„Politik raus aus den Stadien“ gilt mittlerweile als selbstverständlicher und unverrückbarer Grundsatz in Österreichs Stadien. Egal welchen Verein oder welche Partei man unterstützt, gegen... Politik und Fußball vertragen sich nicht – oder doch irgendwie?

„Politik raus aus den Stadien“ gilt mittlerweile als selbstverständlicher und unverrückbarer Grundsatz in Österreichs Stadien. Egal welchen Verein oder welche Partei man unterstützt, gegen diesen Grundsatz scheint keiner Einspruch zu erheben und politisch bekennende Gruppen werden oft für ihr politisches Auftreten kritisiert. Aber muss Politik in den Stadien wirklich a priori abgelehnt werden? Oder ist es nicht so, dass Vereine (und damit die Fans) politisch aktiv werden sollen?

Zunächst muss man einiges vorweg schicken: Dieser Artikel hat nicht zum Ziel parteipolitischen Kundgebungen oder dergleichen den Weg in die Stadien zu ebnen. Jedoch sind Österreichs Stadien meilenweit vom Unpolitischen entfernt, zumindest, wenn Führungspersönlichkeiten der Vereine anwesend sind. Kleine Kostprobe gefällig? Wolfgang Katzian (SPÖ, Präsident FAK), Brigitte Jank (ÖVP, Vizepräsidentin FAK) Michael Häupl (SPÖ, Kuratoriumsvorsitzender FAK), Rudolf Edlinger (SPÖ, Präsident SCR), Norbert Darabos (SPÖ, Kuratoriumsmitglied SCR) belegen, dass die Politik in Wien kräftig mitmischt, aber auch im Westen des Landes findet man Spitzenpolitiker in Vereinsämtern, in Altach etwa ist der Aufsichtsratsvorsitzende Karlheinz Kopf (ÖVP). Und dass Vereinsämter weder auf Bundesligavereine noch auf die derzeitigen Regierungsparteien beschränkt sind, beweist der FC Hellas Kagran (Präsident Martin Graf, FPÖ).

Wozu dient diese Aufzählung (die sich beliebig fortsetzen ließe) eigentlich, wenn weiter oben erwähnt wurde, dass es nicht um Parteipolitik gehen soll? Zum einen beweist es, dass Fußballvereine nicht komplett unpolitisch sind (ein entsprechendes Netzwerk kann dem Verein bekanntermaßen auch behilflich sein, z.B. Hilfe bei der Sponsorensuche, Stadionrenovierungen), zum anderen birgt es den Beweis, dass Politik im Fußball nicht per se zu verteufeln ist. Warum pocht man dann allerorts auf das Credo der unpolitischen Kurve?

Höchstwahrscheinlich versucht man das interne Konfliktpotential möglichst gering zu halten, um die Konzentration auf den eigenen Verein zu lenken. An sich kein schlechter Zugang, wenn er sich gänzlich umsetzen ließe. Und genau da beginnt sich die Katze in den Schwanz zu beißen. Denn selbstverständlich sind die meisten aktiven Kurven auch politisch.

An dieser Stelle ist es vielleicht an der Zeit den Begriff Politik zu definieren. Laut Politiklexikon versteht man unter Politik „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen.“

Demzufolge sind Aktionen wie die höchst prominente Initiative „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ ohne jeden Zweifel politisch. Und gerade die Fanclubs sind es doch in den meisten Fällen, die sich gegen politische Agitation wehren bzw. sich rühmen, dass sie das Unpolitische wahren (es sei denn SIE selbst agitieren). Weitere Kundgebungen („Wir sind gegen Stadionverbote“; Kommentare zur Vereins- bzw. Transferpolitik) beweisen endgültig, dass eine komplett unpolitische Kurve reine Fiktion ist.

WAS FÜR EINE POLITISCHE KURVE SPRICHT / SPRECHEN KÖNNTE

Warum schreibe ich gerade jetzt diesen Artikel? Auslöser war die Nachricht, dass der SV Werder Bremen einen NPD-Funktionär aus dem Verein ausgeschlossen hat, weil dessen Wahlkampf-Forderungen nicht mit den Grundsätzen der Toleranz und Integration vereinbar wären, die in den Satzungen des Klubs festgeschrieben sind. Nun ist es zweifelsohne leichter, als Verein ein einzelnes Mitglied auszuschließen, als beispielsweise eine ganze Gruppierung bzw. auch als eine ganze Kurve politisch zu positionieren, aber dass dieser Ausschluss ohne ein „Fehlverhalten“ stattgefunden hat, es sich hier also um einen „moralischen“ Ausschluss handelt, ist bemerkenswert und sollte auch Vereinsverantwortliche hierzulande zum Nachdenken anregen (Zur Erläuterung: Wenn hier steht, dass kein Fehlverhalten vorliegt, dann gilt das insofern, als es sich bei der NPD um eine zugelassene Partei handelt, unabhängig davon, wie man zu diesem Punkt steht!)
Generell halte ich es für gefährlich, wenn man die Politik stigmatisiert, und somit das Feld für radikale Kräfte freimacht. Wesentlich sinnvoller wäre es, sich als Kurve geschlossen für Grundwerte wie Toleranz, sportliche Fairness und Antifaschismus sowie Antirassismus einzusetzen und auszusprechen. Jedoch werden selbst solche Aktionen zuweilen als (zu?) politisch eingestuft und daher abgelehnt.

Ich vertrete die Ansicht dass die oben angesprochene Radikalisierung wesentlich größeres Konfliktpotential birgt, als dies bei einer, wie oben beschriebenen, „politischen“ Kurve der Fall wäre und man daher immer genau abwägen muss, was mit Politik gemeint ist. Es sei gestattet, hier die Kurven der Wiener Traditionsklubs Sportklub und Vienna als Beispiel anzuführen, die sich politisch positioniert haben. Die Ablehnung radikaler und menschenverachtender Ideologien jedenfalls sollte in einer demokratischen Gesellschaft keinen Zankapfel, sondern eine Selbstverständlichkeit darstellen!

Patrick Redl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen