Fast genau ein Jahr ist es her, dass sich DFB-Schiedsrichter Babak Rafati das Leben nehmen wollte. Nicht etwa weil er Schulden oder Liebeskummer hatte,... Ein Jahr nach Babak Rafatis Suizidversuch – Was hat sich geändert?

Fast genau ein Jahr ist es her, dass sich DFB-Schiedsrichter Babak Rafati das Leben nehmen wollte. Nicht etwa weil er Schulden oder Liebeskummer hatte, sondern weil er den Leistungsdruck seines Berufes nicht mehr ertragen konnte. Mit aufgeschnittenen Pulsadern fand man ihn am 19. November 2011 vor dem danach abgesagten Bundesligaspiel 1. FC Köln – FSV Mainz 05 in seinem Kölner Hotelzimmer, wo man ihn gerade noch retten konnte. Damals erfolgte ein großer medialer Aufschrei und Forderungen nach einer Entlastung der Schiedsrichter wurden laut. Doch was hat sich seither geändert?

Rafati litt unter dem gleichen Druck, dem sich zahlreiche Schiedsrichter jede Woche aufs Neue aussetzen müssen. Gerade in den höheren Spielklassen ist diese Belastung enorm: Die Vereine gleichen großen Wirtschaftsunternehmen, wodurch  eine Fehlentscheidung Schäden in Millionenhöhe verursachen könnte, zudem nimmt das mediale und gesellschaftliche Interesse am Fußball heutzutage ähnlich extreme Ausmaße an, wie die schonungslose Kritik an den Referees, die sich durch den Ärger der Fans und Mitglieder der benachteiligten Parteien zu einer reißenden Welle entwickeln kann. Daher muss ein Schiedsrichter in unserer Zeit nicht nur fachlich kompetent sein und das Regelwerk auswendig zitieren können, sondern zudem eine Persönlichkeit entwickeln, mit der er Dominanz und Selbstbewusstsein ausstrahlt. Er muss Fehlentscheidungen argumentieren oder einsehen können, ohne dabei auf Messers Schneide zwischen unterstelltem Kompetenz-  und Glaubwürdigkeitsverlust zu stolpern. Ein moderner Schiedsrichter muss ein Fels in der Brandung sein.

Babak Rafati war dies scheinbar nicht. Dreimal wurde er vom Fachmagazin „Kicker“ zum schlechtesten Schiedsrichter gewählt, ein Tadel, der zweifelsohne zu der Kritikwelle beitrug, deren Druck Rafati nicht standhalten konnte. DFB-Schiedsrichter Boss Herbert Fandel forderte damals unmittelbar nach dem missglückten Selbstmordversuch des gelernten Bankkaufmannes mit persischen Wurzeln ein Umdenken bei Umgangsformen mit Schiedsrichtern.  Neben einer besseren psychologischen Betreuung sollte nach Fandel vor allem das „unerträgliche Klima“ am Fußballplatz geändert werden, zu dem Spieler, Trainer, Fans und Medien gleichermaßen beitragen.

Blickt man heute, ein Jahr später, auf die Änderungen im Schiedsrichterwesen, ist die Lage nach dem damaligen Aufschrei ernüchternd. Spätestens ein halbes Jahr nach dem Suizidversuch Rafatis stellte die Fußball-Europameisterschaft das Thema endgültig in den Schatten. Erneut wurde der Druck durch die Erwartungen der Fans, Medien und Vereine unerträglich hochgepusht. Um diesem entgegenzuwirken, standen alle EM-Schiedsrichter unter striktem Interviewverbot und durften keinen Kontakt zu den Medien aufnehmen. Den Leistungsdruck konnte man damit jedoch nicht mildern. Ein Druck, dessen Auswirkungen vor allem der ungarische Schiedsrichter Viktor Kassai und der Torrichter Istvan Vad nach der unglaublichen Fehlentscheidung beim Spiel Ukraine-England verspüren mussten. Nach dem aberkannten Tor musste ihr Team die Koffer packen, Beschimpfungen und Morddrohungen ertragen. Rafati war zu diesem Zeitpunkt wohl schon längst vergessen.

Auch beim technologischen Beitrag zur Unterstützung der Schiedsrichter geht momentan nur wenig weiter.  Hawk-Eye- und GoalRef-System sind mittlerweile offiziell genehmigt, aber noch in der Testphase (z.B. bei der kommenden Club-WM in Japan). Es sieht noch nicht danach aus, als würde eines dieser nützlichen Systeme in nächster Zeit schon allgemein eingesetzt, geschweige denn etabliert werden. Hierbei ist natürlich auch der finanzielle Aufwand zu beachten. Auch die Sinnhaftigkeit der eingeführten Torrichter ist zu hinterfragen. Pierluigi Collina mag schon Recht haben, wenn er behauptet, dass durch diese zusätzlichen Torrichter weniger Fehlentscheidungen getroffen werden. Aber wird dabei auch der Druck von den Schultern der Schiedsrichter genommen? Teilweise scheint es doch, als würden die Unparteiischen bei Torraumsituationen viel nervöser agieren, sich vor einer Fehlentscheidung viel mehr fürchten, da diese bei zusätzlichen Hilfskräften noch schwerer zu verzeihen sind.

Heute hört man nur noch wenig von den Absichten, Schiedsrichter zu entlasten und auch von zusätzlichen Psychologen hat man offiziell kaum etwas mitbekommen (auch wenn diese von einigen Vereinen wohl zweifellos engagiert wurden). Zudem ist der Schiedsrichtermangel in einigen Teilen Deutschlands und Österreichs alarmierend. Die oft jungen, motivierten Anfänger treffen selbst in den untersten Spielklassen auf einen enormen Aggressionsschwall, der sie dazu zwingt, ihre Absichten zu überdenken. Teilweise werden deshalb bereits Sträflinge rekrutiert. Selbst wenn technische Hilfsmittel und Psychologen bald in ausreichendem Ausmaß eingesetzt werden sollten, bleibt die größte Verantwortung an uns allen hängen. Denn das hasserfüllte Klima bei Spielen, das die Hetzjagd der Medien nährt und den spielenden Mannschaften eine falsche Umgebung bietet, können nur wir Fans und Fußballbegeisterte bremsen, oder zumindest deren gegenwärtige Ausbreitung eingrenzen.

Nach Rafati hat sich nur wenig geändert und vielleicht sogar verschlechtert.  Immerhin verzichtet wenigstens der „Kicker“ nach dem Suizidversuch Rafatis anscheinend auf die traditionelle Umfrage zum schlechtesten Schiedsrichter und belässt es bei den hauseigenen Leistungsbenotungen.

Rafati selbst geht es fast ein Jahr danach wieder gut. Er heiratete im August seine Freundin Rouja und steht wieder mit beiden Beinen im Leben. Fußball spielt darin für ihn jedoch keine aktive Rolle mehr. Pfeifen will er nie mehr.

Florian Schmidt, abseits.at

Flo Schmidt

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