apropos Puskás: Viktor Orbán ist ebenfalls Besitzer eines Fußballklubs, nämlich dem Puskás Akademia FC aus seiner Heimatstadt Felcsút. Das reiche Dörfchen in Zentralungarn hat laut Wikipedia 1.688 Einwohner – und seit neuestem ein Stadion, das 4.000 Zuschauern Platz bietet und knapp 12 Millionen Euro kostete.

Puskás, Honvéd und die Blasphemie

Das neue Stadion, sowie der Vereinsname „Puskás Akademia“ ist zudem eine Provokation gegenüber den Fans von Honvéd Budapest. Der einstige ungarische Fußballstar Ferenc Puskás verbrachte 15 Jahre seiner Karriere bei Honvéd und ist das große Aushängeschild des Klubs aus dem Budapester Stadtteil Kispest. Sein Spitzname „Pancho“, der ihm in seiner Zeit bei Real Madrid verliehen wurde, ziert nun das neue Stadion eines Dorfvereins, der mit Ferenc Puskás nichts zu tun hat. Dies wäre damit zu vergleichen, wenn sich ein neureicher Dorfverein in Österreich mit dem Namen Hans Krankls, Matthias Sindelars oder Herbert Prohaskas schmücken würde. Zu verhindern ist diese fast schon blasphemische Haltung allerdings nicht – immerhin ist der Präsident besagten Klubs der mächtigste Mann Ungarns. Wer ein Transparent zur Solidaritätsbekundung mit den Honvéd-Fans ins Stadion bringen möchte, wird gar nicht erst hineingelassen.

Seilschaften und Geschenke

Die ungarische Liga hat derzeit einen Zuschauerschnitt von knapp 3.000 Besuchern pro Spiel. Dennoch sprießen die Stadien nur so aus dem Boden. Für das Gros der Kosten kommt der ungarische Steuerzahler auf – der Rest wird durch Gefälligkeiten aus der Politik bewerkstelligt. So geschehen in Debrecen: Dort wurde Präsident Gábor Szima für seinen Investitionswillen reich belohnt und von Victor Orbán mit Casinolizenzen ausgestattet. Dass der Chef von Liga und Ligasponsor mit Sándor Csányi nicht nur ein und dieselbe Person, sondern als CEO der größten Bank nebenbei auch der reichste Mann Ungarns und ein Orbán-Freund ist, passt ins Bild. Nicht nur der Mehrheitseigentümer von Diosgyör, Tamas Leisztinger (der zuvor kaum etwas mit Fußball am Hut hatte), wurde von Csányi zu größeren Sponsorings „überredet“. Wie genau die Gegenleistungen aussehen, bleibt der Öffentlichkeit verschlossen. Die zahlreichen Investments in eine international bedeutungslose Liga, in einem Land mit großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen und sehr geringem Zuschauerschnitt, lassen jedenfalls aufhorchen…

Kubatov, der Meister der Listen

Der ungarische Fußball ist ein Spielball der Reichen, eine Kontaktknüpfmaschinerie für Mächtige, vor allem aber ein wichtiges politisches Instrument. Und so schließt sich der Kreis und wir kommen zurück zu Ferencváros-Präsident Kubatov. Der Politiker gilt in seiner Partei als Vorreiter in Bezug auf das Sammeln von sensiblen Daten aus der Bevölkerung. Je mehr man über seine Wähler und Nicht-Wähler wüsste, desto besser könne man sie aktivieren oder gar umpolen. Was in Orbáns Ungarn in vielen Bereichen des täglichen Lebens bereits üblich ist, zieht sich jetzt in die Fußballstadien – und Ferencváros ist das erste Versuchskaninchen.

Wenn Fußballfans eine Gefahr für die Politik darstellen…

Die Ultras von Ferencváros lehnen sich gegen den neuen Registrierungszwang nicht nur aus idealistischen Gründen auf, sondern auch weil ihnen das Leben nach einem „Venenscan“ von politischer Seite wohl nicht einfach gemacht werden würde. Aktive Fußballfans waren in Ungarn schon immer die Triebfeder, wenn es um Proteste gegen Regierungen ging. Diese „Tradition“ geht bis zur stalinistischen Diktatur Mátyás Rákosis zurück und war erst vor wenigen Jahren erneut zu beobachten. Vor diesen Aggressoren hat Orbán Angst – und die Vorgehensweise gegen politisch unliebsame Leute wird immer rigoroser.

…bekämpft man sie mit Schlimmerem

Orbáns Vertrauter Kubatov versucht der aktiven Fanszene von Ferencváros nun jeden Stadionbesuch (ob mit oder ohne Registrierung) so schwer wie möglich zu machen. So wurde zum Beispiel die Security-Truppe „Fradi Security“ einberufen, die die Ferencváros-Fans auf Auswärtsspiele begleitet und „für Ordnung sorgt“. In Wahrheit besteht diese Gruppe aber aus ehemaligen Häftlingen und Polizisten, mafianahen Personen und sogar Mördern. Dass diese Gruppe nicht nur für Auswärtsspiele von Ferencváros parat steht, sondern auch einschreitet, wenn Orbán „politische Probleme“ hat, zeigte ein Zwischenfall, bei dem die „Fradi Security“ eine gewaltlose Besetzungsaktion von liberalen Studenten in der Fidesz-Zentrale gewaltsam auflöste.

Große/beunruhigende Worte in sozialen Medien

Orbán will in Ungarns Stadien „Wildes“ mit „noch Wilderem“ bekämpfen und fängt über seinen Mittelsmann Kubatov beim größten Klub des Landes damit an. Dass das Ziel der aktuellen Entwicklungen nicht primär sicherheitstechnischer, sondern viel mehr politischer Natur ist, liegt auf der Hand. Und noch etwas unentspannter sollte man als zu vertrauensvoller Fan von Ferencváros sein, wenn man bemerkt, dass Mitglieder der „Fradi Security“, viele von ihnen einschlägige Kriminelle, in sozialen Netzwerken bereits von „Hausbesuchen“ sprechen.

UEFA und FIFA werden weiterhin zusehen

Die in eine Putin’sche Richtung driftende Politik von Viktor Orbán ist eine Sache und soll kein Thema für ein Fußballportal sein. Allerdings wird in Ungarn der Fußball gerade für politische Zwecke und Seilschaften der Reichen missbraucht, während das ungarische Volk viel wichtigere Probleme hätte. Die gesamte ungarische Liga ist von Politik geprägt, die Präsidenten der Klubs untereinander homogen, ob der vielen Gefälligkeiten und „Geschenke“, die ihnen geboten werden. Und auch der europäische- und der Weltverband, werden den politischen Hintergrund der jüngsten Entwicklungen wohl kaum hinterfragen. Sowohl UEFA-Präsident Michel Platini, als auch FIFA-Boss Joseph Blatter sind Du-Freunde von Viktor Orbán…

Presse: Wie in einem totalitären Regime (Zitat OSZE)

Die Fanszenen aller ungarischen Klubs ziehen an einem Strang, nicht nur weil auch Auswärtsfans in der neuen Heimstätte von Ferencváros vom umstrittenen Venenscan betroffen sind. In ganz Ungarn gibt es Proteste gegen die Vorgehensweise in Budapest, allerdings versteht nicht jeder stille Beobachter die Hintergründe. Diese werden einer breiten Öffentlichkeit auch nicht auf dem Silbertablett serviert, zumal das ungarische Parlament im Winter 2010 ein neues Mediengesetz verabschiedete, das die Pressefreiheit erheblich beschnitt. Ungarische Schriftsteller unterschrieben eine Protesterklärung in der es heißt: „Das neue ungarische Mediengesetz stellt die Zensur wieder her, missachtet das Prinzip der Gewaltenteilung, widersetzt sich mit allen Mitteln den Grundprinzipien der Demokratie und dem Geist der Freiheit.“

Heimspiel im Pub

Während in allen ungarischen Stadien – mit Ausnahme der neuen Groupama Arena – gegen den Venenscanner protestiert wird, bleiben die Ultras von Ferencváros ihrer Linie übrigens treu. Das Heimspiel gegen Nyíregyháza am vergangenen Sonntag verfolgte man im Pub.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Valeriy Lobanovsky

    27.August.2014 #1 Author

    Toller Artikel, der aber eigentlich im Kern die Zukunft des Fußballs aufzeigt – GELD!

    Antworten

    • yaku

      17.September.2014 #2 Author

      Zukunft?
      spätestens seit bosman wird fußball zu einem großteil von den finanziellen möglichkeiten bestimmt…

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  • Alexander

    27.August.2014 #3 Author

    Wenn dieses neue Mediengesetz , die Pressefreiheit unterdrückt und Orban`s Politik in dieselbe Richtung gehen sollte wie die von Putin und linksgerichtete Ungarische Schriftsteller eine
    Protesterklärung unterschreiben , stellt sich mir die Frage wieso die Ungarn Hr. Orban mw. zum 3 x gewählt haben .
    2X am Stück mit einer zweidrittel Mehrheit. Die letzte vor knapp 4. Monaten.Übrigends unter der Aufsicht der OECD. .Der Venenscanner ist mitnichten der Grund des Fehlbleibens der Ultras . Vielmehr geht es um die Namensgebung welche ihnen nicht passt und dem Alkoholverbot im Stadion wovon der Artikel leider nicht spricht. Auch die überteuerten Eintrittspreise spielen eine Rolle.Aber dies Probleme sind nicht Ungarn spezifisch.Dann die Politik Orbans (wenn auch nur latent mit der Rakosis gleichzusetzen )ist gelinde gesagt fast schon infantil.Genau das Gegenteil ist der Fall.
    Genau diese Stalinistische Tradition änderte er (unter dem Beifall 100.000 -er)als er die Verfassug ,welche auf die Alte Kommunistische von 1936 aufgebaut war änderte.Gerade die Fussballfans sind Orban dankbar für das schffen neuer Infrastrukturen und der Option vllt. mal wieder ein grosses Turnier ausrichten bzw.mal an einem teilnehmen zu können.

    Das der Ungarische Fussball eine unglaubliche Tradition hat ,welcher ohne die 50 jährige irrationale Sowjetische Landnahme (Besetzung)des Landes zum besten der Welt gehören würde dürfte ausser Zweifel stehen .Und davon träumen heute noch .
    Grüsse aus München

    P.S Danke für euere Artikel zu 1860 München

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    • ProLacika11

      28.August.2014 #4 Author

      Pls note that this kind of totalitarian attitude and arrogance of Orban and almost all Fidesz functioner is quite new, mostly after the 3rd win developed. Yes, most of us assume russian influence. Btw the people voted for Orban because most segment of their economic strategy works (as for now) and there is nobody on the „other side“ those are just politicians for a living you know…
      – a Videoton FC supporter

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  • ProLacika11

    28.August.2014 #5 Author

    Unfortunatelly in Hungary non of the press was able to write such a good summary about the situation. You guys deserve my like. Thanks from the neighbor „kingdom“

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  • RocketRaccoon

    28.August.2014 #6 Author

    Leider stimmt einiges, was im Artikel steht. Allerdings ist der Beitrag ziemlich einseitig und wurde offenbar von den Ferencváros Ultras bzw. deren Anführern „diktiert“. Dies wäre auch kein Problem, aber eine Quellenangabe wäre angebracht.

    Grundsätzlich sympathisiere ich mit den Ultras, aber sie als Rückgrat der Nation darzustellen ist etwas übertrieben.
    Die Stimmung im Stadion ist sehr gut, könnte aber noch besser sein wenn die Ultras dabei wären. So oder so, sie gehören unbedingt ins Stadion!

    Ein Paar inhaltliche Anmerkungen:

    Der Venenscanner bzw. das dahinterstehende System ist nicht in der Lage den gescannten Abdruck zu speichern, es wird lediglich ein alphanumerischer Code gespeichert, was nur zum Stadioneintritt verwendet werden kann.
    Der ganze Unmut richtet sich eigentlich „gegen den modernen Fußball“, die Kritik an den Venenscanner ist aber meiner meinung nach verfehlt. Ob es richtig ist, dass die Politik, Orbán sich derart mit Fußball beschäftigt und auch Steuergelder investiert werden und wie sie investiert werden, kann man diskutieren. Aber die ehemalige, links-liberale Regierung wurde heftig kritisiert, weil sie den Fußball vernachlässigt hat. Es ist halt schwer, dem Fußbal-Fan gutes zu tun, in Ungarn gilt auch, ähnlich zu Österreich, die Redewendung „Land der zehn Millionen Teamchefs“ 🙂

    „Diese werden einer breiten Öffentlichkeit auch nicht auf dem Silbertablett serviert, zumal das ungarische Parlament im Winter 2010 ein neues Mediengesetz verabschiedete, das die Pressefreiheit erheblich beschnitt“

    Unsinn. Die Führung von Ferencváros und auch der ungarische Fußball im allgemeinen, sowie die Regierung, wird reichlich in der Presse kritisiert, jede(r) kann sagen und schreiben was sie/er will. Und das ist gut so. DIe ganze Hysterie um der ungarischen Demokratie und Pressefreiheit geht von den abgewählten und abgestraften Postkommunisten aus, leider wird aus wirtschaftlichen Gründen (Stichwort Bankensteuer) vieles 1:1 übernommen, auch in Österreich. Nicht falsch verstehen, Kritik und Debatte sind wichtig und oft auch angebracht, aber wie da pauschalisiert wird ist teilweise unterste Schublade. Diese Ansicht wird (wurde?) übrigens auch von den traditionell rechts bis rechtsextrem gerichteten Ferencváros Ultras geteilt, aber anscheinend wenden sie ähnliche Methoden wie die Genossen an, wenn es darum geht, ihre Interessen im Ausland zu vertreten. Schade, da es um treue und loyale Fans geht, die sehr viel für Ferencváros getan haben, auch in schlechteren Zeiten. Ich will hier auch keineswegs verallgemeinern, die Fangemeinde ist ja auch keine homogene Masse.

    Ein Grün-Weißer

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