Angesprochen auf die schlechte Chancenauswertung seiner Mannschaft meinte BVB-Cheftrainer Jürgen Klopp einmal, dass es ihm wichtig sei, dass sich sein Team überhaupt Torchancen erarbeite,... Ausflug in die Statistik: Wie stark hängen Ballbesitz, Torschüsse und Tore zusammen?

DribbelnAngesprochen auf die schlechte Chancenauswertung seiner Mannschaft meinte BVB-Cheftrainer Jürgen Klopp einmal, dass es ihm wichtig sei, dass sich sein Team überhaupt Torchancen erarbeite, da so die Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten ist. Das klingt einleuchtend. Doch wie groß ist der Zusammenhang zwischen Torschüssen und Toren? Welche Rolle spielt dabei der Ballbesitz? abseits.at untersucht dies anhand der Daten der vier europäischen Top-Ligen.

Bevor wir uns auf die Fülle an Daten stürzen soll darauf hingewiesen werden, dass es zur Ermittlung des Ballbesitzes verschiedene Methoden gibt. Man kann ihn beispielsweise anhand der Zeit, während der ein Team den Ball hat, der Anzahl an Pässen, die das jeweilige Team spielt oder anhand der Ballkontakte berechnen. Dies hat zur Folge, dass es zu ein und demselben Spiel unterschiedliche Angaben geben kann. Celtic hatte bei seinem Sieg gegen den FC Barcelona zum Beispiel je nach Berechnungsmethode 11%, 16% oder 24% Ballbesitz. Die hier zugrundeliegenden Daten stammen von der Website whoscored.com, die auf der Opta-Datenbank basiert und den Ballbesitz über die Passanzahl definiert.

Ballbesitz zu eigenen Schüssen

Bevor auf das erste Diagramm eingegangen wird sei noch erwähnt, dass sich dieser Artikel nicht mit dem direkten Einfluss des Ballbesitzes auf den Ausgang des Spiels beschäftigt. Dies wurde bereits an einer anderen Stelle untersucht.

 

Die obige Grafik gibt Aufschluss über die Anzahl an Torschüssen der 78 Mannschaften pro Spiel in Abhängigkeit des Ballbesitzes. Der nebenstehende R²-Wert ist das sogenannte Bestimmtheitsmaß und gibt an wie stark die jeweiligen Werte korrelieren. Besonders auffällig ist, dass jene der italienischen Mannschaften einen besonders großen Zusammenhang haben, während bei den Vereinen der Primera Division eine große Streuung auftritt. Der FC Barcelona (FCB) führt beispielsweise die Ballbesitzstatistik mit durchschnittlich 68,8% pro Spiel an, schießt aber nicht öfter aufs gegnerische Tor als Mannschaften mit deutlich weniger Ballbesitz. Kennt man aber die Spielweise der Katalanen verwundert dies nicht weiter. Der Gegner igelt sich meistens rund um den Sechzehner ein, weswegen sie erst mit Passkombinationen Löcher aufreißen müssen.

Dagegen schießt Real Madrid (RMD) verhältnismäßig oft aufs Tor, was unter anderem daran liegt, dass die Haupstädter auch öfter aus ungünstigeren Positionen ihr Glück versuchen. Ein weiterer interessanter Wert ist jener von Tottenham (TOT). Die Spurs teilen sich den Ballbesitz nahezu 50:50 mit ihren Gegnern, sind aber ebenfalls sehr eifrig was den Torabschluss angeht. Ähnlich verhält es sich bei Bayer Leverkusen (BAY) und Juventus (JUV). Besonders ausbaufähig sind die Quoten bei Wigan Athletic (WIG), Real Valladolid (VAL) und Borussia Mönchengladbach (BMG). Aber auch diese Werte lassen sich durch wenige Überlegungen herleiten. So ist Lucien Favre beispielsweise ein Fan des schnellen Umschaltspiels, lässt sich dieses aber nicht umsetzen, ist es dem Schweizer lieber seine Mannschaft spielt nochmals hinten herum anstatt sich blind festzulaufen.

Eigene Schüsse zu Toren

Das obige Diagramm gibt nun zwar Aufschlüsse darüber, wie sehr ein Team bemüht ist, sich Torchancen zu erarbeiten, nicht aber über deren Qualität bzw. über die Chancenverwertung. Um eine Aussage darüber treffen zu können wird im nächsten Schritt der Quotient aus den Schüssen und den daraus resultierenden Toren gebildet. Es sei darauf hingewiesen, dass hier von den absolut erzielten Toren die Rede ist. Den Torschnitt pro Spiel erlangt man einfach mittels Division durch die jeweilige Anzahl an gespielten Spielen.

 

Im Gegensatz zum ersten Graphen fällt auf, dass die linearen Trendlinien nahezu parallel sind, was auch das Bestimmtheitsmaß erkennen lässt. Einzig die Primera Division tanzt erneut etwas aus der Reihe, was wieder zu einem Gutteil auf die Kappe des FC Barcelona (FCB) geht. So wenig sie aufs gegnerische Tor schießen, so erfolgreich sind sie dabei. Nur Manchester United (MNU) kommt auf vergleichbare Werte, kommt bei 15,9 Schüssen pro Spiel auf bisher 54 Tore. Ansonsten seien noch Fortuna Düsseldorf (DÜS), Hannover 96 (H96) und Atletico Madrid (ATM) lobend hervorgehoben. Keiner der drei Klubs kommt im Schnitt auf mehr als 50% Ballbesitz, schießt dementsprechend selten aufs Tor. Dennoch haben alle eine mehr als herzeigbare Chancenauswertung. Gegenteiliges gilt für Augsburg (FCA), Granada (GRA) und Cagliari (CAG), die alle eine ähnliche Schussquote aufweisen, aber in der Verwertung schlecht wegkommen.

Ballbesitz zu gegnerischen Schüssen

Die angewandten Methoden lassen sich auch auf die Defensive übertragen, was im Folgenden getan wird. Gemäß dem Motto „Angriff ist die Verteidigung“ erwartet man, dass ein Team, welches viel Ballbesitz hat, seinem Gegner entsprechend wenige Schüsse aufs eigene Tor erlaubt. Das nachstehende Diagramm zeigt, wie es sich in der Realität verhält.

 

Die Serie A und die Premier League bleiben im oben gesehenen Trend und zeigen annähernd gleiche Korrelation. Auch die Trendlinien der Bundesliga und der Primera Divsion verlaufen zueinander quasi parallel, allerdings deutlich flacher und mit einem R²-Wert, der gegen Null tendiert. Positiv zu erwähnen sind dabei Atletico Madrid (ATM), Tottenham (TOT), Fiorentina (FIO) und Bayern München (BAY). Verhältnismäßig stark unter Beschuss geraten Aston Villa (AST), Pescara (PES), Eintracht Frankfurt (FRA), der Hamburger SV (HSV) und Athletic Bilbao (BIL). Die Spanier von Marcelo Bielsa sind weit entfernt von den Leistungen der letzten Saison, was auch mit dem Abgang von Javi Martinez zu tun hat. Der Neo-Bayer war im Zentrum ein wichtiger Pressingspieler und gleichzeitig aber auch selbst resistent gegen jenes des Gegners.

Die hohe Anzahl an Torschüssen auf das Tor von Eintracht Frankfurt ist zum Beispiel dadurch zu erklären, dass sich mindestens einer der beiden Sechser stets in die Offensive einschaltet und die Zentrale dadurch nach Ballverlusten entsprechend offen ist. Auch ihr riskantes 4-1-3-2-Pressing, das im Idealfall in schnellen Ballgewinnen nahe dem gegnerischen Tor mündet, ist nach Überspielen der zweiten Pressinglinie quasi ausgeschalten. Bei Aston Villa hingegen sind die Gründe für die hohe Anzahl an erlaubten Schüsse vielschichtiger. Ein großes Problem ist die 5-3-2-Formation gegen den Ball, bei der dem Gegner viel Platz in den Mittelfeldhalbräumen gewährt wird.

Gegnerische Schüsse zu Gegentoren

Zum Abschluss sei noch kurz auf die Qualität der erlaubten Schüsse eingegangen, die Rückschlüsse auf die Effektivität der Defensivreihen erlaubt.

 

Auch hier zeigt sich die Bundesliga extrem unausgewogen. Hervorstechend ist der Datenpunkt der TSG 1899 Hoffenheim (TSG). Die Kraichgauer waren in der Hinrunde in einer katastrophalen Verfassung, erlaubten dem Gegner zwar durchschnittlich viele Möglichkeiten, diese allerdings von extrem hoher Qualität. Auch Southampton (SOT), Deportivo La Coruna (DEP) und Cagliari (CAG), das schon in offensiver Hinsicht schwach abschnitt, befinden sich in ähnlich schlechten Gebieten. Anders ist dies bei den Bayern (BAY) und Juve (JUV), die ihre jeweilige Liga dominieren.

Auch die Werte von Malaga (MAL), Stoke City (STO) und dem HSV sollen in diesem Zusammenhang gelobt werden, obwohl diese Mannschaft unterschiedliche Spielweisen verkörpern. Bei den Norddeutschen ist dieses gute Ergebnis vor allem Torhüter Rene Adler zuzuschreiben, denn wie oben gesehen lassen seine Vorderleute gemessen am Ballbesitz viele Torschüsse zu. Bei Stoke dominiert die physische Stärke des gesamten Teams. Die Engländer haben ligaweit den wenigsten Ballbesitz, lassen aber kaum Torschüsse zu (14,1 pro Spiel, neuntbester Ligawert).

Fazit

Jürgen Klopps Einschätzung ist also unterm Strich durchaus richtig, denn hohe Ballbesitzzahlen korrelieren stark mit Torabschlüssen, es gibt aber wie so oft auch zahlreiche Ausnahmen. Die Primera Division weist zum Beispiel in keinem untersuchten Bereich einen zufriedenstellenden Zusammenhang auf. Der Rückschluss, mit viel Ballbesitz halte man den Gegner vom eigenen Tor fern, ist aber gerade in der Bundesliga nicht zulässig. Mit entsprechenden Zusatzinformationen lassen sich jedoch diverse Ausreißer erklären und das Bild in einen verständlichen Rahmen rücken.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

  • ^_^

    21.Januar.2013 #1 Author

    „Die Primera Division weist zum Beispiel in keinem untersuchten Bereich einen zufriedenstellenden Zusammenhang auf.“

    Was genau bedeutet das? Schlecht für die Primera Division, oder doch eine gute Tatsache?

    Antworten

    • Axl

      21.Januar.2013 #2 Author

      Vereinfacht gesagt: die spanische Liga ist – was die erwähnten Parameter betrifft – am schwersten vorauszusagen. Ob das gut oder schlecht ist, hängt von der Betrachtungsweise ab.

      Antworten

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