Als Matthias Sindelar am 23. Jänner 1939 nicht mehr die Augen aufschlägt, komplettiert sich sein Leben in einem letzten Rätsel. Der Mythos des „Papierenen“... Matthias in aeternum – 75 Jahre nach dem Tod des „Papierenen“

Retro FußballAls Matthias Sindelar am 23. Jänner 1939 nicht mehr die Augen aufschlägt, komplettiert sich sein Leben in einem letzten Rätsel. Der Mythos des „Papierenen“ schließt sich zu einem Kreis und vollendet sein unvollendetes Lebenswerk. Er starb zum richtigen Zeitpunkt. Jenem Zeitpunkt an dem man – ob man will oder nicht – auf und neben dem Platz zur Legende wird.

In Sindelars Lebensgeschichte wollte ich nach Wahrheit suchen. Unzählige Male hätte ich gern aufgegeben und beinahe führte die Schwere der Ereignisse dazu, dass ich nichts Ordentliches zu Papier gebracht hätte. Das Ergebnis meiner Arbeit entspricht nun auch weniger einem herkömmlichen Porträt als der Spurensuche und den eigenverantwortlichen Gedankenverknüpfungen einer nachgeborenen Bewunderin. Nicht der Mythos rührte mich primär, sondern schlichtweg das große Talent des „Papierenen“ dessen Abglanz in raren Filmdokumenten immer noch nachglüht. Selbst Herbert Prohaska bekam von seinem Vater zu hören, dass es mit Sindelar immer einen Besseren als ihn geben würde. Niemand, der „Sindi“ spielen sah, hat ihn vergessen: Er ist eine der Anomalien der Fußballevolution weltweit und braucht keinen Vergleich mit heutigen Weltstars zu scheuen.

„Tod durch Einatmen von Kohlenmonoxyd, hervorgerufen durch einen offensichtlich schadhaften Kamin.“, steht im Totenschein. Er beschreibt formal jene Tragödie, die an einem unwirtlichen Sonntagabend ihren Lauf genommen hat: Der nackte, tote Sindelar im Bett, daneben seine nackte, komatöse Geliebte. Am wienerischen „Nachtkastl“ französischer Cognac. Halbleer. Götterdämmerung in Wien I. Der beste Fußballer seiner Zeit ist tot und hat das Geheimnis seiner Persönlichkeit unwiederbringlich in die Unvergesslichkeit und Unvergänglichkeit mitgenommen.

Manches steht aber damals wie heute fest. Man weiß, woher er kam und wer er bis zu diesem Montag des Jahres 1939 geblieben ist. „Er war ein Kind aus Favoriten und hieß Matthias Sindelar“ – halb-richtige Worte aus dem Munde Friedrich Torbergs, eines Wieners vom Alsergrund. Ganz am Anfang tut aber Matěj Šindelář in Kozlau (Mähren) seinen ersten Schrei, ehe er als Dreijähriger nach Favoriten verpflanzt wird. Die Sindelars sind gewöhnliche Wirtschaftsflüchtlinge. Menschen, die damals wie heute kein einfaches Leben haben. Grabenkämpfern für salonfähigen Nationalismus, die an dieser Stelle die Nase rümpfen, sei gesagt, dass Migrationswellen um die Jahrhundertwende nicht nur den historischen Gegebenheiten, deren biologisch-geistiges Produkt die heutigen, alteingesessenen Wiener darstellen, entsprechen, sondern darüber hinaus weder zum Schämen noch nachteilig, sondern gerade eben das Schöne und Beneidenswerte an uns Österreichern, sind: Der Völkerreichtum, der einen kulturell-saftigen Nährboden auftut, auf dem sich Neu-Vermischtes tummelt, anstatt ewig in derselben Soße zu schmoren.

„Motzl“

Die donaumonarchischen Wurzeln des Fußballers versinnbildlichen diese Geschichtsepoche treffend. Wie tausende Einwanderer auch, bezieht die Familie eine ärmliche Wohnung, von der Vater Sindelar jeden Tag aufbricht um seinem Tagwerk am Bau nachzugehen.

„Motzl“ und seine Schwestern wachsen typisch favoritnerisch auf: Ohne Schuhe, ohne Hochdeutsch.

Wo heute Gemeindebauten stehen, rauft „der Bub“ nachmittags mit anderen Kindern um das „Fetzenlaberl“. Auf der Steinmetzwiese kicken sie jeden Tag. Seine beiden Identitäten – Fußballer und Favoritner – behält Sindelar bis zum Schluss. Er wird die elterliche Wohnung in der Quellenstraße 75 bis zu seinem Lebensende nicht verlassen.

Die, trotz der Einfachheit der Verhältnisse, glückliche Kindheit durchbricht der Erste Weltkrieg: Matthias verliert seinen Vater an der Isonzofront und muss Mutter und Schwestern ab diesem Zeitpunkt mit seinem Lehrlingsgehalt alleine durchbringen. Nur sein fußballerisches Talent rettet ihn vor einer „Karriere“ als Autoschlosser. Wenige Häuserecken von der elterlichen Wohnung entfernt, trainiert und spielt der spätere „Wunderteam“-Stürmer sechs Jahre lang für den ASV Hertha Wien. 1924 wird er mit Hängen und Würgen von den Wiener Amateuren aufgenommen. Mittelläufer Max Reiterer und Verteidiger Karl Schneider drängen Präsident Hahn dazu auch ihren Kollegen Sindelar zu verpflichten. „Die Lücken der Mannschaft wurden mehr schlecht als recht durch den Hertha-Mann Sindelar […] ausgefüllt.“, heißt es in einer frühen Zeitungskritik. Irren ist menschlich. Und in diesem Fall urteilen viele zu menschlich über einen unmenschlichen Fußballer, denn acht Jahre später ist der Favoritner im Dienste der Wiener Austria, wie die Amateure seit 1926 heißen, ein Star und unverkäuflich. Jedes Angebot wird abgelehnt: Ob aus London oder Hütteldorf.

Der „Papierene“

„Herr Sindelar?! Der „Papier‘ne“ – so ham wir g‘sagt.“, erzählt meine einundneunzigjährige Großmutter. Im violetten Trikot spielt in den 20er-Jahren der populärste Kicker Wiens und beste Fußballer Europas. Er ist seinen Kollegen in fast allen Bereichen überlegen. Seine Wendigkeit und Technik sind nicht von diesem Planeten. Den Matthias Sindelar des 21. Jahrhunderts kennt jedes Kind von Angola bis Zypern. Er ist Argentinier, spielt bei Barcelona und heißt Lionel Messi. So und nicht umgekehrt.

Ernst Reitermaier, ehemals Wacker Wien, erinnert sich: „Wenn er nach links spielen wollte, hat er nach rechts angedeutet. Er hat immer das Gegenteil gemacht, von dem was der Gegner vermutet hat.“ Sindelars „wohltempierter“ Spielwitz wird zu seiner gefährlichsten Waffe: Gedankenschnell, trickreich und torhungrig. Der Favoritner ist Hauptprotagonist der Wiener Schule sowie Co-Erfinder des raffinierten Kurz-Pass-Spiels – bekannt als „Scheiberglspü“. „Er hat drei, vier mit einem Hacken ausgeschaltet.“, weiß Freund und Ex-FAK-Spieler Franz Beranek zu berichten. „Ein Phänomen.“, ergänzt WAC-Legende Otto Fodrek.

Matthias Sindelars Wienerische Grandezza ist das optische Gegenteil zu seiner „Henderl-Aufmachung“. „Er war nicht schwach, er konnte sich behaupten.“, entzaubert Theodor „Turl“ Wagner jedoch die Legende vom „zweikampffeigen“ Sindelar. Der Edelzangler muss sich oft gegen zwei, drei Verteidigerbrocken durchsetzen, die sich ab dem Anpfiff an seine Fersen heften.

Sein körperloses Spiel mit dem Ball dagegen ist Überbleibsel eines seelischen „Knacks“: Noch zu Hertha-Zeiten stürzt „Sindi“ im Freibad und zieht sich eine schwere Meniskusblessur zu. Sein Retter heißt Dr. Emanuel „Michl“ Schwarz, der spätere FAK-Präsident, der ihn zwar nicht selbst operiert, aber Himmel und Hölle in Bewegung setzt um schließlich in Prof. Dr. Spitzy einen geeigneten Chirurgen zu finden, der seinem Schützling helfen kann.

Das bandagierte Gelenk wird ebenso wie sein leichtfüßiges Dribbling zu Sindelars Markenzeichen. Allein mit dem Ball tanzt er „wie ein Papier im Wind – so leicht, so elegant.“. Wenn sich ein Gegenspieler in den Weg stellt, kracht er aber notfalls auch hinein. Dabei erweist sich seine Natur als nützlich: „Er hat den Instinkt gehabt, wo der Ball hingeht, wer ihn attackiert.“, berichtet „Turl“ Wagner und weiter: „Mit dem Schmäh ist es nicht immer gegangen, er musste auch den Körper einsetzen. Er hat ja auch viele Kopftore gemacht.“

Ergänzung: Der Matthias Sindelar des 21. Jahrhunderts ist gleichzeitig auch Portugiese, spielt für Real Madrid und heißt Cristiano Ronaldo.

