Im Gegensatz zu anderen Fußballregeln bleibt die des Vorteils eine recht unbestimmte. Noch unbestimmter als die Formulierung im Regelbuch gestaltet sich die Umsetzung auf... Das Regelwerk: Zwischen Theorie und Praxis: Teil 7 – Der Vorteil als Nachteil

Im Gegensatz zu anderen Fußballregeln bleibt die des Vorteils eine recht unbestimmte. Noch unbestimmter als die Formulierung im Regelbuch gestaltet sich die Umsetzung auf dem Platz. Auf der Suche nach dem wirklichen Vorteil für die Angreifer stößt abseits.at auf eine vorteilhafte Regel aus dem Basketball.

Fußballfans kennen die Situation nur zu gut. Eine Mannschaft greift an, der in Ballbesitz befindliche Spieler wird vom Gegner gefoult. Der Schiedsrichter entscheidet auf Vorteil. Der gefoulte Spieler gerät ins Schlittern, kann den Ball dennoch kurzfristig behaupten bis er ihn dann stolpernd verliert. Die gegnerische Mannschaft erobert den Ball, der Angriff ist vorbei, das Spiel geht weiter. Aus dem Vorteil ist ein Nachteil entstanden, dabei sollte diese Regel gerade das Offensivspiel im Fußball beleben.

Foulender im Nachteil

Den Offensivfußball zu beleben –  mit diesem Hintergedanken wurde schließlich auch die Vorteilsbestimmung bei ihrer Einführung 1996 formuliert:
„Wenn der Schiedsrichter die Vorteilsbestimmung anwendet und sich der erwartete Vorteil nicht einstellt, bestraft der Schiedsrichter den ursprünglichen Regelverstoß.“

Eine solche Regelung hätte zur Konsequenz, dass ein gefoulter oder anders verhinderter Spieler, wenn er aus seinem Vorteil keinen wirklichen zieht, im Anschluss einen Freistoß zugesprochen bekommt. Das Entscheidende daran wäre: Der foulende Spieler ist in jedem Fall im Nachteil, genauso diesen Mechanismus sollte die Regel nach sich ziehen.

Heute ist die Regel der FIFA anders verfasst, sie ermöglicht dem Schiedsrichter große Entscheidungsfreiheit:

„Der Schiedsrichter kann bei jeglichem Vergehen Vorteil geben.“

Angreifer im Vorteil

Ganz so frei ist der Entscheidungsrahmen des Schiedsrichters dann doch nicht. In der Vorteilsregel sind Gesichtspunkte formuliert, die der er bei seiner Beurteilung zu berücksichtigen hat:

„- Schwere des Vergehens: Zieht das Vergehen einen Feldverweis nach sich, unterbricht der Schiedsrichter das Spiel und verweist den Spieler des Feldes sofern dadurch keine Torchance vereitelt wird,

– Der Ort des Vergehens: je näher beim gegnerischen Tor, desto größer der Vorteil,

– Erfolgsaussicht eines schnellen, gefährlichen Angriffs,

– Spielatmosphäre“

Durch die zu berücksichtigenden vier Aspekte zieht sich besonders ein Argumentationsstrang: Der Vorteil sollte Angriffe und Torchancen nicht verhindern. Diese Argumentation folgt damit der ursprünglichen Intention der Regel, die Vorteilsregel soll das Offensivspiel begünstigen. In der Praxis wird das von Schiedsrichter allerdings nicht immer berücksichtigt, manchmal werden gefährliche Angriffe zu Gunsten eines eher nachteiligen Freistoßes abgepfiffen.

Zeitliches Hindernis

Erinnern wir uns an die eingangs beschriebene Szene, in der der Vorteil zum Nachteil des Angreifers wird. Genau auf solche Szenen stoßen wir in Fußballspielen so oft, obwohl sie doch dem Prinzip der Regel widerspricht. Das liegt wohl an folgendem Satz, der die bisher formulierte FIFA-Regel zum Vorteil ergänzt:

„Der Entscheid zur Ahndung des ursprünglichen Vergehens ist innerhalb der nächsten paar Sekunden zu treffen.“

Es ist jener Satz, der den Schiedsrichter dazu drängt, den Vorteil zum Nachteil zu machen. Denn verliert der Angreifer auf Grund eines Fouls erst einige Zeit danach, also nach den „nächsten paar Sekunden“, den Ball, kann der Schiedsrichter das ursprüngliche Vergehen nicht mehr ahnden, also keinen Freistoß mehr geben.

Die Karten machen es vor …

Dabei ist die Regelung von Verwarnungen und Feldverweisen so geregelt, dass sie erst in der ersten Unterbrechung nach dem Vorteil ausgesprochen werden sollen:

„Zieht das Vergehen eine Verwarnung nach sich, wird der Spieler bei der nächsten Unterbrechung verwarnt. Falls jedoch nicht klar auf Vorteil entschieden werden kann, sollte das Spiel unterbrochen und der Spieler sofort verwarnt werden. Erfolgt die Verwarnung NICHT bei der nächsten Spielunterbrechung, kann sie auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt ausgesprochen werden.“

Die gelbe oder rote Karte darf also trotz Entscheid auf Vorteil in der nächsten Unterbrechung gezeigt werden. Wenn die Ahndung dieses Vergehens über die Spielsituation hinweg bestehen bleibt, wieso bekommt dann der Angreifer nach nutzlosem Vorteil nicht auch den Freistoß?

… und der Basketball auch

So ähnlich wird das zumindest im Basketball geregelt. Einer Zusammenfassung der Basketballregeln einer Plattform deutscher Schiedsrichter basketball-schiedsrichter.de ist zu entnehmen:

„Ist der Wurf trotz des Fouls erfolgreich, zählt der Treffer, und es wird zusätzlich ein Wurf zuerkannt. Ist der Wurf nicht erfolgreich, werden je nach Wurfentfernung zwei oder drei Freiwürfe zuerkannt, d.h. bei einem Wurfversuch aus der Drei-Punkte-Zone erhält der Werfer drei, in allen anderen Fällen nur zwei Freiwürfe.“

Ein gefoulter Angreifer wird hier besonders begünstigt. Trifft er bekommt er zusätzlich einen Freiwurf, trifft er nicht, bekommt er sogar zwei oder drei Freiwürfe. Auf Grund der beträchtlichen Unterschiede beider Sportarten kann diese Regel natürlich nicht eins zu eins übernommen werden, das Prinzip jedoch schon. Würden wir das Prinzip der Basketballregel auf den Fußball umlegen, könnte der Vorteil so gehandhabt werden:

„Entscheidet der Schiedsrichter auf Vorteil und der Angreifer verliert in der gleichen Spielsituation, wie lang diese auch sein mag, den Ball, erhält der Angreifer dennoch den Freistoß, im Strafraum den Elfmeter.“

Eine solche Regel würde einerseits den Schiedsrichtern eine klarere Vorgehensweise mit auf den Weg geben. Andererseits wäre sie, im Sinne der ursprünglichen Vorteilsregel, dafür da den Offensivfußball zu beleben. Dann wäre der Vorteil kein Nachteil mehr.

Emanuel Van den Nest, abseits.at

Emanuel Van den Nest

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