Genug von der grauen Theorie, brotlosen Diskussionen und Einschätzungen, wer was wieder einmal falsch gemacht hat. abseits.at schreitet selbst zur Tat und stellt seine... Experiment: abseits.at stellt sein ultimatives Team auf – Teil 1: Der Tormann

Genug von der grauen Theorie, brotlosen Diskussionen und Einschätzungen, wer was wieder einmal falsch gemacht hat. abseits.at schreitet selbst zur Tat und stellt seine ultimativ moderne Elf vor. Dabei erklären wir jedem einzelnen Spieler, worauf es uns ankommt. Und Sie sind live in der Kabine dabei! In Teil 1 unserer Serie entscheiden wir uns für einen modernen Torhüter.

Die Position

Die Position des Torhüters spielt im Fußball eine ganz eigenartige Rolle. Keine andere Position hat so wenige Gemeinsamkeiten mit dem Rest der Mannschaft, kein Tormann der Welt kann ein Spiel alleine mit Einzelleistungen entscheiden – denn für Siege braucht man Tore. Trotzdem kann der Goalie zum entscheidenden Vorteil einer Partie werden. Natürlich mit starken Paraden, aber auch mit klugem Stellungsspiel, fußballerischem Können oder der Fähigkeit, ein Spiel schnell zu machen. Und dann gibt’s da natürlich noch die elf Meter, die für einen Torhüter die Welt bedeuten können. Beim Strafstoß besteht für einen Schlussmann die höchste Chance, zum Helden zu werden – zu verlieren hat er nichts.

Geschichte

Als Tormann hat man es wirklich nicht leicht. Die Legenden, die sich um die Entwicklung der Position ranken, schmeicheln den Schlussmännern von heute ganz und gar nicht. Bis ins 19. Jahrhundert war es üblich, jeweils jene Spieler das Tor hüten zu lassen, die den höchsten Grad der Erschöpfung aufwiesen. Andere Geschichten erzählen davon, dass immer der schlechteste Kicker zwischen die Pfosten musste. Moderne Defensivapostel müssen sich die Haare raufen, wenn sie solche Dinge hören. Dass Torleute selten ein- bzw. ausgetauscht werden, war hingegen von Anfang an eine Faustregel im Fußball. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts forderte man von einem Torhüter hauptsächlich ein, dass er durch schnelle Reflexe Schüsse des Gegners abwehrt. Nach und nach kam das Wort „Strafraumbeherrschung“ auf. Darunter verstand man, heranstürmenden Gegnern entgegen zu gehen, um den Schusswinkel zu verkürzen. Auch das Verhalten bei Flanken wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem bestimmenden Thema. Auch eine der berühmtesten Torhüter-Geschichten aus Österreich stammt aus dieser Zeit. Genauer gesagt aus dem Jahr 1954, als Österreich bei der WM in der Schweiz den Gastgeber sensationell in Lausanne mit 7:5 bezwingen konnte. Die Berichte von damaligen Spielern und Fans sind mittlerweile legendär. Kurt Schmied musste kurzfristig den österreichischen Stammgoalie Walter Zeman ersetzen. Zeman fiel mit einer Knieverletzung aus. Aufgrund der hohen Temperaturen (bis zu 45° C) in Lausanne erlitt Schmied bereits in der ersten Halbzeit einen Sonnenstich und war in seiner Sicht eingeschränkt. Wechsel waren keine erlaubt, Schmied musste durchhalten. Er stolperte quer durch sein Tor und kassierte in den ersten 20 Minuten drei Tore. Österreich gab aber nicht auf, Masseur Josef Ullrich dirigierte den völlig paralysierten Schmied im Tor und das Team gewann noch 7:5.

Der Torhüter im modernen Fußball

Heute wäre ein solches Spiel aus mehrerlei Gründen nicht mehr vorstellbar. Ganz abgesehen davon, dass man einen Torhüter mit einem Sonnenstich umgehend auswechseln würde – das Torwartspiel hat sich seit der Hitzeschlacht von Lausanne entscheidend verändert. Längst sind nicht nur mehr Paraden und Ausschüsse wichtig. Der krasseste Unterschied zwischen einem modernen Torhüter und der früheren Interpretation der Position ist wohl, dass der Torhüter 2012 taktisch in die Strategie des Teams eingebunden ist. So bekommt ein heutiger Schlussmann bei einer Kontertaktik, das Spiel mit Auswürfen auf die Flügel schnell zu machen (wie es beispielsweise Manuel Neuer mit seinen weiten Auswürfen oft tut), oder es wird ihm ein bestimmter Anspielpartner im Aufbauspiel nahegelegt. Zuweilen ersetzt der Goalie deshalb auch bei eigenem Ballbesitz den früheren Libero, der hinter der Abwehr der Erste war, der einen neuen Spielzug einleitete. Soll das aber reibungslos funktionieren, muss der Torhüter, entgegen aller früheren Weisheiten, sehr wohl die Fähigkeit des Fußballspielens besitzen. Ballannahme und Verarbeitung, Passspiel und Technik – die Trainingsgebiete der Torhüter sind breit gefächert. Sogar das Stellungsspiel wurde im Laufe der letzten Jahre revolutioniert. So ist es üblich, dass Torhüter weit vor ihrem Tor stehen, wenn die eigene Mannschaft in Ballbesitz ist. Die Gefahr, bei einem schnellen Ballverlust durch einen Heber einen Treffer zu kassieren, ist zwar gegeben, dafür kann der Schlussmann als elfter Aufbauspieler mithelfen, einen Angriff vernünftig aufzubauen und einzuleiten. Er bildet immer eine freie Anspielstation oder bindet einen Gegner, er hat stets das Spiel vor sich und kann die Bälle verteilen. Und auch Tore werden von Goalies gemacht: Hans-Jörg Butt war jahrelang erster Elfmeterschütze bei seinen Vereinen, Jose Chilavert schoss unzählige Freistoß- und Elfmetertore. Zwar nur eine seltene Erscheinung am Rande, trotzdem lässt sich daran erkennen, wie sehr sich das Bild des Torhüters gewandelt hat.

Unser Mann

Unser Mann muss ein Musterbeispiel für einen modernen Torhüter sein. Ein Leader, der seine Abwehr dirigiert, technisch beschlagen ist und eine gute Strafraumbeherrschung hat. Er darf keine Angst vor Kontakt mit gegnerischen Stürmern haben, muss bei Flanken dominant auftreten und auf der Linie schnelle Reflexe haben. Außerdem wollen wir, dass er über die Flügel schnell und gezielt ausschießen oder auswerfen kann, sodass schnelle Konter gefahren werden können. Unser Tormann muss die Bereitschaft zeigen, aktiv am Spiel teilzunehmen und nicht einfach nur seinen Kasten sauber zu halten. Ein guter Freistoß- und Elfmeterschütze muss er übrigens nicht unbedingt sein.  Wir entscheiden uns für Marc-André ter Stegen. Der Gladbacher erfüllt alle Kriterien und hat das Zeug zum absoluten Spitzentormann. Er verkörpert mit seiner Spielweise den modernen Torhüter, ist jung und strotzt vor Selbstvertrauen. Ein Video zeigt, was wir damit meinen:

Archimedes, www.abseits.at

Archimedes

  • Nimo

    9.Februar.2012 #1 Author

    Sehr schöne Arbeit!

    Antworten

  • Harri G

    9.Februar.2012 #2 Author

    Klasse Analyse. Würde ich so unterstreichen.

    Ist generell Wahnsinn, was Favre aus Gladbach gemacht hat: 12 Gegentore in 20 Spielen, in nur einem einzigen (!) Spiel mehr als 1 Tor kassiert. 

    Antworten

  • Chiho

    10.Februar.2012 #3 Author

    So einen Artikel zu verfassen ohne einmal den Namen Edwin van der Sar zu nennen ist schon eine große Kunst 😉

    Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.