17.Juni 1998. Als zehnjähriges Mädchen sitze ich vor dem Fernseher, als Ivica Vastic in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich den Ausgleich für... Fußball im TV – Eine Sache für die Oberschicht

17.Juni 1998. Als zehnjähriges Mädchen sitze ich vor dem Fernseher, als Ivica Vastic in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich den Ausgleich für Österreich gegen Chile schließt. In der Nachspielzeit, wohlgemerkt – dieses Tor wahrt den Österreichern die Chance auf den Aufstieg ins Achtelfinale. Kein großer Erfolg also, zumal die Österreicher schon im ersten Gruppenmatch gegen Kamerun (ebenfalls durch ein Tor in der Nachspielzeit durch Toni Polster) nur 1:1 gespielt hatten, und schlussendlich mit einer 1:2-Niederlage im letzten Spiel gegen Italien dennoch die Heimreise antreten mussten. Nichts desto trotz war dies für mich der erste Moment meiner persönlichen Fußballerfahrung, der Beginn meiner Begeisterung für diesen Sport. Und machte für mich erstmals deutlich, was ich gerne als „Verbindungsfunktion des Fußballes“ bezeichne. Ich fühlte mich plötzlich als Teil einer Gemeinschaft.

Fußball im TV als Identitätsbildung

Dieses Gefühl werden zahlreiche andere Fernsehzuschauer ebenfalls gehabt haben (etwa, als Hans Krankl die deutsche Niederlage in Cordoba besiegelt hat, oder auch als „uns“ Andi Herzog 1997 mit seinem Tor in der WM-Qualifikation gegen Schweden in letzter Sekunde erst die Teilnahme an der WM sicherte). Und in Wahrheit sind es ja nicht nur die Spiele der Nationalteams, die für uns Fußballfans diese Funktion erfüllen, sondern auch die Übertragungen der Spiele unserer Lieblingsvereine, seien sie in Österreich, Deutschland oder Europa heimisch. Das Spiel des Lieblingsvereins oder auch einfach nur tolle Szenen und Spiele, die man als unbeteiligter Beobachter sieht, schaffen Gesprächsstoff für den nächsten Tag: „Hast du den Fallrückzieher von Ronaldo gestern gesehen?“ Diese Momente der kollektiven Verbindung durch den Sport Fußball wurde jahrzehntelang entscheidend durch das Fernsehen vermittelt, konkret durch den ORF. Die Sportberichterstattung des ORF erfüllte bis dahin eine wichtige Funktion der Identitätsbildung.

Die Kosten explodieren

2018 war jedoch das Jahr, in dem die Übertragungsrechte für den deutschsprachigen Profifußball fast vollständig in die Hände des Pay-TV gefallen sind. Sowohl europäische Klubbewerbe, als auch nationale Ligen werden zukünftig nur mehr in Form von Kurzberichterstattung im Free-TV zu sehen sein. Die Rechte an derartigen Veranstaltungen sicherten sich vor allem Big Player wie Sky und DAZN. Aber auch Amazon wird zunehmend in diesem Bereich aktiv. Wenn wir also das entsprechende Kleingeld besitzen, bieten sich für uns in der Welt der Sportübertragungsrechte ungeahnte Möglichkeiten. Das komplette Sport-Paket von Sky ist derzeit für 39,99 EUR pro Monat zu haben. Das ist zumindest notwendig, um das Wichtigste der Champions League sowie der deutschen  und österreichischen Bundesliga nicht zu verpassen. Dazu kommen 9,99 EUR für die restlichen Partien der Champions League, deren Übertragungsrechte sich das britische Unternehmen DAZN gesichert hat. Weitere Partien der deutschen Bundesliga, insbesondere die Freitagabend-Begegnungen, sind auf Eurosport zu sehen (wohlgemerkt nur via Internet). Amazon überträgt künftig 615 Spiele der deutschen Bundesliga per Webradio. Dazu ist ein Amazon Prime Konto von Nöten, das sich jährlich auf 69 EUR beläuft. Dieses füllige Angebot komplettiert schließlich der Mobilfunkkonzern A1: A1 wird ab der Saison 2018/19 vier Saisonspiele der österreichischen Fußball-Bundesliga für Ihre Kunden live übertragen. Nicht zu vergessen sind natürlich die Rundfunkgebühren, die sich bundesländerabhängig im Durchschnitt auf 20 EUR pro Monat belaufen. Dafür sieht man im öffentlich-rechtlichen Free-TV immerhin noch die Spiele der österreichischen A-Nationalteams sowie die Partien des ÖFB Cups (zusammen mit Puls 4). Will man als Fußballfan in Österreich daher Fußball Live sehen, sind monatlich um die 100 EUR zu investieren.

Die Folgen für die Klubs, die Zuschauer und die Gesellschaft

Diese Diversifizierung schafft ökonomische, juristische, kommunikationspolitische und schließlich auch gesellschaftspolitische Probleme. Ökonomisch stellt sich die Frage nach der Abhängigkeit der Klubs von den Rechteinhabern. Zudem entstehen erhebliche Einbußen für jene TV-Sender, die keine Rechte erwerben konnten (wie insbesondere den öffentlich-rechtlichen und den Privatrundfunk, der sich ausschließlich aus Werbung finanziert). Drittens verlieren diese Sender an Werbewert, wodurch dieser Markt für die Werbewirtschaft langfristig weniger interessant ist. Dadurch stellt sich langfristig die Frage, ob mehr Fernsehgeld wirklich zu mehr Professionalität im Fußball führt. Gleichzeitig ist nämlich bekannt, dass  der Marktanteil von Sky bei ca. 25 % stagniert. Manche sprechen gar von einer „Krise des Pay-TV“, so Ex-ORF und RTL-Chef Gerhard Zeiler.

Die Zahlungsbereitschaft für Pay-TV ist offenbar doch nicht so groß wie gedacht. Juristisch ist die Situation zunächst wettbewerbsrechtlich bedenklich. Hier stellt sich die Frage, ob das Kartellrecht für die Regulierung von Sportrechten nicht unzureichend ist: Durch die Aufteilung von Sportrechten wird effektiv der Gesamtpreis für Fußball-Übertragungen exorbitant erhöht, da nicht alle Rechte bei einem Anbieter konzentriert sind. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob nicht die Marktdefinition adjustiert werden muss: Neben dem Fernsehen sind die meisten Medienanbieter auch Online und auf Social Media präsent. Weiter stellt sich die Frage, inwiefern öffentlich-rechtliche Medienanbieter ihren Sportauftrag noch erfüllen können, wenn sie – von den Spielen der Nationalteams, der Frauen-Bundesliga und dem Unterhaus abgesehen – keinen relevanten Fußball mehr übertragen können. Diese Frage ist insofern hochrelevant, als sich die meisten dieser Organisationen durch öffentliche Gebühren finanzieren, wodurch die Frage entsteht, ob die Gebührenzahler „Anspruch“ auf ein gewisses Programm als Gegenleistung für ihren Rundfunkbeitrag haben könnten.

Kommunikationspolitisch stellt sich die Frage, inwiefern sich die Qualität der Übertragungen dadurch ändert. Öffentlich-rechtliche Medien haben aufgrund ihres öffentlichen Auftrages einen höheren Qualitätsanspruch als privates Pay-TV. Zweifellos sind aber auch im Sportjournalismus Qualitätskriterien anwendbar. Gesellschaftspolitisch ist schließlich zu fragen, welche Bedeutung dem Ausschluss eines Großteils der Sportinteressierten von der Rezeption eines Volkssports im Hinblick auf die Identitätsbildung zukommt. Fußball ist ein Gemeinschaftsereignis, das Völker und Nationen zusammenbringt und in Zeiten von Flüchtlingskrisen und Extremismus ein verbindendes Element darstellen kann. Darüber hinaus erfüllt die Fußballberichterstattung auch eine gesundheitliche Funktion, als junge Menschen zu Sport animiert werden.

Oft wird gegen diese Folgen eingewendet, Fußball wäre ohnehin nicht gesellschaftlich relevant. Erzählen Sie das mal dem kleinen Mädchen vor dem Fernseher.

Corinna Gerard-Wenzel, abseits.at

Corinna Gerard-Wenzel

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