Die meisten werden diesen Spielzug schon gesehen haben, der Terminus „salida lavolpiana“ wird vielen jedoch vielleicht noch kein Begriff sein. Dieser Spielzug ist jedoch... Taktiktheorie: La salida lavolpiana

Taktikboard grün_abseits.atDie meisten werden diesen Spielzug schon gesehen haben, der Terminus „salida lavolpiana“ wird vielen jedoch vielleicht noch kein Begriff sein. Dieser Spielzug ist jedoch schlicht und einfach die Bezeichnung dafür, dass sich ein Sechser im Spielaufbau zwischen zwei Innenverteidiger fallen lässt, diese breit auffächern und die Außenverteidiger nach vor schieben.

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Der angebliche Erfinder dieses Spielzugs ist der argentinische Trainer Ricardo la Volpe, der vor allem in Mexiko tätig ist und war. Auf großer Bühne wurde die salida lavolpiana unter seiner Ägide als mexikanischer Nationaltrainer angewandt. Später war auch Tata Martino bei Newell’s in Argentinien und beim argentinischen Nationalteam ein Vertreter dieser Eröffnung. In einer etwas angepassten Form macht dies auch der FC Barcelona, wobei man hier eher versucht eine kleine Raute aus den Innenverteidigern, dem Torwart und den Sechsern zu bilden. Bei den Bayern kann man es auch beobachten, hier ist der sehr dominant agierende Xabi Alonso der Protagonist. Der Einfachheit halber gehen wir in diesem Artikel von einer prinzipiellen 4-3-3 Grundordnung aus.

Gründe und Wirkungen der salida lavolpiana

Als offensichtlichsten Grund kann man den Versuch ein Pressing des Gegners mit zwei Stürmern zu umgehen angeben. Durch das Abkippen des Sechsers ermöglicht man eine Überzahl in der ersten Aufbaulinie, sowie gegen ein 4-4-2 eine Gleichzahl im Mittelfeld (gegen ein 3-5-2 ist dann wahrscheinlich auch eine falsche 9 nötig, um im Mittelfeld nicht erdrückt zu werden). Die Innenverteidiger können nun mit ausreichend Absicherung weit auffächern. Zwangsläufig entstehen nun Räume im Pressing des Gegners. Entweder in den Halbräumen neben den beiden Stürmern, oder zwischen ihnen. Passwege ins Mittelfeld öffnen sich und somit auch die Möglichkeit in das strategische Herz des Spielfeldes voranzustoßen.

ausganssituation v 442

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausgangssituation gegen ein 4-4-2

Selbst wenn das Pressing des Gegners gut strukturiert wird und die Aufbauspieler gut angelaufen werden: wo ein Raum besetzt wird, wird ein anderer frei. Durch die Bewegung des Sechsers und die Reaktion des Gegners darauf bilden sich wie bereits erwähnt Räume. Wichtig ist es vor allem jedoch, diese zu erkennen und auch adäquat zu nutzen. Wenn Pässe diese Räume bespielen sollen, ist die Qualität eben jener natürlich entscheidend. Nicht nur präzise, sondern auch scharf haben die Zuspiele zu sein, um den Gegner die Zeit zum Pressen zu nehmen und dem Mitspieler die Zeit zum Verarbeiten zu geben. Zeittransfer sozusagen – was Physiker wohl davon halten?

pass auf IV

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Innenverteidiger wurde angespielt. Ihm bieten sich nun drei sichere Passoptionen nach vorne bzw diagonal.

Agieren die Gegner mit Mannorientierungen, dann ergeben sich ebenfalls zwangsläufig freie Spieler. Diese sind natürlich dann etwas weiter weg gelegen, meistens am Flügel im Mittelfeld zu finden. Durch Mannorientierungen an vorderster Linie und im Mittelfeld kann man natürlich scheinbar leichter Zugriff erhalten und viel Druck erzeugen. Ist der Tormann jedoch spielstark oder die Aufbauspieler gedanklich schnell genug, kann der freie Mann gefunden und angespielt werden. Dieser hat meistens entweder Zeit, weil die Gegner andere Spieler manndecken müssen. Oder er wird sofort attackiert, was aber bedeutet, dass ein Gegner einen Spieler frei lassen muss, der dann ebenfalls wieder anspielbar ist. Und so weiter, und so weiter..

mannorientierung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die salida lavolpiana ist nicht nur ein Mittel für das Kurzpassspiel. Denn bleibt der Gegner kompakter als in der vorigen Abbildung, entstehen Räume hinter der Abwehr. Diese können durch hohe Bälle gezielt gespielt werden und bedeuten oftmals Gefahr für die gegnerische Verteidigungslinie, sofern man nicht Manuel Neuer im Tor stehen hat.

