Das ist kein „G’schichterl“, sondern eine veritable Geschichte. Es geht um ein Menschenleben und ein besonderes Schicksal: Lutz Eigendorf. Beruf: Profi-Fußballer. Geboren am 16. Juli 1956,... G’schichterln ums runde Leder (17) – Der Staat gegen Lutz Eigendorf

Das ist kein „G’schichterl“, sondern eine veritable Geschichte. Es geht um ein Menschenleben und ein besonderes Schicksal: Lutz Eigendorf. Beruf: Profi-Fußballer. Geboren am 16. Juli 1956, am 7. März 1983 verstorben. Der Tod des Offensivspielers gibt bis heute Rätsel auf: War es tatsächlich ein Unfall oder hatte die Stasi ihre Finger im Spiel? Eine Antwort auf diese Frage kann auch hier nicht gegeben werden. Eigendorfs Geschichte ist es dennoch wert erzählt zu werden.

Fluchtpunkt Westen

Am 20. März 1979 betritt die Nummer 4 des ostdeutschen Kultklubs BFC Dynamo mit gequältem Gesicht das Feld des Betzenbergs. Niemand weiß wirklich, ob Eigendorf seine Flucht geplant hat oder spontan entschied. Die Berliner sind zum Freundschaftsspiel nach Kaiserslautern gekommen. Nach der Niederlage schweigen sich die beiden Teams eine Stunde lang beim gemeinsamen Bankett an: Kontaktverbot. Für die DDR-Spieler steht mit dem Einkaufsstop am nächsten Tag in Gießen das Highlight ihres Ausflugs auf dem Programm. Eigendorf hat eigene Pläne: Er flieht ohne Geld mit einem Taxi zurück nach Kaiserslautern. Der damalige FCK-Geschäftsführer Norbert Thines erinnert sich noch genau: „Da kam ein junger Mann mit braunem Ledermantel in die Tür und sagte: „Ich bin abgehauen. Ich bleibe hier.“ Die Flucht in den Westen sollte ein Neuanfang für den damals 23-Jährigen werden. Seine Vergangenheit kann er jedoch nicht einfach abschütteln. Während Lutz unter falschem Namen in einem Hotel versteckt wird, quält die Stasi seine Familie. Nicht nur Lutz‘ Frau Gabriele und Tochter Sandy werden schikaniert, in jenem Plattenbau in Brandenburg an der Havel, wo der Spieler aufwuchs, installiert die Stasi Wanzen.

Dabei waren die Eigendorfs nach außen hin einst eine systemkonforme Familie: Der Vater ist Sportlehrer, die Mutter Kindergärtnerin. Lutz ist Pionier und tritt später der SED bei. Er arbeitet nach dem Abbruch seiner Lehre zum Elektromonteur bei der Volkspolizei. Bereits als Kind beginnt er bei Motor Süd Brandenburg mit dem Kicken. Er erlebt die optimale Förderung eines Systems, das auf Leistung ausgelegt ist. Nach der Sportschule kommt er 1970 zum Rekordmeister Berliner Fußball Club Dynamo. Der BFC ist Erich Mielkes Lieblingsverein und wird von der Staatsführung zum Seriensieger manipuliert. Die Fanszene gilt als gewalttätig bis neonazistisch, der Reiz in der Höhle des Löwen Krawall zu machen, ist für viele junge Männer einfach zu groß. Eigendorf, der Mann mit den sanften Gesichtszügen, gilt als begabter Mittelfeldspieler. Man ruft ihn „Beckenbauer des Ostens“. Zum Zeitpunkt seiner Flucht ist er Kapitän des BFC und hat bereits 100 Oberligaspiele bestritten. Seit der U18 läuft er international auf, sein letztes Spiel für die Nationalmannschaft macht er einen Monat vor seiner Flucht.

(Alfa-)Romeo

Die über vierzig Jahre andauernde Existenz der Deutschen Demokratischen Republik wird heute nicht mehr so wahrgenommen, wie sie es eigentlich verdient hätte. Für viele verkommt die kommunistische Herrschaft in Ostdeutschland zu einer Operettendiktatur: Der Zusammenhalt, die billige Miete, keine Arbeitslosigkeit – ungeniert ist man verleitet positive Nebenprodukte des „realexistierenden Sozialismus“ hervorzuheben. Das Dritte Reich gilt im kollektiven Gedächtnis als Maßstab für Diktatur, alles andere firmiert unter dem Schlagwort „Verwaltungsübertretung“. Die Wahrheit ist trauriger: Wer in der DDR nach Freiheit strebte, saß im Zweifel in einem der unmenschlich betriebenen Gefängnisse, war einer der 140 Mauertoten oder musste unter Einsatz seines Lebens fliehen.

Stefan Kretzschmar, Ex-Handballprofi, bestätigte 2014: „Ich wuchs in einem System auf, in einer Familie, in einer privilegierten Familie auf, zu DDR-Zeiten, weil meine Eltern natürlich ganz erfolgreiche Sportler waren. Alle Annehmlichkeiten des Systems haben wir genießen dürfen.“ Auch Eigendorf profitiert davon ein Sportidol im Arbeiter- und Bauernstaat zu sein. Er heiratet seine Jugendliebe und wird Vater einer Tochter. Sorgenlos leben sie zu dritt in einem Berliner Hochhaus. Eigendorf gilt als apolitisch aber angepasst. Für die Führung der DDR ist die Republikflucht des Mittelfeldspielers ein propagandistisches Desaster. Das Verschwinden des BFC-Kapitäns soll auf Befehl von oben ignoriert werden. Sämtliche Devotionalien mit seinem Konterfei werden vernichtet, der Name Eigendorf überall gestrichen. Minister Mielke, der mächtigste BFC-Anhänger, ist schwer getroffen und befiehlt höchstpersönlich die Überwachung der Verwandtschaft Eigendorfs. Ehefrau Gabriele soll in die „Romeo-Falle“ tappen: Ein alter Bekannter wird als Stasispitzel gekauft um ihr den Kopf verdrehen. Peter H. verhindert tatsächlich erfolgreich die Familienzusammenführung, im Juli 1979 wird die Ehe Eigendorf geschieden.

Der Republikflüchtling arbeitet derweilen aufgrund einer FIFA-Sperre wegen des Vereinswechsels als Jugendtrainer. Er hat im Westen politisches Asyl erhalten und kann erst ab 1980 für die „Roten Teufel“ kicken. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits von ostdeutschen Agenten, sogenannten IMs (Inoffiziellen Mitarbeitern), eingekreist. Ein Frühpensionist aus Duisburg mit dem Decknamen „Buchholz“ gibt sämtliche Infos nach Ost-Berlin weiter: Er berichtet über Eigendorfs Leidenschaft für Tennis, seinen Alfa-Romeo und notiert in welchen Kneipen er sich bevorzugt aufhält.

Tod dem Verräter

Lutz Eigendorf lebt nicht wie ein Mönch. Seine neue Freundin ist noch Schülerin, als sie sich kennenlernen. Ihr erzählt er von seiner Angst entführt und zurückgeschmuggelt zu werden. Das hatte die ostdeutsche Staatsführung jedoch nie geplant. Aus Sicherheitsgründen wird Eigendorf vom BRD-Geheimdienst angehalten öfters den Wohnsitz zu wechseln, Auswärtsspiele in Russland oder Bulgarien sind für ihn tabu. Auf dem Platz agiert der Mittelfeldspieler zwar hochmotiviert, doch das geht nicht ewig gut. Er ist zwar der „Beckenbauer der DDR“, spielt jedoch jetzt im Westen: Technische Schwächen, Verletzungssorgen und Konflikte mit Trainer Feldkamp verhindern, dass er seine Leistung voll abrufen kann. Dazu kommen vermeintliche Starallüren: Eigendorf will Sonderurlaub, um einen Flugschein zu machen. Feldkamp fragt ihn, ob er noch alle Tassen im Schrank hat.

Nach 53 Liga- und vier Pokalspielen wechselt der Mittelfeldspieler zu Eintracht Braunschweig. Im Oktober 1982 heiratet er seine Freundin Josefine, Sohn Julian wird wenig später geboren. Lutz Eigendorf begeht einen Fehler, der sein Schicksal wahrscheinlich besiegelt. Er gibt der ARD-Sendung „Kontraste“ ein provokantes Interview: „Ich kann natürlich nicht abstreiten, dass ein gewisser Reiz darin gelegen hat bei mir, ein bisschen mehr Geld zu verdienen. […] Aber ich glaube, dass der Reiz einmal in der Bundesliga zu spielen, wo doch an sich das Leistungsniveau höher ist als in der DDR-Oberliga, doch sehr groß war.“ Am 5. März 1983 spielt Braunschweig gegen den Vfl Bochum. Eigendorf sieht von der Ersatzbank frustriert zu. Nach dem Besuch in der Stammbar der Spieler kommt er gegen 23.00 Uhr mit seinem Auto von der Straße ab und prallt gegen einen Baum. Im Krankenwagen wird ein Promillewert von 2,2 festgestellt. Lutz Eigendorf stirbt zwei Tage später an einem ausgeprägten Schädel-Hirn-Trauma.

Die Rekonstruktion des Abends weist zahlreiche Widersprüche auf: So behauptet Eigendorfs zweite Frau, dass ihr Mann nie so viel getrunken hätte: „Das war nicht seine Art.“ Auch sein Fluglehrer bestätigt, dass Eigendorf keineswegs betrunken war, sondern aufgrund eines Flugs am nächsten Tag früh ins Bett gehen wollte. Zahlreiche Zeugen in der Kneipe konnten ebenfalls nicht aussagen, dass der Fußballer mindestens 4,3 Liter Bier, wie es für so einen Promille-Wert nötig gewesen wäre, konsumiert hätte.

Jahre später kann aufgrund offizieller Dokumente davon ausgegangen werden, dass jedenfalls ein Anschlag auf Eigendorf geplant war. Für die Theorie, der Spieler sei von IMs gekidnappt, vergiftet und mit dem Auto gehetzt worden, gibt es einige Anhaltspunkte, beispielsweise erhielten Spitzel am Unfallstag und am Todestag Eigendorfs Prämien. Die deutlichsten Hinweise sind jedoch handschriftlich verfasste Stichworte in Eigendorfs Stasi-Akte: „Unfallstatistiken? Von außen ohnmächtig? Verblitzen, Eigendorf, Narkosemittel.“ kann man dort lesen. BFC-Spieler erfahren vor einem Auswärtsmatch im (kapitalistischen) Stuttgart vom Tod ihres ehemaligen Mitspielers. Es hält zwei von ihnen nicht davon ab ebenfalls Republikflucht zu begehen: Falko Götz und Dirk Schlegel nützen im November desselben Jahres ein Match in Belgrad zur Flucht.

Die Eltern des Fußballers, der „Beckenbauer des Ostens“ genannt wurde, müssen am 17. März 1983 ihr einziges Kind auf dem Waldfriedhof Kaiserslautern begraben. Auch sie kehren danach nicht in den Osten zurück. Lutz Eigendorfs Schicksal kann bis heute nicht aufgeklärt werden.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag