Es wird oft darüber diskutiert, ob es im Fußball eine allgemeingültige Erfolgsformel gibt. Diese wird es wohl nie geben, doch die Suche nach ihr... Diskurs zu quantitativen Statistiken im Fußball am Beispiel Roland Loys (4)

Taktik, Theorie, TaktikboardEs wird oft darüber diskutiert, ob es im Fußball eine allgemeingültige Erfolgsformel gibt. Diese wird es wohl nie geben, doch die Suche nach ihr ist dennoch äußerst interessant – und manche nutzen Statistiken anhand quantitativer Analysen, um sich der Formel zumindest annähern zu können.

Der bekannteste statistische Analytiker dürfte dabei Roland Loy sein. Dieser verweist leicht anmaßend darauf, dass sich viele Experten ohne wissenschaftliche Basis zu eindeutigen Aussagen hinreißen lassen. Doch wie viel Wahrheit steckt hinter seinen Analysen, die er aus den Daten von  3000 Spielen gewann? Was verbirgt sich hinter einem Mann, der behauptet, Ralf Rangnick wisse nicht, wie Fußball funktioniert? Die Antwort dazu findet sich in einer vierteiligen Serie, wo ein paar seiner Statistiken genauer betrachtet werden.

In diesem Teil befassen wir uns mit methodischer Kritik und widmen den quantitativen Statistiken ein kleines Fazit.

„Nehmen Sie den Strafstoß von Zidane im WM-Finale 2006. Auch ein Zidane kann nicht so präzise schießen, dass er beeinflussen kann, ob der Ball von der Unterkante der Latte knapp hinter oder knapp vor die Linie springt. Er hatte schlicht Glück, dass der Ball drin war. Es war eine Millimeterangelegenheit.“

In diesem Fall ist die Kritik eher eine methodische: Wenn ich alles als Zufall betrachte, dann mache ich es mir einfach. Wer sagt denn, dass Zidane nicht in 90% der Fälle eben knapp unter die Latte präzise trifft und in 10% der Fälle jenen unteren Teil der Oberlatte, der den Ball ins Tor prallen lässt? Der Zufall wäre dann bei null Prozent. Hier wird aus einer ungesicherten Faktenlage etwas behauptet, was schlicht nicht zutreffen muss – eben jener Aspekt also, den Roland Loy bei den Fußballtrainern kritisiert.

„Das frühe Draufgehen mag zwar zu schnelleren Ballgewinnen führen, kostet aber extrem viel Kraft, die dann im weiteren Spiel- bzw. Saisonverlauf womöglich fehlt. Außerdem birgt das frühe Stören die Gefahr, die eigene Abwehr zu entblößen und in der Folge Kontergegentore zu kassieren.“

Ja, wenn man keine Fitness, keine Spielintelligenz und keine guten Pressing-Trainingseinheiten, sollte man es sein lassen. Nimmt man eine ungeschulte oder eine sich in der Lernphase befindliche Mannschaft und spielt auf Teufel komm raus ein hohes Angriffspressing, werden sich zwangsläufig Probleme ergeben. Nehme ich aber den FC Barcelona als Beispiel, dann ist das frühe Stören gar die einzige Möglichkeit, die eigene Abwehr nicht zu entblößen.

Des Weiteren hängt die Vorgehensweise immer vom Gegner und dessen Reaktion darauf ab. Eine technisch schwache Mannschaft ohne funktionierende Passmechanismen ist immer anfälliger, als eine eingespielte Mannschaft mit mehreren Weltklassespielern in ihren Reihen.

„Was hilft es Ihnen, wenn Sie wissen, dass ein Spieler elf Kilometer gelaufen ist und Sie ja dennoch nicht wissen, ob er lieber nur zehn Kilometer oder besser sogar zwölf Kilometer gelaufen wäre?“

Richtig, darum sollte man sich das Spiel ansehen. Exakt dieses Beispiel zeigt, wie wenig Sinn eine quantitative Statistik und das Betrachten nackter, interpretations- und kontextfreier Zahlen ergibt. Ein Akteur wie Lars Bender läuft teilweise bis zu 13 Kilometer im Spiel – wodurch er Lücken schließt, Räume füllt oder Pässe verhindert. All diese Aspekte tauchen in keiner Statistik auf und eine Analyse jeder Bewegung von 22 Spielern in 90 Minuten von taktisch hervorragend geschulten Experten inklusive Ratern ist schlichtweg nicht praktikabel. Und solange dies nicht praktikabel ist, gibt es keine Statistik, die genauen Aufschluss gibt.

Eine alles erklärende Weltformel für den Fußball ist keineswegs möglich – sie ist aber weder wirklich vonnöten noch durchgehend aussagekräftig oder gar praktikabel. Eine Weltformel würde herausfinden, wann man besser als der Gegner ist und wie man die höchsten Erfolgswahrscheinlichkeiten generieren kann; doch hier kommt der Faktor Zufall, wenn auch in geringerer Form, ins Spiel. Es müssten sämtliche Zahlen für die unterschiedlichste Ausrichtungen, Spielphilosophien und Rahmenbedingungen mit extremer Detailtreue aufgenommen werden. Wieso also der Kompetenz großer Fußballdenker misstrauen? Wenn Trainer wie Ernst Happel bei allen Stationen Erfolg hatten, ist dann ihre Meinung nicht höher einzuschätzen, als nackte Zahlen, die ihren Wert in der Berechnung des Großen und Ganzen verloren haben?

Fazit

Eine quantitative statistische Analyse ist keine taktische Analyse und sollte deswegen keinen Anspruch darauf erheben. Man kann damit zwar Mythen wiederlegen wie „XY ist prinzipiell besser als AB“, aber auch nur, wenn die Daten signifikant sind; woran es an mangelnder Detailtreue und Untersuchung der Situationen in diesen Statistiken oftmals scheitert.

Andere „widerlegte“ Sachen sind aber ohnehin so absurd, dass sie auch ohne Statistiken problemlos zu widerlegen wären. Ein gutes Beispiel ist der Mythos „Wer 1:0 führt, der stets verliert!“. Wer das ernst nimmt, der hat ohnehin im Fußballbusiness als Verantwortlicher nichts verloren.

Allerdings ist natürlich nicht alles so kritisch zu beobachten, beispielsweise ist bei weniger komplexen und isolierten Begebenheiten auf dem Platz eine quantitative Analyse durchaus interessant. Siehe folgendes Zitat:

„Wenn man gedanklich in der Hälfte des Tores eine Linie ziehen würde und auf die obere Hälfte schießt, dann hat man eine herausragende Trefferquote von 99 Prozent.“

Das hier dürfte die interessanteste Statistik sein; aber nur falls sie nicht nur jene Schüsse berechnet, die aufs Tor gehen. Uli Hoeneß, Sergio Ramos und sogar Weltfußballer Lionel Messi können ein Lied davon singen. Man müsste hier wiederum berechnen, wie oft Schüsse vorbeigehen. Bei einem flachen Elfmeter kann er bekanntlich nicht unters Tor gehen, sondern nur vorbei. Falls dies jedoch berücksichtigt wurde, dann sollte man diesen Aspekt – ausnahmsweise – in die Planung vor Elfmeterschießen einfließen lassen. Im Großen und Ganzen sollten Statistiken aber gezielter, detailgetreuer und als Kontrolle des eigenen Auges genutzt werden – nicht umgekehrt.

Das Fazit lautet also, dass ein paar Sachen aussagekräftig und zu berücksichtigen sind. Alles andere kann man als Trainer getrost in die Tonne kloppen. Baut man seine Mannschaft nach den vielversprechendsten Methoden um, wird man nicht nur seinen Spielern gegenüber ungerecht, sondern stellt sich selbst eine Falle: das starre Verfolgen gleicher Methoden vermindert nämlich die eigene Erfolgswahrscheinlichkeit gegnerischer Anpassung nach einer taktischen Analyse.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

  • OM

    8.Februar.2013 #1 Author

    Sehr gut, danke! Geht denn Loys Bekannheit bzw. Bedeutung über diese Widerlegung von Mythen hinaus? In anderem Zusammenhang hab ich noch nicht von ihm gehört.

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  • CarstenK

    8.Februar.2013 #2 Author

    Ich glaube gerade beim Torabschluss bietet die quantitative Analyse noch viele interessante Ergebnisse. Gerade auch in der Bewertung von Torhütern und Torschützen.
    Bisher nutzt man diese Informationen hauptsächlich bei Elfmetern (zumindestens geben es da viele zu) und wohl auch bei Freistößen (vor allem die Torhüter kennen die Vorlieben der Schützen, ob das umgekehrt auch gilt weiß ich nicht, aber einige Schützen dürften auch die Vorlieben der Torhüter kennen).
    Aus dem Spiel heraus ist die Umsetzung natürlich schwerer, da die Zeit knapp ist. Aber wenn man eine klare Schwäche eines Torwarts statistisch belegen kann, wäre es fahrlässig sie nicht zu nutzen.

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