Trotz ihres Superstars spielt die Austria in den Zwanzigerjahren weitgehend mittelmäßig. In der Nationalmannschaft gilt „Sindi“ zwar als gesetzt, er wird aber nach einem 0:5-Fiasko gemeinsam mit Vienna-Stürmer „Fritz“ Gschweidl als erklärter Sündenbock aus dem Kader gestrichen. „Sindis“„Scheiberlgspü“ war gegen eine Süddeutsche Auswahl die falsche Taktik für den schneeverwehten Boden. Verbandskapitän Hugo Meisl bleibt vierzehn Spiele lang unerbittlich, erst im fünfzehnten Match nach der peinlichen Niederlage stellt er Gschweidl und Sindelar wieder auf. Sie tauschen die Positionen: Der „Papierene“ läuft auf seiner angestammten Vereinsposition als Mittelstürmer auf, Gschweidl spielt rechts von ihm, links wird erstmals Teamneuling Toni Schall aufgeboten. Mit einem 5:0-Sieg über Schottland ist das „Wunderteam“ aus der Taufe gehoben. Und mittendrin wieder: Matthias Sindelar. Er bleibt bis die improvisierte Mannschaft zum „Plunderteam“ degradiert wird.

1932 gewinnt Österreich mit Sindelar als Kapitän den Europapokal der Fußball-Nationalmannschaften und geht bei der Weltmeisterschaft 1934 als Mitfavorit an den Start. Nach einem getürkten Halbfinale gegen Gastgeber Italien bei dem die Austro-Kicker mehr am bestochenen Referee als am Gegner scheitern, verliert man auch noch das Spiel um Platz 3 gegen Deutschland. Fußball-Österreich ist enttäuscht: Am Ende bleibt für die wahrscheinlich beste Nationalauswahl Österreichs nur der undankbare vierte Platz. Bezeichnend das Weltstar Sindelar bei der bitteren 2:3-Niederlage verletzt auf der Bank sitzt. Mit seinen grandiosen Auftritten im rot-weiß-roten Trikot gewinnt der Blondschopf am Ende nur einen Blumentopf: Seine beiden Treffer beim 2:1-Sieg über Italien gehören zwar „in die Sportgeschichte wie die Schlacht von Marathon, Hannibals Zug über die Alpen“, genauso wie sein Auftritt beim 8:2 über die bärenstarken Ungarn im Jahr 1932, als er drei Tore macht und die restlichen fünf vorbereitet.

1933 wird „Sindi“ im violetten Trikot auf den Schultern seiner Anhänger aus dem Praterstadion getragen. Ein „papierenes“ Gespenst geht um im Mitropacup und es heißt Matthias Sindelar. Mit drei Toren schießt er seine Austria gegen Inter Mailand zum Triumph. Den entscheidenden Treffer erzielt er dabei an diesem denkwürdigen 8. September 1933 in einem Kraftakt kurz vor Schluss. Drei Jahre später krönen sich die Violetten erneut zum Mitropacupsieger, dieses Mal gegen Sparta Prag. Das Jahr 1936 wird die letzte große Saison im Leben des Fußballers Matthias Sindelar.

Übernahme durch Sindelar

Er ist Mitte Dreißig und körperlich am absteigenden Ast. Immer öfter spielt er auf der Seite und nicht als Mittelstürmer. Mehr geht nicht mehr. Matthias Sindelar sucht nach einem zweiten Standbein. Wie alle Spieler hat auch er immer nebenbei gearbeitet: Zuerst in der Sportabteilung des Kaufhaus Pohl, später in einem Delikatessengeschäft. Jetzt sind die Zeiten dunkler, brauner geworden. Das Jahr 1938 bricht an und mit der Annexion an Hitler-Deutschland gibt es kein Österreich mehr: Keine nationale Auswahl und kein Profitum.

„Das soll ein Fußballer sein?“, hat Reichsnationaltrainer „Sepp“ Herberger noch höhnisch in Richtung Sindelar gemeint. In Wahrheit lechzt die NS-Führung nach blonden Helden, auch wenn sie „nur“ auf der Fußballbühne ihr Können zeigen. „Sindi“ hat für die Hakenkreuzler aber nichts übrig. Ein Arbeiterkind, ein richtiger „Ziegelböhm“, interessiert sich höchstens dann für Rassenwahn, wenn er seine eigene Herkunft schönfärben möchte. Sindelar will das nicht: Er ist Favoritner – das muss reichen.

In der „Braunkohlengrube“ bleiben aber nur wenige reinweiß. Und auch ein Matthias Sindelar ergreift schließlich die Hand, die ihm entgegengestreckt wird. Ein verlockendes Angebot soll den „Papierenen“ gefügig machen. Die neue Führung hilft bei der Erfüllung seines Herzenswunsches: Sindelar übernimmt das Café „Annahof“ in der Laxenburgerstraße 16. Das Hakenkreuz an der Sache: Es handelt sich um einen arisierten Betrieb, dessen Eigentümer im KZ Theresienstadt ermordet wird. Auf dem Papier ist aus dem „Papierenen“ nun ein Ariseur geworden. Einer, der zur Neueröffnung seines Lokals, sämtliche Parteibonzen einlädt und ein paar wohlwollende Sätze zur Vereinigung mit dem Deutschen Reich spendet. Auf der anderen Seite der Medaille steht das „Anschlussspiel“ zwischen „Ostmark“ und „Altreich“ zu dem Kapitän Sindelar seine Mannen bezeichnenderweise in rot-weißer Montur aufs Feld schickt, provokant oft danebenhaut und seinen ersten Treffer letztendlich frenetisch feiert. Jede Einberufung in die großdeutsche Nationalmannschaft lehnt er in der Folge ab: Er meldet sich als verletzt oder krank. Bekannt ist auch seine öffentliche Ankündigung den jüdischen FAK-Präsidenten Schwarz immer „griaßen“ zu wollen.

Mittäter oder Opfer: Journalist Peter Menasse hält die Geschichte vom kickenden Widerständler Sindelar für ein Märchen. Der Italiener Fabrizio Silei verdichtet genau diese Legende zu einem Kinder-Comicbuch mit dem Titel „Abseits – 1938. Ein Fußballer sagt Nein.“ Was stimmt nun? Die Wahrheit liegt in der Mitte.

Matthias Sindelar unterschied sich zwar durch sein fußballerisches Talent von seinen Mitbürgern, sein Verhalten während der NS-Zeit ist aber beinahe typisch. Er arrangierte sich bis zu einem gewissen Grad mit den neuen Bedingungen. Ausgeschlossen, dass er sich tatsächlich aktiv in irgendeiner Form an praktizierter NS-Politik beteiligte. Dagegen sprechen die „Körbe“, die er Trainer Herberger regelmäßig gab. Sindelar wollte seine Haut retten, quasi Winterschlaf halten bis ein „neuer Frühling in die Heimat kommt“. Viel zu verlieren hatte der alternde Angreifer auf dem sportlichen Feld nicht mehr. Genügend interpretationsfähige Handlungen setzt er aber dann doch, so dass ihn beide Seiten, sowohl Nationalsozialisten als auch deren Gegner, zu vereinnahmen versuchen.

Matthias Sindelar: 1903 – 1939

Das Unentschieden gegen Hertha BSC Berlin am 26. Dezember 1938 ist sein letztes Spiel. Knapp einen Monat später endet das „Geschenk Gottes“ (Hebräisch für Matthias) an die Fußballwelt und wird in den grauen Wintermorgen hinausgetragen.

Seit Stunden liegt er tot im Bett seiner Freundin in der Annagasse. Camilla Castagnola: 40 Jahre alt, geschieden, gebürtige Italienerin mit halbseidenem Freundeskreis und brutalem Ex- oder Schon-Wieder Gangster-„Hawara“. Die Wirtin, der sich im gleichen Haus befindenden Spelunke „Zum weißen Rössl“, ist eine Zufallsbekanntschaft Sindelars. Wenige Woche vor ihrem gemeinsamen Tod lernen sie sich kennen. „Sindi“ ist da gerade von seiner Verlobten Mitzi Skala verlassen worden, aber nicht verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Gefährtin. Damenbekanntschaften sind ohnehin ein recht zahnloses Kapitel in seinem Leben: „Es ist schon gut und es ist schön, dass es Frauen gibt auf der Welt, aber sie sind doch nicht gar so wichtig, dass sie einen Mann auf seinem Weg aufhalten könnten.“, soll der schüchterne „Sindi“ gesagt haben.

Mutter Marie bleibt die wichtigste weibliche Bezugsperson in seinem Leben. „Für ihn gab es nichts anderes als Fußball. Er hätte auch 24 Stunden Fußballspielen können, selbst wenn er kein Geld dafür bekommen hätte.“, erinnert sich eine Nachbarin. Sein einziger Luxus ist sein Schrebergarten – natürlich auch in Favoriten gelegen. Im Sommer sonnt er seinen sehnigen Oberkörper an der Alten Donau. Ab und an greift er zu den Schnapskarten – aber nur wenn’s nicht um Geld geht. „Er ist ein Arbeiterkind gewesen und geblieben. Er war immer der bescheidene Sindelar.“ Freikarten für die Austria-Heimspiele werden von ihm zuhauf an die armen „G’schropp’n“ seines Heimatbezirkes verteilt.

Camilla Castagnola überlebt ihn nur wenige Stunden. Sie verstirbt im Allgemeinen Krankenhaus ohne jemals wieder das Bewusstsein erlangt zu haben. Toute Vienne tuschelt und spekuliert: Castagnola, „passenderweise“ jüdischer Herkunft, wird posthum bereits als Mörderin vorverurteilt. Manche sprechen von einem GESTAPO-Attentat auf den unbequemen Favoritner, sogar ein Selbstmord Sindelars wird für möglich gehalten. Sindelars Schwester Rosi geht der Unfalltheorie auf eigene Faust nach: Ein von ihr beauftragter Sachverständiger kommt zu dem Schluss, dass der „schadhafte“ Kamin mangelfrei ist. Auch ein (Doppel-)Suizid scheint absurd: Sindelars Geschäft florierte, er war gesund und keineswegs lebensüberdrüssig.

75 Jahre später führen immer noch alle Wege zu Castagnola. Sie scheint die Spinne im Netz zu sein, dafür spricht eine Reihe von Indizien. Auf Neu-Deutsch würde man ihre Beziehung zu Sindelar als „on-off“ qualifizieren. Am Sonntagabend, dem 22. Jänner 1938, bittet sie den Fußballer zu einer Aussprache in die Stadt. Eine Drohung der Wirtin wird kolportiert: „Wenn er nicht kommt, so geschieht ein Unglück!“ „Sindi“ kommt – jedoch nur in Begleitung seines Freundes Karl Adamek. Der weitere Verlauf der Nacht ist bis heute verborgen geblieben.

Die Wiener Polizei zeigt sich an der Aufklärung des Falles nicht sonderlich interessiert. Befehl von ganz oben: Der König ist tot, lang lebe der König.

Das Regime macht aus dem gebürtigen Mährer, jetzt da er sich nicht mehr wehren kann, einen „deutschen (Sport-)Helden“. Rapids damaliger Sektionsleiter Hans Hierath ist überzeugt, dass der Wiener Polizeipräsident die „Strafsache Matthias Sindelar gegen unbekannte Täter“ höchstpersönlich verschwinden lässt, während offiziell von einem Verlorengehen des Aktes in den letzten Kriegsjahren gesprochen wird.

15.000 Trauergäste sind zugegen, als der beste europäische Fußballer seiner Zeit in die kalte Erde geschaufelt wird. Mannschaftskameraden sind zugegen, doch viel ist von Sindelars Austria nicht übriggeblieben: Eine Rumpftruppe der Violetten bettet als „SC Ostmark“ in Trainingsanzüge mit Hakenkreuz beflocktem Reichsadleremblem den Sarg des „Papierenen“ zur ewigen Ruhe.

Mutter Sindelar wird der Antritt der Erbschaft als „Judenfreundin“ verwehrt. Die Schwestern springen ein. Kurze Zeit später erliegt auch Rosi Sindelar einer Herzensangelegenheit: Sie nimmt sich aus Liebeskummer 1942 das Leben.

Dichter Alfred Polgar bastelt aus den tragischen Verhältnisse rund um Sindelars Ableben einen trostspendenden Nachruf zusammen: „Der brave Sindelar folgte der Stadt, deren Kind und Stolz er war, in den Tod. Er war so verwachsen mit ihr, dass er sterben musste, als sie starb. Aus Treue zur Heimat – alles spricht dafür – hat er sich umgebracht; denn in der zertretenen, zerbrochenen, zerquälten Stadt leben und Fußballspielen, das hieß, Wien mit einem abscheulichen Gespenst von Wien zu betrügen.“                                                                                                                                                      

Worte, die poetische Seelentröstung für jeden gewaltsam aus Wien Vertriebenen sind. Die Wahrheit ist aber vermutlich viel banaler: Sindelar fiel der einseitigen Liebe Castagnolas zum Opfer. Sie reichte ihrem „Motzl“ vergifteten Weinbrand als Schierlingsbecher. „Wenn ich ihn nicht haben kann, soll ihn auch keine andere haben.“, prophezeite sie. Doch Matthias Sindelar gehörte nur dem Fußball. Das war seine große Liebe.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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