Immer das gleiche, wieder trägt sie Schuld an der Niederlage: Die Doppelbelastung. So oft wird die Europacupteilnahme als Belastung betrachtet. Hält der negativ geladene... Ausrede oder tatsächlich ein Fluch? Was ist dran an dem Problem mit der Doppelbelastung?

Immer das gleiche, wieder trägt sie Schuld an der Niederlage: Die Doppelbelastung. So oft wird die Europacupteilnahme als Belastung betrachtet. Hält der negativ geladene Begriff was er verspricht, ist die Doppelbelastung wirklich so ein Nachteil?

Manchmal hat man das Gefühl, dass die Doppelbelastung als Ausrede für schlechte Leistungen in der Liga gebraucht wird. Fast nach jeder Niederlage eines österreichischen Europacup-Teilnehmers wird das Wort von Spielern, Trainern oder Journalisten in den Mund genommen. „Müde sind sie“, heißt es dann. Werden die Spieler von der dadurch entstandenen englischen Woche tatsächlich so müde?

Reisestrapazen

Bei Auswärtsspielen im Europacup wäre das durchaus nachvollziehbar. Man kennt das aus dem Urlaub, Reisestrapazen machen einem zu schaffen: Koffer packen, Flug, der Bus zum Hotel. Es gibt sicherlich unangenehmere Dinge und dennoch braucht der Mensch einige Zeit, um sich an diese neue Situation in einer neuen Umgebung zu gewöhnen, da fällt die Ruhe vor dem Spiel recht schwer. Und daraus resultiert eine körperliche aber ebenso eine geistige Erschöpfung. Erschöpfend ist natürlich auch das Spiel selbst. Die heute üblichen Trainingsmethoden schränken diese zusätzliche Belastung allerdings ein. Tagtäglich wird trainiert, um auf die Situationen des bevorstehenden Spiels vorbereitet zu sein. Das ist nicht nur zeitaufwendig, auch die Intensität wird dabei an Tempo und Härte des bevorstehenden Bewerbspiels angepasst. Natürlich geht der Spieler im Bewerb an seine Grenzen, aber tut er das nicht auch im Training, um seinen Platz in der Startelf zu vereidigen oder zu erobern?

Körperliche Grenzen

Es ist zu bezweifeln, dass das zusätzliche Europacupspiel so viel mehr Müdigkeit erzeugt als das alltägliche Training. Schließlich werden während englischer Wochen die Trainingszeiten besonders zur Regeneration genutzt. Der Spieler kann sich also ausruhen. Die heute übliche Fitness von Fußballern sollte mit diesem Rhythmus zu Recht kommen, das unterstreicht Salzburg-Trainer Ricardo Moniz auf die Frage der Doppelbelastung: „Der Körper hält sehr viel aus“. Ein tatsächlicher Nachteil, der entsteht ist das Verletzungsrisiko. Sturm Graz hatte in dieser Saison genau mit diesem Problem zu kämpfen, über den Herbst musste Trainer Franco Foda deshalb auf einige seiner Spieler verzichten: „Ich habe schon während der Saison gesagt, dass es immer wieder Rückschläge geben wird, aber die Seuche hört einfach nicht auf“, sagte Foda vor dem letzten Spiel vor der Winterpause im Standard. Wäre da nicht die Rotation die Lösung des Problems?

Rotation

Sie erlaubt es ja den müden Spielern eine Pause zu nehmen, den im Gegenteil hungrigen Spielern auf der Bank sich zu beweisen. Auch das mannschaftliche Klima würde davon profitieren. Was in der Theorie so einfach klingt, gestaltet sich in der Praxis schwieriger: „Wir wollen mit der besten Mannschaft spielen, um erfolgreich zu sein. Spieler wie Barazite, Jun oder Junuzovic kann man eben nicht gleichwertig ersetzen“, sagte der ehemalige Austria-Trainer Karl Daxbacher nach dem enttäuschenden Unentschieden gegen Mattersburg. Daxbacher wies auf ein Dilemma hin: Für eine Rotation genügen Dichte und Qualität des eigenen Kaders oft nicht, um erfolgreich zu sein. Auf lange Sicht kann das aber keine Ausrede sein, will man regelmäßig im internationalen Bewerben mitmischen. Auch wenn die Mittel österreichischer Klubs im Vergleich mit internationalen Großklubs bescheiden sind, muss der Kader auch für Verletzungen gerüstet und jede Position halbwegs gleichwertig ersetzbar sein.

Vorbereitung

Vergessen wird häufig auf die positiven Effekte der doppelten Vertretung. Ein Vorteil liegt darin, dass sich gerade junge und neu zusammengesetzte Teams einspielen können, damit Laufwege und Passspiel aufeinander abgestimmt werden können. Weiters stellen sich viele Mannschaften im Europacup intensiver auf den Gegner ein, als sie das in der Bundesliga tun. Sogar ein Peter Pacult griff in der Europa League auf die ansonsten verschmähte Videoanalyse zurück. Es war auch Peter Pacult, der in internationalen Partien erstmals das moderne 4-2-3-1-System angewendet und damit den HSV mit 3-0 beeindruckend geschlagen hat. Für den Trainer ist der Europacup die Möglichkeit auf dem neuesten Stand taktischer Methoden zu bleiben. Er wird auf internationale Trends aufmerksam, die er dann selbst ausprobieren kann. Auch an den Spieler werden neue Anforderungen herantragen, die ihm eine Weiterentwicklung ermöglichen. Außerdem ist es eine besondere Motivation sich vor einem größeren Publikum und auch vor internationalen Scouts zu beweisen.

Motivation

Bleiben wir doch gleich bei der Motivation. Die besondere Motivation, die Fußballer im Europacup aufbringen, mündet häufig in konzentriertes und kämpferisches Auftreten. Das wird nicht nur durch die Körpersprache sichtbar: Die Spieler antizipieren gut, sind früher am Ball als der Gegner, stecken Rückschläge besser weg und so weiter. Die Euphorie durch die eigenen Fans verstärkt diesen Effekt dann noch, man erinnere sich nur an das gefüllte Happel-Stadion bei Rapids Europa League-Spielen. Oft heißt es, dass sich die Spieler nach Europacupspielen nicht mehr für die heimische Bundesliga begeistern können. Das mag vorkommen, es liegt aber an Trainer und Spielern selbst, Motivation und Erfahrungen aus dem Europacup in die Bundesliga zu übertragen. Ricardo Moniz hat gesagt: „Es muss die Freude und der Wille da sein.“ Fußball auf höchster Ebene zu spielen – Das sollte doch genug Freude bereiten. Gerade dann, wenn man sagen kann: „Wir spielen ja eh auch im Europacup“.

Wir können also zusammenfassen: Die Doppelbelastung mag auf Grund der Strapazen und des erhöhten Verletzungsrisiko tatsächlich belastend sein, es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass Spieler und Trainer gut daran tun internationale Luft zu schnuppern.

Emanuel Van den Nest, abseits.at

 

Emanuel Van den Nest