„Geht nicht, gibt’s nicht“ ist man geneigt zu sagen, aber in Zeiten der österreichischen Dauerdiskussion um den Teamchef ist bei beiden Spielen eines zu... Fußball/verrückt: Wieviel ist Taktik, wieviel ist Können, wieviel ist Zufall?

„Geht nicht, gibt’s nicht“ ist man geneigt zu sagen, aber in Zeiten der österreichischen Dauerdiskussion um den Teamchef ist bei beiden Spielen eines zu beobachten, nämlich dass jeder Trainerfachmann – und als solche gelten Mourinho, Guardiola, Gludovatz und Moniz – nur so gut ist, wie die elf Mann, die er aufstellt. Was die aus den Vorgaben machen, wenn der Gegner weiß, was zu tun ist, ist nämlich letzten Endes Spielersache.

Teamchef Dietmar Constantini ist bekanntermaßen nicht das, was gemeinhin als Taktikfuchs beschrieben wird, nach mehr als zwei Jahren kann die österreichische Nationalmannschaft gerade zwei Spielsysteme praktizieren und die auch nur dann, wenn sich alle lieb haben. Dennoch erkennt er in seinem 4-2-3-1 gegen die Slowakei, dass es wenig Sinn macht, einen Spieler wie Martin Harnik an die Leine zu legen. Der gebürtige Deutsche ist schlichtweg genialer Wahnsinn, ein gewiefter Arbeiter, der durch geniale Momente Torchancen kreieren kann, die kein Trainer am Reißbrett entwerfen kann. Am Sonntag hatte der Fußballfan schließlich die Möglichkeit, individuelle Klasse und das Möglichmachen dieser in zwei weiteren Partien zu sehen. Im Gegensatz zu so manchem Opinionleader in Print- und Online-Medien sind gewisse Tore nicht planbar – denn sie basieren und passieren auf und durch individuelle Stärke.

LEONARDO, ALAN UND MADER

Die Brasilianer, die die „Roten Bullen“ seit einigen Wochen unterstützen, mögen hin und wieder im Kopf ein kleines Problem haben, ihre ballesterischen Fähigkeiten sind jedoch unbestritten. Enge Ballführung, gute Körpertäuschungen – da hilft dann auch kein Defensivkonzept der Welt mehr, wenn durch ein Dribbling gleich mehrere Verteidiger stehen gelassen werden. Ein weiteres Beispiel ist der Anschlusstreffer von Florian Mader. Beim Großteil der Schützen auf nationaler wie internationaler Ebene sind Schüsse aus dem Halbfeld meist leichte Beute für die Torhüter, nicht so bei Flo Mader. Der Tiroler kann das einfach und das zögerliche Attackieren von Leitgeb und Cziommer hätte so gut wie keinen Einfluss, wenn es eben nicht ausgerechnet dieser Spieler gewesen wäre, der abzog.

BENZEMA, VILLA, MESSI – UND THOMAS GEBAUER

Beim Duell Spielfreude versus Taktik entschieden auch die genialen Momente. Benzema spielte Özil wunderbar frei und passte quasi im Fallen noch genau so, dass der Deutsche ungehindert einnetzen kann. Die beiden Tore des FC Barcelona waren überhaupt nicht mehr zu verteidigen. Wie David Villa den Ball trotz enger Deckung in den Winkel dreht, wie Messi wie ein heißes Messer durch das königliche Abwehreis schmilzt – einfach nur wunderbar und schön anzusehen. Real konnte diese Tore nicht verhindern. Sie passieren einfach und auch der Gegner muss das neidlos anerkennen. Ein paar Stunden früher konnte man auch beobachten, was Fußball noch ist: Zufall. Ein Rückpass auf Ried-Goalie Thomas Gebauer, eine Unachtsamkeit seinerseits und der Ball kullert seelenruhig zum 0:2 ins Netz. Heinz Hochhauser meinte in der Pause, dass „so etwas einmal in der Karriere vorkommt“, Karel Brückner tröstete Petr Cech nach einem derartigen Fehler mit den Worten, dass er „schon so viele Punkte gerettet hatte“, dass er ihm trotz des spielentscheidenden Fehlers keinen Vorwurf machen würde.

DIE FORDERUNG NACH MEHR REALISMUS

Fußball ist nur bedingt planbar, ein Matchplan aber unumgänglich. Die Mannschaft sollte zu jedem Zeitpunkt des Spieles wissen, was sie zu tun hat. Und hier ist er, der Konjunktiv. Dortmund verliert durch einen Freistoß gegen Hoffenheim, der in den meisten Fällen ungefährlich ist. Ist Jürgen Klopp, eine Woche nach dem Traumfußball gegen den Hamburger SV, nun kein guter Trainer mehr? Alle Taktik, jeder Matchplan beim Teufel? Ist Fußball doch nur Glück und Pech? Nein, Fußball ist alles. Es ist die diszipliniert verschiebende Viererkette, es ist der perfekt über die Seite im Dreieck vorgetragene Angriff, es ist das sekundenschnelle hinter-den-Ball-Kommen bei Ballverlust, es ist der Freistoßtrick, der die Verteidigung auseinander reißt. Fußball ist aber auch das über-den-Ball-drüber-Rasieren, der Tausenguldenschuss, die perfekte Schusstechnik aus unmöglicher Position, der Solo-Lauf über das halbe Feld und das Gurkerl, das beim Überspielen ein Tor ermöglicht.

Der Vergleich dieser drei Spiele fördert zu Tage, dass bei zu wenig Taktik (Constantini) Glück und Pech entscheiden können, dass bei guter Taktik (Moniz, Gludovatz) das selbe der Fall ist und dass auch Übertrainer (Mourinho, Guardiola) machtlos sind, wenn ein Spieler das Unmögliche versucht. Fußball ist alles – und darum lieben ihn Milliarden Fans.

Georg Sander, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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