Es ist kein Geheimnis, dass hochbezahlten Kickern ab und an die Perspektive verschwimmt. Dennoch soll hier nicht das Klischee des minderbemittelten Gucci-Prolo-Fußballers gepflegt werden,... G’schichterln ums runde Leder (16) – Fremdschämen! Peinlich-traurige Momente der Fußballgeschichte

Es ist kein Geheimnis, dass hochbezahlten Kickern ab und an die Perspektive verschwimmt. Dennoch soll hier nicht das Klischee des minderbemittelten Gucci-Prolo-Fußballers gepflegt werden, denn wir haben eine Mini-Sammlung furchtbarer Momente der Fußballgeschichte, in denen nicht nur Spieler ihr Fett abbekommen, zusammengestellt. Bei jenen Vorkommnissen kann man nur den Kopf schütteln und sich selbst fragen: „Wie kommt man am Schnellsten zum Erdkern?“.

Charity?! – Nicht mit uns!

Bobby Moore war ein Gentleman im Fußballtrikot. Der Mannschaftskapitän der Three Lions führte sein Team zum WM-Gewinn 1966 und gilt als Legende. Tragischerweise war ihm kein langes Leben vergönnt: Der spielmachende Innenverteidiger starb einige Wochen vor seinem 52. Geburtstag an Krebs. Seine Witwe gründete daraufhin zu seinem Gedenken eine Stiftung für Krebsforschung. Mitte der 2000er-Jahre wollte der britische Sportjournalist Leo Moynihan mit „Match of my life“ eine Sammlung von Aufsätzen, diktiert von englischen Nationalspielern, die ab 1950 an Weltmeisterschaftsendrunden teilgenommen hatte, veröffentlichen. Der Erlös aus dem Buchverkauf sollte zur Gänze an die Moore-Stiftung fließen. Doch die Produktion gestaltete sich für den Autor in einer Hinsicht schwierig: Moynihan versuchte verzweifelt auch Lions, die 2002 in Japan und Südkorea aufgelaufen waren, an Bord zu holen. Doch die Burschen weigerten sich mitzumachen: „Es war eine wahre Schande. Fast alle Agenten der Spieler empfanden es als Zumutung, dass ihre Klienten 45 Minuten ihrer kostbaren Zeit für nur 1000 Pfund Honorar opfern sollten und fertigten uns mit einem knappen „Nein“ ab.“  Den Höhepunkt schoss aber jener Spieler ab, der selbst laut schimpfend den Hörer auf die Gabel knallte: Never! Dem Autor blieb schließlich nichts anderes übrig, als selbst einen kurzen Rückblick über jenes Turnier zu schreiben, bei dem Beckham und Co. im Viertelfinale scheiterten.

Barthez blödes Blablabla

Göttlicher Glatzkopf – le divin chauve – so nannte man Fabien Barthez in seiner Heimat. Seine exzentrische Persönlichkeit erbte er wie sein sportliches Talent von Papa Alain. Alain spielte Rugby, seinen Junior zog es zum Fußball. Dank seines beweglichen, schnellen Spiels machte Fabien eine Weltkarriere, die er jedoch mit genügend Skandalen garnierte.

Anfangs kam er unschuldig zum Handkuss: 1994 wurde seiner Mannschaft, Olympique Marseille, aufgrund eines Bestechungsskandals die französische Meisterschaft aberkannt und der Verein in die Zweite Liga zurückgestuft. Nur ein Jahr später landete das Toptalent bereits selbst in den Schlagzeilen: In Barthez Blut wurde THC nachgewiesen. Der Verband sperrte den Kiffer-Kicker wegen Dopingmissbrauchs für vier Monate. Trotzdem stieg Fabulous Fab – wie man ihn später in England nannte – zur Weltspitze auf. Die Yellow Press begann sich für seine Urlaube mit Supermodel Linda Evangelista zu interessieren, der Tormann selbst lieferte bereitwillig Einblicke in sein Privatleben. Aus seinem ungesunden Lebensstil machte er keinen Hehl: Oft wurde er beim Rauchen erwischt und als er bei Manchester United in Ungnade gefallen war, erklärte er salopp: „Falls jemand von mir erwartet, dass ich viel schlafe und gesund esse, kann ich darüber nur lachen. Ohne Schlaftabletten würden meine Augen nicht vor zwei Uhr zufallen.“ Damals hätte man bereits ahnen können, dass auch der Herbst seiner Karriere nicht friedlich verlaufen würde. Barthez Zeit als Profi endete – wenige Tage nachdem er seinen damaligen Mitspieler Dimitri Payet im Training böse umgegrätscht hatte – mit einer Prügelei in Nantes.

Den unrühmlichsten Moment seiner persönlichen Skandal-Enzyklopädie begründet jedoch ein sexistisch-unsportlicher Sager nach einem Freundschaftsspiel. Der Welt- und Europameister erklärte: „Niemand ist verletzt oder tot. Ich bedaure gar nichts. Wir sind schließlich Männer, die etwas zwischen den Beinen haben.“ Mit diesen Worten rechtfertigte er damals kein hartes Einsteigen, sondern, die Tatsache, dass er den Schiedsrichter angespuckt hatte. Einfach zum Fremdschämen. Es setzte fünf Monate Sperre für den Unbelehrbaren. Wenig später erklärte Barthez: „Solche Dinge passieren jeden Tag auf den Straßen. Wenn du beleidigt wirst, flippst du eben aus.“ So viel zur Selbst-Réflexion.

Vergangenheitsbewältigung auf Italienisch

Ein glatzköpfiger Tormann mit seltsamen Ansichten ist auch Christian Abbiati. Der Spieler, der 1977 in der Lombardei geboren, debütierte als 21-jähriger in der Serie A. Achtzehn Jahre lang war er beim AC Mailand unter Vertrag und lief vier Mal für die Squadra Azzurra auf. 2008 beendete er seine Karriere und ist heute vor allem für ein Interview bekannt, in dem er sein beratungsresistentes Weltbild erläuterte. „Ich bin ein Mann der rechten Seite. Ich teile gewisse Werte des Faschismus: Vaterland, Gesellschaftsordnung, Respekt gegenüber der katholischen Religion.“, teilte der „Fachmann“ dem italienischen Magazin „Sportweek“ mit und schien sich über herbe Kritik an dieser Aussage zu wundern.

Die internationale Sportwelt zeigte sich geschockt und Abbiati gelang, was ihm mit seinen Haltekünsten kaum geglückt war: Er schaffte es weltweit in die Nachrichten. Alleine stand er mit seiner Haltung in der italienischen Fußballwelt freilich nie da:  West Ham-Legende Di Canio trägt seine Gesinnung auf der Haut und sogar Welttorhüter Gianluigi Buffon fiel durch die Verwendung faschistischer Sprüche auf. Die große Beliebtheit faschistischer Ideologie unter Fußballern ist für Italien symbolisch, denn das Märchen von der Operetten-Diktatur unter Mussolini wird von Generation zu Generation weitergegeben. Der Führerkult um Il Duce hält sich hartnäckiger als Barolo-Flecken auf dem Hemd: Neo-Faschisten mystifizieren diese Zeit während sich die traditionell starke Linke tapfer aber oft vergeblich um eine andere Geschichtsrezeption bemüht.

Abbiati relativierte seine Aussagen dahin, dass damals natürlich nicht alles gut gewesen sei. Die Allianz mit Hitler-Deutschland sei beispielsweise ein Fehler gewesen. Maldini, damals Milan-Kapitän, wollte weder diese noch jene Aussagen kommentieren. Bestraft wurde Abbiati für seine skandalöse Meinung nie. Vergogna!

(Kommerz)schweine

Die Katastrophe im Heysel-Stadion schockte am 29. Mai 1985 die ganze Fußballwelt. „Der Sport, gedacht als eine Völkerverbindung, wurde hier zum Vehikel für bürgerkriegsähnliche Zustände.“, musste der deutsche Sportkommentator anlässlich des Europapokalfinales Liverpool gegen Juventus geschockt zu Protokoll geben. Eine lasche Ticket-Kontrolle, keine Abnahme von Pyrotechnik oder gefährlichen Gegenständen, zu wenig Polizisten und ein desolates Stadion waren die Hauptgründe für das Desaster.

Die belgische Polizei war nicht ausreichend vorbereitet, als Hooligans aus dem Liverpool-Sektor noch vor Anpfiff anfingen mit Raketen auf italienische Fans, darunter Familien mit Kindern, zu schießen. Anschließend gingen die Schläger mit Flaschen und Messern auf ihre vermeintlichen Gegner los. Die Turiner Anhänger versuchten zu fliehen. „Sie wurden eingezwängt wie in einem Fischernetz.“, erzählt ein Augenzeuge. Menschen wurden niedergetrampelt, eine Mauer stürzte ein. Am Ende gab es hunderte Verletzte, 38 tote Italiener und einen toten Briten. Trotzdem wurde das Spiel angepfiffen und Juve siegte durch ein Elfmetertor von Platini. Wer die Jubelbilder von damals sieht, kann gar nicht glauben, dass zuvor das halbe Stadion über den Platz gehetzt worden war. Die Spieler und viele Fans erfahren erst im Hotel von den Ausmaßen der Tragödie.

Diese Katastrophe ist schlimm genug, daraus aber zynisch Kapital schlagen zu wollen, schlägt dem Fass den Boden aus. Saudumme Engländer ließen ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Liverpool 38 – Turin 1“ produzieren und verkauften es unter gleichgesinnten Geschmacklosen. Um es mit Uli Hoeneß Worten zu sagen: „Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft mal ersticken wird.“

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag