Jeden Sonntag wollen wir in dieser Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im... (Wo)Men to (re)watch (25) – Brandi Chastain (KW 25)

Jeden Sonntag wollen wir in dieser Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im Konjunktiv stecken blieb, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt radikal verändert haben oder sonst außergewöhnlich waren und sind: Sei es, dass sie sich nach dem Fußball für ein völlig anderes Leben entschieden haben, schon während ihre Profizeit nicht dem gängigen Kickerklischee entsprachen oder aus unterschiedlichen Gründen ihr Potenzial nicht ausschöpften. Auf jeden Fall wollen wir über (Ex)-Fußballer reden, die es sich lohnt auf dem Radar zu haben oder diese (wieder) in den Fokus rücken. Wir analysieren die Umstände, stellen Fragen und regen zum Nachdenken an. In der 25. Ausgabe steht erneut eine US-amerikanische Fußballerin im Zentrum dieser Serie…

Erst schwang sie ihr Trikot durch die Luft, dann jubelte sie auf Knien weiter: Diese Pose machte Brandi Chastain am 10. Juli 1999 weltberühmt. In jenem Moment war sie sich allerdings noch nicht bewusst, welchen Boom sie auslösen sollte. Allein der status quo war für die Defensivspielerin schon wie im Märchen: Erst vor wenigen Monaten hatte sie im Algarve-Cup gegen China einen Strafstoß nicht verwandelt, nun holte sie als letzte Schützin im Elfmeterschießen gegen denselben Gegner den WM-Pokal für die US-Amerikanerinnen. Das Foto von ihr im schwarzen BH ist legendär und gilt als eines der bekanntesten Sportbilder. Chastain brachte der Schnappschuss einen hochdotierten Nike-Sponsor-Vertrag ein; später nannte sie sowohl ihre Autobiografie als auch ihre Webseite „It’s Not About the Bra“. („Es geht nicht um den BH“).

Spitzname: Hollywood

Heute ist der berühmte Sport-BH eingerahmt und hängt in Brandi Chastains Haus. Die Ex-Spielerin resümiert: „Es war ‚over the top‘! Dieser Moment war total spontan, verrückt und ein Traum, der wahr wurde; er hat sich aber zu einer Plattform, um über wichtige Dinge zu reden, entwickelt.“ Der Frauenfußball bekam in den USA nach diesem zweiten Weltmeistertitel einen neuen Wachstumsschub und sorgte dafür, dass die Nordamerikanerinnen heute weltweit den Ton bei den Damen angeben. Für Chastain, die in ihrer Karriere immer wieder mit schweren Verletzungen zu kämpfen hatte, war es eine sportliche Genugtuung, die sie schlagartig bekannt machte. Bis zu ihrem Kurz-Strip war Mia Hamm das Zentrum der Aufmerksamkeit bei den US-Frauen gewesen, nun war es Brandi, die von sämtlichen internationalen und nationalen Titelblättern lachte. Für die langjährige Fußballtrainerin Marlene Bjornsrud war Chastains Jubel symbolisch. Sie beschrieb ihn folgendermaßen: „Als hätte sie allen Ballast, der sie runtergehalten hat und gesagt hat: ,Du kannst das nicht tun, weil du eine Frau bist.‘, abgeworfen.“

Begonnen hat Brandi Chastains Leben am 21. Juli 1968 in Kalifornien; aufgrund dieser Herkunft wurde sie von ihren Teamkolleginnen später „Hollywood“ gerufen. Bereits im Alter von acht Jahren begann Brandi mit dem Fußballspielen. Freunde erzählen, dass sie ihre Beharrlichkeit von ihren Eltern Lark und Roger Chastain, die ihre Passion stets unterstützten, mitbekommen hat: „Sie haben sie wissen lassen, dass sie tun kann, was immer sie will. Es gibt keine Grenzen.“ Ähnlich sah es US‑Nationalcoach Tony DiCicco, der sie vor dem entscheidenden Finalelfmeter aufforderte mit links zu schießen, obwohl sie das noch nie in einem Match getan hatte. Wer wagt, gewinnt!

Als Brandi ein Kind war fungierte Vater Roger als ihr erster Trainer, später machten sich die Eltern sogar selbständig, um beruflich flexibler zu sein und ihre Tochter überall hinzubegleiten. Da in den 70er- und 80er-Jahren selbst im späteren Mekka des Damenfußballs nur wenige Mädchenmannschaften existierten, kickte die kleine Brandi zunächst mit den Burschen mit. Erste nationale Erfolge in reinen Frauenteams feierte sie als Teil der California Golden Bears 1986 an der Universität Berkley; schon die kommenden zwei Saisonen musste sie allerdings wegen Kreuzbandproblemen aussetzen. Insgesamt sollte sie trotz sechzehn Jahren in der Nationalmannschaft nur auf 192 Länderspiele kommen, da der Verletzungsteufel im Laufe ihrer Karriere immer wieder erbarmungslos zuschlug. „Es hat mir eine Chance gegeben zu pausieren, zu reflektieren und eine Perspektive zu gewinnen. Es ist hart, diese Art von Übersicht zu bekommen, wenn alles gut läuft. Dann weißt du nicht, was wirklich zählt und was nicht.“, kann sie den vielen Rehaaufenthalten und einsamen Trainingsstunden außerhalb der Mannschaft trotzdem etwas Positives abgewinnen.

An der Universität von Santa Clara wurde Chastain 1990 von der „Intercollegiate Soccer Association of America“ (ISAA) zur Spielerin des Jahres gewählt; schon zwei Jahre zuvor hatte sie ihr Nationalteamdebüt gegeben. Bis auf eine Saison in Japan lief sie bis 2001 nur für die US-Auswahl auf, da es in ihrer Heimat keine Frauenliga gab. Bereits 1991 war die ausgebildete Stürmerin Teil des Kaders als die USA in China Weltmeisterin wurde. Bevor sie aber mit ihren Teamkameradinnen bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Goldmedaille holte, musste sie sich zur Verteidigerin umschulen lassen. Für die Fußballerin kein Problem: „Es war eine Möglichkeit mich kennenzulernen, vor allem, ob ich bereit bin mich dieser Aufgabe genügend zu widmen.“ 1999 war Chastain dann Hauptakteurin beim zweiten WM-Triumph. Im Trophäenschrank der gebürtigen Kalifornierin finden sich außerdem zwei weitere Olympiamedaillen in gold und silber. Das Ende ihre so erfolgreichen Teamkarriere 2004 war jedoch eher unrühmlich, als der damalige Headcoach Greg Ryan erklärte, mit der Veteranin nicht mehr zu planen.

In Stein verewigt

Nach der Euphorie um den WM-Heimsieg, spielte die Allrounderin in der ersten US-amerikanischen Profiliga, der „Women’s United Soccer Association“ (WUSA), für die San Jose CyberRays, nachdem sie – knappe acht Jahre zuvor – schon erste Klubfußball-Erfahrung in Japan gesammelt hatte. Bei Shiroki FC war sie 1993 als einzige Ausländerin im Team der Saison. Nach drei Saisonen war die WUSA pleite und Chastains Klubkarriere nach 52 Spielen und sieben Toren vorbei. Im Alter von 40 Jahren feierte sie beim FC Gold Pride in der Nachfolgeliga der WUSA, der „Women’s Professional Soccer“ (WPS), ein Kurzzeitcomeback. Nachdem die Prides jedoch auf dem letzten Platz lagen, wurde der Vertrag der Mittelfeldspielerin schon im Februar 2010 aufgelöst. Seit 2014 arbeitet Brandi Chastain als Trainerin; aktuell coacht sie die Mädchenmannschaft von De Anza Force Soccer Club, dem größten Verein Nordkaliforniens.

Die Mutter eines Sohnes wurde ins All-Star-Nationalteam gewählt und gilt als lebende Fußballlegende. Klarerweise drehen sich viele Fragen immer noch um die letzten Minuten des Spieles vom 10. Juli 1999. Zwanzig Jahre danach wurde die Jubelpose der Verteidigerin als Statue vor dem Rose Bowl-Stadion in Pasadena verewigt. Chastain nutzte die Gelegenheit, um sich für gleiche Rechte im Frauensport stark zu machen: „Wir müssen eine Umgebung schaffen, in der alle Spieler gleich bezahlt werden.“

Wenn sie an den legendären Penalty zurückdenkt, erinnert sie sich vor allem daran, dass sie wusste, dass sie die chinesische Torhüterin Gao Hong nicht ansehen durfte. Im Algarve-Cup hatte sie noch den Fehler gemacht ihrer Widersacherin tief in die Augen zu sehen: „Sie war in meinem Kopf und als ich zum Ball ging, dachte ich mehr über sie nach, als was ich eigentlich tun sollte.“ Am 10. Juli 1999 hatte die beidfüßige Allrounderin aber schon auf dem Weg zum Strafraum das Gefühl, der Sieg sei bereits fix: Brianna Scurry hatte den dritten Elfer der Chinesinnen gehalten. Als Chastains Ball das Netz berührt hatte, hätte es eine Explosion von Farben und Geräuschen gegeben. Die Verteidigerin versenkte die Kugel, holte den Pokal und verschaffte dem Frauenfußball in den USA die notwendige Aufmerksamkeit. 2014 brachte sie es auf den Punkt: „Als ich im College spielte, gab es 75 Teams. Jetzt gibt es 320 Teams… in der Division One.“ Daran sind auch ein schwarzer Sport‑BH und ihre trainierten Bauchmuskeln Schuld.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag