Letzte Woche habe ich meinen Schulfreund O. getroffen. Mit O. kann man „ohne Maulkorb“ reden. Ohne Selbstzensur. Wir sprechen meistens über alte Zeiten, Kunst,... Kommentar: Warum #oezilout einen Diskurs anstoßen sollte

Letzte Woche habe ich meinen Schulfreund O. getroffen. Mit O. kann man „ohne Maulkorb“ reden. Ohne Selbstzensur. Wir sprechen meistens über alte Zeiten, Kunst, unsere Jobs und Politik. Im Zuge einer Debatte übers Älterwerden platzte es aus O. heraus:  „Wer soll dich einmal pflegen? Die ganzen Musel da?“ Ich musste grinsen. Ich halte es für eine Illusion, Reflexe wie Witze in der Millisekunde moralisch zu verurteilen und daher automatisch nicht komisch zu finden. Gleichzeitig blinkte natürlich das Alarmsystem meines Verstandes: „Achte auf deine Gedanken, denn…“

Dasselbe limbische Oberdeck fragt mich gerade, ob ich noch richtig funktioniere, weil ich das in diesem Text so freimütig zugebe: Deine Leser werden dich für (höflich) unsensibel bis (kritisch) rassistisch halten, du Eierschädel! Warum boxe ich mich also freiwillig in diese Ecke? Ich halte mich für exemplarisch. Zu meiner Ehrenrettung: Ich beeilte mich O. an ordentliche Gesprächskultur zu erinnern, ehe ich die Diskussion um Breiinfusionen und Endstation Pflegeheim Hietzing sachlich fortzusetzen versuchte.

O. ist in den vergangenen Jahren politisch nach rechts gerückt. Könnte man meinen. Dabei hat O. einen vermeintlichen Vorteil: Er ist selbst Einwandererkind. Seine Eltern sind aus einem osteuropäischen Land nach Österreich gekommen, haben ihren Kindern bei uns gebräuchliche Vornamen gegeben und ihnen ansprechende Ausbildungen ermöglicht. O. gibt zu, dass er die Grammatik seiner Muttersprache nie so recht kapiert hat, weil daheim eben vorwiegend deutsch gesprochen wurde. Ich halte auch meinen Schulfreund O. für exemplarisch. Er kann sich der aktuellen Migrationspolitik von der Maschek-Seite nähern ohne dass die allmächtige Nazi-Eichenholzkeule geschwungen wird? Ist das ok?

Perspektive gesucht

Mesut Özil ist aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Sein Statement umfasst drei Seiten und behandelt das vermaledeite Erdogan-Erinnerungspic, seine Erfahrungen als hochbezahlter Gastarbeiter, Rassismus in Deutschland und mangelnde Unterstützung durch den DFB. Hashtag Oezilout ist mehr als nur ein Rücktritt. Es ist das Symptom eines Problems, Kern einer weltweiten Krise. Ich sehe das so. Man kann die Geschehnisse aber aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten:  Sportlich, menschlich, moralisch, ökonomisch. Bayern-Präsident Hoeneß bevorzugte erstere Sichtweise und sprach dem 29-jährigen jegliche Führungsspielerqualitäten ab. 11 Freunde konterte: „Alle Statistiken zusammengenommen ist Özil ohne Zweifel einer der besten offensiven Mittelfeldspieler der vergangenen Jahre. Vor allen Dingen in der Offensive gab es wohl keinen Spieler, der durch sein Passspiel seiner Mannschaft so geholfen hat wie Özil.“

Einig waren sich sämtliche Kommentare – gleich aus welcher Perspektive sie berichteten -, dass der Arsenalspieler Vorwürfe bezüglich seines Treffens mit dem türkischen Präsidenten nicht verstanden hat. Nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ ging Özil in die Offensive: Lothar Matthäus habe auch Fotos mit Putin gemacht. Es sei bei seinem Treffen mit Erdogan nur um Respekt vor dem Amt gegangen. Özils Nemesis ist ein anderer Präsident: DFB-Chef Reinhard Grindel persönlich. „Ich werde nicht länger der Sündenbock sein für seine Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job gut zu machen.“ Deswegen – „wegen der Behandlung durch den DFB und viele andere“ – wolle der gebürtige Gelsenkirchner nicht mehr für die Nationalmannschaft auflaufen. Doch ist an Özils Rücktritt viel mehr als nur punktueller Rassismus schuld?

„Was ist so schlimm daran?“

…fragt Henryk Broder. Wo ist das Problem, dass es Deutsch-Türken, Deutsch-Polen, Deutsch-Marokkaner etc. gibt? Er selbst werde auch immer auf seine jüdische Herkunft angesprochen, obwohl er viel lieber Fragen zu Island – seiner geistigen Heimat – beantworten würde. Mesut Özil ließ verlautbaren: „Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches. Während meiner Kindheit hat mich meine Mutter gelehrt, immer respektvoll zu sein und nie zu vergessen, wo ich herkomme.“ Für den Kolumnisten und Autor kommt die Geschichte mit den Wurzeln, den zwei Herzen in einer Brust, der geschichtlichen Verpflichtung, des Ahnengedenkens meistens aus einem Eck. Broder: „Was ist zuerst da: Das Nicht-Akzeptiert-Werden oder das Nicht-Dazugehören-Wollen?“ Der selbsternannte „Beute-Deutsche“ sieht es als exklusives Problem der türkisch-muslimischen Community sich trotz aller Assimilierungsanstrengungen nicht akzeptiert zu fühlen. Schließlich gäbe es tausende ethnische Polen, Russen oder Asiaten, die nicht über Integrationsprobleme klagen würden und für die ihre duale Herkunft normal sei.

Zumindest auf europäischer Ebene kann Broders These widerlegt werden: Schließlich beschwerte sich auch Belgiens Superstar mit afrikanischen Eltern: „Wenn es gut lief, las ich Zeitungsartikel und sie nannten mich Romelu Lukaku, den belgischen Stürmer. Wenn es nicht gut lief, nannten sie mich Romelu Lukaku, den belgischen Stürmer kongolesischer Herkunft.“ Dirk Stermann, Lieblings-Piefke der Nation, stöhnt: „Ich bin immer Deutscher, halt!“ Und auch ich kämpfe mit Vorurteilen, wenn sie auch nicht ethisch bedingt sind: Wenn mein Text nicht gefällt, hacken viele Gift und Galle speiend in die Tastatur, dass Frauen gar nicht über Fußball schreiben sollten. X-X-Chromosom-Disposition fürs geistige Eierkicken. Es ist also vielleicht kein Problem der Provenienz, sondern ein Problem der Vorurteile. Wer verärgert ist, raunzt, antwortet emotional, nicht überlegt, sondern pöbelt. Sollte man doch auf die Frage der nationalen Identität zurückfallen, fällt auf, dass wir uns global in einer Identitätskrise befinden.

Fußballmannschaften waren immer schon voller Einwandererkinder. Die südamerikanischen Teams der 20er waren ausschließlich mit Nachfahren von Italienern, Serben und Spaniern bestückt. Beim aktuellen Weltmeister kickten früher Halb-Italiener oder Halb-Spanier, heute sind es Burschen der Vororte mit Berberhintergrund oder zentralafrikanischen Wurzeln. Identität muss nicht Abstammung bedeuten. Identität kann Verständigung auf einen Wertekanon, Kodex des Zusammenlebens, auf Sprache, Beruf, Kultur sein. Eine Reduktion auf rein ethische oder völkische Gesichtspunkte ist nicht nur beschränkt, sondern schlicht dumm. Der Chef der Wiener Identitären entblödet sich etwa nicht zu sagen, seine Gruppe wolle doch einfach nur jener Kultur ihr Überleben sichern, „die hier schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden gelebt werde“. Ich weiß nicht, was meine geschätzten Leser in ihrer Freizeit tun. Aber ich bezweifle, dass viele Samstagabend das germanische Thing aufsuchen, spitzklöppeln oder im Jupitertempel Opfer darbringen. Gibt es viele Bräute in Österreich, die am Hochzeitstag noch Kraut salzen? Wann haben Sie sich zuletzt die abgefeuerte Patrone eines Wildschützen unter die Zunge gelegt um Zahnschmerzen zu lindern? Bräuche, Traditionen, Kulturen sind stets im Wandel begriffen. Es gibt keine kulturelle Beständigkeit, es gibt keine generationsübergreifende Identität. Alles fließt. Alles verändert sich.

Alles neu

Die behäbige Welt ist zusammengerückt. Es gibt mehr Migrationshintergründe denn je, damit einher gehen auch Bi- bzw. Multiidentitäten. Das Abringen von Bekenntnissen für eine Nation ist schwierig zu bewerkstelligen. Zudem ist es oft einfach nur frech: Wer die Hymne mitsingt ist integriert? Noch einfacher geht’s wohl nicht. Wir leben in einer neuen Welt: Von der Geschichte willkürlich gezogene Grenzen verlieren ihre Bedeutung. Es muss erst ein neuer Weg gefunden werden. „Warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?“, fragt Özil. Womit wir wieder beim Henne-Ei-Problem wären. Keine Diskussion gibt es aber, wenn es um zivilisatorische Standards geht. Diese für die Nachwelt zu erhalten ist unabdingbar und unsere heilige Pflicht. Mit kulturellen, sittlichen oder religiösen Unterschieden darf nichts begründet werden, das einer sozialen, weltoffenen Gesellschaft entgegensteht. Keine Unfreiheit über Freiheit, kein klerikalisierter Raum, keine (patriarchale) Herrschaftskultur, kein sinnloser Nationalismus. Kein Gequake von (französischer) Diversität, die sich in Russland weltmeisterlich gezeigt hat. Es ist lächerlich ein Zeitgeistphänomen (= Einwanderung) – ist es wirklich eines? Völkerwanderung?! – für Erfolg und Misserfolg im Sport festzumachen. Potenzialfokussierung bedeutet mehr als Arbeitsplätze, bezahlte Steuern und den erworbenen Pass.

Wahrscheinlich kann niemand, der keine multinationalen Gefühle in sich trägt, richtig nachempfinden, wie zerrissen sich die Protagonisten teilweise fühlen. Je konträrer die Kulturen sind, desto schwieriger der Kampf um eine lebbare Hegemonie. Klar ist jedoch: Wir leben neue globale Herausforderungen, die mit Antworten von gestern nicht zu lösen sind. Mein Schulfreund O. sieht nicht ein, warum jemand aus Anatolien oder Tschetschenien fremder bleibt als er und seine Familie. Jemand aus Grosny oder Antalya wahrscheinlich auch nicht. Zumindest das haben sie gemeinsam.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag