Wenn über Spielkultur diskutiert wird, dann fällt oft der Begriff der „abkippenden Sechs“. Er beschreibt das Verhalten eines Mittelfeldspielers, meistens eines Sechsers, der sich... Taktikanalyse: Die pendelnde Sechs (Teil 4)

TaktikWenn über Spielkultur diskutiert wird, dann fällt oft der Begriff der „abkippenden Sechs“. Er beschreibt das Verhalten eines Mittelfeldspielers, meistens eines Sechsers, der sich im Spielaufbau zwischen oder neben die beiden Innenverteidiger zurückfallen lässt, um von dort aus das Spiel der eigenen Mannschaft „anzukurbeln“.  Aber was ist eigentlich der Grund für dieses Verhalten? Und beschreibt das Adjektiv „abkippend“ wirklich alle Facetten der Bewegung?

In diesem Teil der Serie geht es darum, wie die aufbauende Mannschaft den Problemen – wie beispielsweise mangelnde Präsenz im Zentrum – entgegenwirken kann und wie die entstehenden Strukturen möglichst vorteilhaft ausgenutzt werden können.

Wie bereits erwähnt ist das Problem der Unterzahl im Zentrum der entscheidende Nachteil des Abkippens. Durch die entstehenden Strukturen kann die gesamte Aufbaustruktur durch gutes Timing und geschicktes Herstellen von Mannorientierungen, wie beim Herausstechen eines gegnerischen Mittelfeldspielers zur Manndeckung der abgekippten Sechs, lahmgelegt werden. Nachfolgend soll es um Lösungsansätze zu dieser Problematik gehen.

Veränderung der Rolle der Außenverteidiger

Die erste Möglichkeit, die Unterzahl im Zentrum aufzulösen, besteht darin, dass die Außenverteidiger nicht mehr breit spielen, sondern sich ins Zentrum hineinfallen lassen. Bleiben sie am Flügel, sind sie meistens mannorientiert verteidigt und stehen noch dazu in vielen Situationen im Deckungsschatten der Stürmer. Lassen sie sich hingegen, zumindest einer von beiden, ins Zentrum fallen, lösen sie diese Problematik und füllen das Loch im Mittelfeld. Dazu stellen sie den Flügelspieler, der ihnen zugewiesen ist, vor die Entscheidung sie entweder zu verfolgen oder den Passweg zum Flügelspieler zu verstellen. Dieser hat durch das Verhalten des Außenverteidigers den Vorteil, dass er dem Ball weiter entgegen gehen und sich so mehr Platz verschaffen kann, um den Ball später spieloffen anzunehmen. Außerdem kann der Ball bei einer Verlagerung dann schon eine Linie weiter nach vorne gespielt werden. Wird der Außenspieler dann in einer engen Situation oder unter Druck angespielt, hat er durch das Einrücken des Außenverteidigers dort mehrere Optionen. Rückt dieser im Tempo nach vorne, kann entweder er angespielt werden, oder er öffnet zumindest Passwege ins Zentrum. Seine vertikalen Bewegungen werden dabei dadurch abgesichert, dass mit der abkippenden Sechs ein anderer Spieler hinter dem Ball ist. Beispielhaft für diese Spielweise ist das Verhalten von Alaba beim FC Bayern, der genau diese Bewegungen zeigt.

Tak5

Die Außenverteidiger sind ins Zentrum gerückt (Siehe Pfeile). Dadurch unterstützen sie den alleinigen Sechser und füllen das Loch im Zentrum. Die blaue Mannschaft entscheidet sich in dieser Grafik dazu das Zentrum zu sichern, weshalb die blauen Flügelspieler mit den beiden Außenverteidigern einrücken (Siehe Kreise). Dadurch entstehen jedoch Lücken auf den Außen und der Passweg von den Innenverteidigern, ggf. sogar von der abgekippten Sechs zu den Flügelspielern ist offen

Die falsche Neun als zusätzlicher Mann im Mittelfeld

Daneben gibt es natürlich auch die Möglichkeit, dass sich einer der vorderen Spieler nach hinten fallen lässt, um das Loch im Mittelfeld zu füllen. Passiert dies nicht nur situativ, sondern lässt ein Stürmer seine Situation in Phasen des Spiels zu Zwecken des Spielaufbaus komplett verwaisen, spricht man davon, dass das Verhalten der Neun „falsch“ ist. Im Endeffekt sind es ähnliche Mechanismen wie bei der abkippenden Sechs selbst. Der zurückfallende Stürmer wird sich so positionieren, dass er den alleinigen Sechser im Zentrum möglichst effektiv unterstützen kann, er wird aber wenn möglich auch nicht unnötig weit zurückfallen, um einerseits den Raum nicht zu verengen und selbst weiter vorne als Anspielstation zu dienen. Ein typisches Beispiel für dieses Verhalten sind die Bewegungsmuster von Lionel Messi vom FC Barcelona. Er kippt meistens leicht nach rechts versetzt heraus um dort im Halb- bzw. Achterraum als Anspielstation zu dienen. Damit geht zwar die Präsenz im Sturmzentrum verloren, dieser Raum soll aber in dieser Phase des Spielaufbaus noch gar nicht angespielt werden. Durch das Zurückfallen ins Mittelfeld haben die Flügelspieler beim FC Barcelona die Aufgabe dem Spiel die Tiefe und die Breite zu geben, was sich gut mit den aufgerückten Außenverteidigern ergänzt, die wegen des Abkippens der Sechs und den damit verbunden breiten Innenverteidigern nach vorne rutschen können.

Aufrückende Innenverteidiger und Sechser

Was zudem einen Möglichkeit ist, ist das Aufrücken der Innenverteidiger mit Ball am Fuß ins Mittelfeld. Dieses Verhalten sieht man z.B. oft vom Dortmunder Sokratis. Dabei wendet der BVB dieses Mittel bewusst an und bespielt diese Variante so, dass Sokratis nach einem schnellen Seitenwechsel aufrücken kann. Er kann dann einfach an der ersten Pressinglinie des Gegners vorbeilaufen. Diese Variante ist insofern etwas ungünstig, als dass das Aufrücken vom Gegner relativ leicht nach außen gegelenkt werden kann, hat aber den Vorteil, dass damit kein Stabilitätsverlust einhergeht.

Steht die erste Pressinglinie des Gegners zu weit auseinander bietet sich auch an, dass die abgekippte Sechs auf diese Schnittstelle zudribbelt und dann entweder den Pass dahinter spielt, oder aber ganz hindurch marschiert. Javi Martinez vom FC Bayern zeigt solche Ansätze, allerdings ist diese Variante durchaus schwierig zu spielen, da man leicht und schnell unter Druck kommen kann und der Gegner dieses Dribbeln auch bewusst zulassen kann, um dann im richtigen Moment zu pressen. Diese Art von Pressingfalle hat z.B. Juventus Turin letztes Jahr im Championsleague-Viertelfinale gegen den FC Bayern verwendet, was diese dazu veranlasste Schweinsteiger vermehrt nach links abkippen zu lassen, um von dort aus am Kompakten ersten Block des Turiner 3-3-2-2 vorbeispielen zu können.

Im letzten Teil der Serie wird es unter Betrachtung der Vor- und Nachteile einer abkippenden Sechs darum gehen, wie sich ausgewählte moderne Sechser bewegen, und dass diese Spielweise eher einem „Pendeln“ als einem bloßem nach hinten Fallen nahe kommt.

Tobias Robl, www.abseits.at

Tobias Robl

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