Ein ordentlicher Schuss vor den Bug im Kampf gegen Rassismus auf dem Fußballplatz. Liverpool-Angreifer Luis Suarez wurde nach rassistischen Beleidigungen gegen Manchester-United-Abwehrspieler Patrice Evra... Rassismus: Acht Spiele Sperre für Luis Suarez – wieso die FA das lieber überschlafen sollte…

Ein ordentlicher Schuss vor den Bug im Kampf gegen Rassismus auf dem Fußballplatz. Liverpool-Angreifer Luis Suarez wurde nach rassistischen Beleidigungen gegen Manchester-United-Abwehrspieler Patrice Evra für acht Spiele gesperrt und eine saftige Geldstrafe gibt’s obendrauf. Gut so! Oder doch nicht ganz?

Der Vorfall ereignete sich bereits am 15.Oktober im Stadion zu Anfield. Der Uruguayer Luis Suarez soll den dunkelhäutigen Franzosen Patrice Evra insgesamt mindestens zehn Mal auf rassistische Weise beleidigt haben. Jetzt griff die FA hart durch und sperrte Suarez für acht Spiele, hinzu kommt eine Geldstrafe in Höhe von 40.000 Pfund (47.950 Euro). Das Bußgeld wird einen Topverdiener wie Suarez kaum stören – die acht Spiele auf der Tribüne allerdings schon. Zudem wird auch die Nachrede in einem Fairplay-geprägten Land wie dem Mutterland des Fußballs keine angenehme sein.

Suarez und Iñaki Bea

Suarez hat nun 14 Tage Zeit Einspruch gegen dieses Urteil zu erheben und wird dies auch tun. Dabei wird der Südamerikaner, der alle Anschuldigungen abstreitet, auch vom FC Liverpool unterstützt. Der Klub fand den Umgang mit seinem Topstürmer nicht in Ordnung – die FA hätte Fehler in der Prozesskette begangen, Suarez‘ Meinung anfänglich nicht mal hören wollen. Man verließ sich sofort auf Evras Aussage. Suarez erklärte seine Unschuld damit, dass er Evra mit Worten bedachte, die in seiner uruguayischen Heimat völlig normal und alltäglich seien. Dass diese Art von Sprache in Europa als Rassismus gewertet werden könnte, wollte Suarez nicht wissen. Ausrede abgelehnt: Suarez spielt seit 2006 in Europa, seit einem Jahr für den FC Liverpool – die Gepflogenheiten sollte er bereits kennen. Ob spanisch „Negro“ oder englisch „Nigger“ – der Gedanke (!) hinter der Anrede, auch wenn die Bedeutungen leicht abweichen, ist derselbe. Eine ähnliche Situation erlebte man in der laufenden Saison in der österreichischen Bundesliga: Die Details der Causa Iñaki Bea vs. Ibrahim Sekagya sind hinreichend bekannt. Der Sachverhalt ist derselbe.

Rassismus vs. Blutgrätsche

Suarez bekommt nun die Chance auf einen Einspruch, darf bis zum Ende dieses neuerlichen Prozesses spielen; eine „bis seine Schuld bewiesen ist“-Sache. Dass der 24-Jährige aufgrund einer derartigen Verfehlung gesperrt wurde, ist prinzipiell gutzuheißen. Vor allem in Zeiten, in denen von Verbänden Respekt gegenüber Gegenspielern verlangt wird und die Identifikation junger Menschen mit ihren kickenden Lieblingen nie größer war. Ob die Höhe der Strafe in Relation zu knochenbrechenden Fouls oder Tätlichkeiten gerechtfertigt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das heißt: Wenn man derartige Vergehen überhaupt in Relation setzen will. Denn zahlreiche tragische Ereignisse der Vergangenheit zeigen, dass der mentale Faktor im Fußballsport ähnlich sensibel behandelt werden sollte, wie der physische.

Englands Teamkapitän hatte es leichter

Fraglich ist jedoch die Doppelmoral, die von der Football Association an den Tag gelegt wird. Auch die Rassismusvorwürfe gegen Chelseas John Terry nach dem Spiel bei den Queens Park Rangers am 23.Oktober wurden heftig diskutiert. Terry ging QPR-Spieler Anton Ferdinand an die Gurgel – ob Terry den dunkelhäutigen Spieler als „black cunt“ bezeichnete oder „I never called you a black cunt“ sagte, ist weiterhin unklar. Terry wurde im Rahmen dieser Causa sogar von der Polizei verhört. Auswirkungen auf seine Spielerlaubnis hatte die Szene jedoch nicht. Der englische Teamkapitän durfte weiterspielen, als wäre nie etwas passiert. Den Uruguayer Luis Suarez für Monate aus dem Verkehr zu ziehen, ohne ihn vorher angehört zu haben, ist da natürlich wesentlich leichter.

Schlampiges Verfahren

Natürlich ist da zwischen Suarez und Evra etwas passiert, ganz sauber lief die Situation garantiert nicht ab. Die FA brachte es jedoch nach einer sechstägigen Anhörung komplett eigenständig zustande den Uruguayer – durch das FA-Regulativ, das im Zuge dieser Anhörung zitiert wurde, gedeckt – zu sperren. Klar muss Rassismus auf und abseits des Platzes bekämpft werden, dennoch darf aus diesem offenbar etwas schlampigen Verfahren kein Präzedenzfall werden. Die Herren, die in den Kommissionen der FA sitzen, sind nicht dumm. Mit etwas Fingerspitzengefühl erreicht man in diesem Szenario auch ein Urteil, das von niemandem mehr angezweifelt wird. Dann wohl auch nicht vom FC Liverpool.

Alle anhören, Mitte suchen, den „richtigen“ Schuss vor den Bug kreieren

Der Prozess wird sich nun noch etwas in die Länge ziehen, wie er endet ist jedoch vorhersehbar. Luis Suarez wird Berufung einlegen und von der FA angehört werden. Weil die FA-Menschen eben nicht dumm sind, werden sie sehen, dass Luis Suarez in seiner Karriere an der Seite zahlreicher schwarzer Spieler Fußball spielte und an diversen „Respekt“-Kampagnen teilnahm. Gleichzeitig werden die Herren von der FA sehen, dass Suarez in der Hitze des Gefechts einige Male drauf los geredet hat, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Und die Wahrheit liegt schließlich in der Mitte: Die Sperre von Luis Suarez wird deutlich reduziert, jedoch für das eine oder andere Spiel aufrechterhalten. Die Geldstrafe wird heruntergesetzt und sollte an wohltätige Zwecke gespendet werden. Am Ende erreicht man damit, basierend auf den Aussagen aller Beteiligten, den gewünschten Schuss vor den Bug und Luis Suarez wird künftig lieber den Mund halten, anstatt sich idiomatisch den Mund zu verbrennen. Einige Spieler, die das Tohuwabohu um seine Person verfolgten, werden sich ein Beispiel nehmen. Und vor allem: Bei einer relativ gerechten Strafe werden Vergleichen mit anderen Fällen, die eigentlich in Relation zur Causa Suarez stehen sollten, nicht Tür und Tor geöffnet.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen