Die Karriere eines Skandalprofis, mit dem sich sogar der deutsche Verfassungsschutz beschäftigte. Änis Ben-Hatira war nie ein einfacher Profi. Mit sehr viel Talent gesegnet,... Änis Ben-Hatira: Ein Profi im Abseits

Die Karriere eines Skandalprofis, mit dem sich sogar der deutsche Verfassungsschutz beschäftigte.

Änis Ben-Hatira war nie ein einfacher Profi. Mit sehr viel Talent gesegnet, stand ihm aber auch immer sein Temperament im Wege. So musste er im Winter 2016 seinen damaligen Klub Hertha BSC Berlin verlassen, da er seinem Mitspieler Mitchell Weiser ein blaues Auge verpasste. Ben-Hatira entschuldigte sich bei Weiser für die Aktion, sah aber gleichzeitig auch eine Kampagne gegen sich laufen. Er glaubte, man wolle ihn, den „Bad Boy“ nicht mehr in Berlin haben. Nun hätten die Verantwortlichen einen Grund gefunden, ihn endgültig loszuwerden. Das kann man so sehen. Diese Einschätzung lässt aber auf einen von gesunder Selbstkritik weitestgehend befreiten Charakter schließen.

Denn die Probleme mit Trainer Pal Dardai fingen bereits Anfang 2015 an. Ben-Hatira, gerade von einer Verletzung genesen, flog damals gegen den Willen von Dardai zur tunesischen Nationalmannschaft. Danach wurde der in Berlin geborene Sohn tunesischer Eltern von Dardai aussortiert. In einem Interview mit der Berliner Zeitung beschrieb er das Verhältnis zu Dardai als nicht existent.

Nachdem seine Zeit bei Hertha abgelaufen war, schloss sich Ben-Hatira Eintracht Frankfurt an. Obwohl er mit guten Leistungen dabei half, dass die Eintracht in der Rückrunde der Saison 2015/16 überraschend noch den Klassenerhalt schaffte, musste er nach einem halben Jahr wieder gehen. Er wechselte daraufhin zum hessischen Nachbarn SV Darmstadt 98. Der Verein stand in dem Ruf, die Karriere von „Problemprofis“ wieder revitalisieren zu können. Beim einstigen U21-Europameister war genau das Gegenteil der Fall.

Man muss wissen, dass Änis Ben-Hatira ein sehr sozialer Mensch ist. Er unterstützte ein krebskrankes Kind und engagierte sich bei dem Berliner Verein „Mitternachtssport“, der Jugendliche von der Straße holt. Der Verein gewann 2013 den Bambi für Integration. Bei seiner Dankesrede erwähnte der Chef von Mitternachtssport, Ismael Öner, ausdrücklich das Engagement von Ben-Hatira. Aufgewachsen im Berliner Problembezirk Wedding wollte Ben-Hatira etwas zurückgeben.

Dies veranlasste ihn auch dazu, sich finanziell bei Ansaar International zu engagieren. Ansaar ist nach eigenen Aussagen ein islamisch-konservativer Verein, der seine Spenden vor allem in die muslimische Welt schickt; nach Syrien, in den Gazastreifen etc. An sich ja eine gute Sache. Nur: Ansaar wird vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet und als Organisation eingestuft, die auch radikal-islamische Gruppen unterstützt. Wortlaut: Ansaar sei „fest mit der deutschen Salafisten-Szene verwoben“.

Und weiter: „Das Streben nach Anerkennung als gemeinnützige Organisation ist als Teil eines vordergründigen Legalisierungskurses zu verstehen. Im Internet finden sich keinerlei Distanzierungen zu ex­tre­mistisch-salafistischen Predigern oder den Inhalten ihrer Predigten. Eine Distanzierung vom sogenannten Islamischen Staat geht einher mit der grundsätzlichen Bejahung der vom IS abgespaltenen und heute al-Qaida-nahen Gruppierung Jabhat al-Nusra.“ Wegen dieser Erkenntnisse wurde Ansaar International mittlerweile die Gemeinnützigkeit aberkannt, wie die deutsche Tageszeitung taz berichtete.

Als das Engagement für Ansaar publik wurde, wurde es ungemütlich für Ben-Hatira. Die deutsche Politik übte Druck auf den SV Darmstadt 98  aus, der Ben-Hatiras Vertrag schließlich aufkündigte. Wie das Innenministerium verlautbaren ließ, ist es nicht hinnehmbar, dass ein Fußballprofi, der schließlich eine gewisse Vorbildfunktion ausüben sollte, einen islamistischen Verein unterstützt. Ben-Hatira war somit eher unbeabsichtigt mitten in eine gesellschaftliche Debatte darüber geschlittert, wo der radikale Islamismus nun eigentlich anfängt. Er distanzierte sich postwendend von jeder Form von radikalem Gedankengut und sah mal wieder eine Verleumdungskampagne gegen sich im Gange. Nach seinem Rausschmiss galt in vielen salafistischen Medien nun als Märtyrer, im Sinne von: Hier engagiert sich jemand für Muslime und wird vom Westen dafür bestraft.

Nach dem Ende in Darmstadt wechselte er in die Türkei, zu Gaziantepspor. Dort fand er chaotische Verhältnisse vor: Der Verein befand sich mitten im Abstiegskampf, war pleite und konnte schon länger keine Gehälter mehr zahlen. Letztlich stieg Gaziantepspor aus der ersten Liga ab. Ben-Hatira kehrte nach Berlin zurück und hielt sich fit für ein Angebot aus der Bundesliga – das aber nie kam: Mit dem Hamburger SV gab es lose Verhandlungen, die aber letztlich erfolglos blieben. Ob Ben-Hatira je wieder im deutschen Profifußball spielen wird, ist mehr als fraglich.

Mittlerweile ist er in das Land seiner Eltern gewechselt und spielt für den tunesischen Erstligisten Esperance Tunis. Sein Ziel ist die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Von Ansaar will er sich nur distanzieren, falls man den Verein offiziell verbieten würde.

Ral, abseits.at

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