Eine weitere Möglichkeit die geschaffenen Räume auszunutzen ist das Dribbling. Normalerweise verpönt von vielen Trainern (vor allem in Österreich!), ist das Dribbling ein sehr nützliches taktisches Mittel, wenn richtig eingesetzt. Der Gegner kann zum Beispiel auf eine Seite gelockt werden, nur um dann schnell zu verlagern, damit der Verteidiger den freien Raum für ein Dribbling nutzen kann. David Alaba ist ein Meister der dynamischen Raumnutzung, ist deswegen als Halbverteidiger bei den Bayern auch so eine wertvolle taktische Option.

pass auf rechts, zurück zum sechser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gegner wird auf rechts gelockt. Dann wird schnell über den Sechser verlagert, der linke Innenverteidiger dribbelt in den Raum.

Es kann jedoch nicht nur nach Verlagerungen kann gedribbelt werden. Hat man dribbelstarke Innenverteidiger in seinen Reihen, dann kann in dem obigen Szenario der rechte Innenverteidiger auch einfach mit dem Ball den Raum vor ihm oder einen Gegner andribbeln. Der Gegner ist gezwungen zu handeln. Wird der Innenverteidiger attackiert, ergibt sich wieder ein freier Mann, und die Situation ist gelöst. Natürlich ist die Gefahr eines Ballverlustes gegeben. Wissen jedoch die umliegenden Mitspieler von diesen geplanten Aktionen, können durch kollektives Gegenpressing gröbere Folgen vermieden werden. Wird der Gegner jedoch nicht aktiv, hat der Spieler weiterhin Raum um Zeit, um sich eine geeignete Passoption zu suchen.

Sauberkeit, nicht nur für Leute mit Putzfimmel

Die salida lavolpiana erzeugt Überzahl bereits in der ersten Linie des Aufbauspiels. Eine der großen Prämissen im Ballbesitzfußball sind eben lokale Überzahlen, also ist dieser Spielzug durchaus geeignet. Der Erfolg des Spielaufbaus ist vor allem von den richtigen Entscheidungen, sowie der Sauberkeit der Aktionen geprägt. Durch die Überzahlsituation im Aufbau hat man um den Bruchteil der Sekunde mehr Zeit, um den richtigen Mitspieler im richtigen Zeitpunkt auf den richtigen Fuß zu spielen. Sauberkeit baut auf Sauberkeit auf. Wenn ein Spieler einen Pass bekommt, den er leicht und schnell kontrollieren kann, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass er ebenfalls so einen Pass produzieren kann. Frei nach dem Matthäus-Effekt baut Erfolg also auf Erfolg auf.

Die salida lavolpiana kann nicht nur gegen zwei Stürmer, sondern auch gegen drei (wie oben gezeigt) und auch gegen einen angewandt werden. Vor allem Letzteres bietet sich unter dem Umstand an, dass der Torwart nicht der passsicherste ist. Zudem lässt die Variante die Innenverteidiger sehr breit auffächern, ohne dass die Verbindungen der gesamten Mannschaft gestört werden, also sich zu sehr an Länge und Anzahl verändern. Das „Gleichgewicht des Spiels“ (Enric Soriano) bleibt also erhalten, was das Passspiel weiterhin erleichtert und in Folgewirkung natürlich das Gegenpressing.

Fazit

Dieses taktische Stilmittel ist vor allem in Südamerika deutlich mehr in Gebrauch als bei uns in Europa. Dies liegt aber wahrscheinlich auch daran, dass der Druck durch das Pressing dort geringer ist. Dennoch ist es eine sehr interessante Variante, um den Aufbau in bestimmten Situationen zu verbessern. Sie ist jedoch kein Muss für einen erfolgreichen Spielaufbau. Denn, wie abseits.at- Kollege René Marić mir letztens gesagt hat: „Du kannst ja den Mittelfeldspielern unter Druck den Ball in den Fuß knallen, wenn du da Busquets und Iniesta hast.“

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer