Die Schweden waren als Veranstalter schon für das Jahr 1954 vorgesehen gewesen, nach einem Tausch mit der Schweiz richteten sie nun aber die sechste...

Just Fontaine - Frankreich 1938Die Schweden waren als Veranstalter schon für das Jahr 1954 vorgesehen gewesen, nach einem Tausch mit der Schweiz richteten sie nun aber die sechste Fotboll VM der Geschichte aus. Ebenso wie den Eidgenossen kam es den Nordeuropäern zu Gute, dass sie sich im Krieg neutral verhalten hatten und es so keinerlei Bedenken von Seiten der FIFA für die Vergabe des Großereignisses gab. Gespielt wurde in zwölf Stadien in ebenso vielen Städten über ganz Schweden verteilt. Sandviken, ein Städtchen mit fast 23.000 Einwohner in der historischen Provinz Gästrikland beherbergte mit dem Stadion Jernvallen den nördlichsten Punkt an dem je ein WM-Spiel gespielt wurde. Mit fast 50.000 Sitzplätzen waren das Råsundastadion in Solna und das Ullevi in Göteborg die größten Spielstätten der WM ’58. Überraschenderweise reiste keine Nation aus Asien, Afrika oder Australien nach Europa, ebenso ließ der Weltverband kein Team mehr „kampflos“ zur WM kommen.

Platzmangel

52 Mannschaften wollten dieses Mal an der Endrunde teilnehmen. Da Gastgeber Schweden und der regierende Weltmeister Deutschland direkt qualifiziert waren, mussten sich die übrigen Länder um 14 Plätze „raufen“. In Europa qualifizierten sich zum ersten und einzigen Mal alle britischen Teams (England, Nordirland, Schottland und Wales), daneben fuhren noch Frankreich, Ungarn, die Tschechoslowakei, Österreich, die UdSSR und Jugoslawien nach Schweden. Brasilien, Argentinien und Paraguay reisten aus Südamerika an, Mexiko wurde Repräsentant von Nord- und Mittelamerika. Kurioses passierte in der Afrika-Asien-Gruppe, deren „Vertreter“ wurde nämlich die Walisische Nationalmannschaft. Als sich der Sudan und Ägypten weigerten gegen Israel anzutreten (die Suezkrise hatte die politische Lage verschärft) und auch Indonesien nur auf neutralem Boden gegen das „heilige Land“ spielen wollte, wurde Israel ein gescheiterter Gruppenzweiter zugelost: Wales siegte zwei Mal mit 2:0 und fuhr so zur WM.

Bei der Auslosung der Gruppen kam eine neue Methode zur Anwendung: Dieses Mal wurden die Teams nach geografischen Kriterien gegliedert und anschließend in vier Töpfe aufgeteilt, sodass jede Gruppe aus einer westeuropäischen, einer amerikanischen, einer osteuropäischen und einer britannischen Mannschaft bestand. Innerhalb der Auslosung musste jeder gegen jeden spielen, die ersten beiden stiegen ins Viertelfinale auf. Bei Punktegleichheit zwischen dem Gruppenzweiten und Gruppendritten wurde ein Entscheidungsspiel angesetzt.

Weltmeister Deutschland konnte sich auch mit zwei Unentschieden und einem Sieg den ersten Platz in Gruppe Eins sichern. Nordirland überstand das Entscheidungsspiel gegen die CSSR und wurde Zweiter. Auch Wales musste sich gegen Ungarn Platz Zwei erkämpfen, Schweden wurde unangefochten Erster der Gruppe 3. Frankreich, Jugoslawien und Brasilien kamen ebenfalls weiter. England musste überraschend nach dem Entscheidungsspiel um Platz 2 gegen die Sowjetunion heimfahren. Österreich wurde hinter England Gruppenletzter des Topfes Nr. 4.

48 Stunden nach ihren Entscheidungsspielen mussten Nordirland, Wales und die Sowjetunion nun schon zum K.O.-Duell des Viertelfinales antreten. Erwartungsgemäß kamen Brasilien, Frankreich und Schweden so leicht weiter. Deutschland besiegte Jugoslawien mit einem Treffer des Berner Helden Helmut Rahn. Im Halbfinale bekam der regierende Weltmeister Gastgeber Schweden zugelost.

50.000 Gegner

Erstmals konnten es sich eine große Anzahl an Fans leisten ihrer Nationalmannschaft hinterher zu reisen. So fanden sich einige deutsche „Schlachtenbummler“, wie sie damals genannt wurden, in Göteborg zu dem mit Spannung erwarteten Semifinale zwischen dem amtierenden WM-Sieger und dem starken Gastgeber ein. Schweden verfügte über einige Legionäre, viele verdienten ihr Geld in Italien und waren so zu einem spielstarken Kollektiv zusammengewachsen. Vor dem so wichtigen Halbfinale schürte die Presse Unmut zwischen den beiden Nationen: Mit randalierenden deutschen Fans assoziierte die schwedische Medienlandschaft Prädikate aus dem vorangegangen weltumspannenden Konflikt: „Kriegsfußballer“, „Knochenbrecher“ oder „Panzer“wurden die DFB-Elf und ihre Anhänger betitelt. Der deutsche Journalismus machte sich über die zahlreichen „Fremdarbeiter“ der Nordeuropäer lustig: Ein Auslandsengagement galt damals noch als charakterloses, geldgieriges Geschäft.

Der Teamchef und Vater des „Wunders von Bern“ „Sepp“ Herberger war über die Verlegung des Matches von Stockholm nach Göteborg nicht erfreut. Das DFB-Quartier erwies sich als unbequem und lange sah es so aus, als würde sich der Veranstalter weigern, den mitgereisten Deutschen Karten zu verkaufen. Im Stadion selbst sangen die Skandinavier die wenigen gegnerischen Anhänger nieder, zudem dezimierte sich die deutsche Elf mit der Zeit selbst. Zunächst musste Juskowiak nach einem Revanchefoul mit Rot vom Platz, danach wurde Fritz Walter (in seinem letzten Länderspiel) mit einer Knöchelverletzung vom Feld getragen. Viele trauten dem ungarischen Schiedsrichter Zsolt außerdem nicht genügend Objektivität zu, schließlich lag die „Schmach von Bern“, bei der die Goldene Elf der Magyaren überraschend gegen Deutschland verloren hatte, nur vier Jahre zurück. Auf alle Fälle übersah der Referee nach dem 1:0 der Deutschen in der 23. Minute ein klares Handspiel eines Schweden. Skoglund glich so vor der Pause aus und in den letzten Minuten der zweiten Spielhälfte machten die Hausherren nach oben erwähnten Ausfällen den Sack zu.

Die Stimmung zwischen Deutschland und Schweden war abgekühlt. Ein Hamburger Restaurant fühlte sich bemüßigt die Gerichte Smörgåsbord sowie, wegen Zsolts Beteilung an dem Spiel, „Paprikagulasch“ von der Speisekarte zu streichen. Schwedische Touristen wurden angepöbelt. Die „Schlacht von Göteborg“ blieb einige Jahre in deutlicher Erinnerung.

Im zweiten Halbfinale spielte Brasilien gegen Frankreich. Das Match war zunächst ausgeglichen, erst als der französische Kapitän Jonquet wegen eines gebrochenen Beines nicht mehr weiterspielen konnte, dominierten die Südamerikaner „les Bleus“. Mit einem 5:2-Sieg zogen sie deutlich ins Finale ein. Dieses Spiel war das spielerische Highlight der WM ’58: Raymond Kopa und Just Fontaine waren begnadete Offensivkünstler und spielten mit ihrem Team nun gegen die ebenfalls offensiv agierenden Zuckerhut-Bomber.

Die WM der Angreifer

51.800 Zuschauer verfolgten schließlich das Endspiel zwischen Brasilien und Schweden in Stockholm. Die Hausherren gingen zur Begeisterung des Publikums mit 1:0 in Führung. Doch nach Liedholms frühem Treffer in der vierten Minute, drehten die Brasilianer auf und luden die Nordeuropäer zum Samba-Tanz ein: Vavá drehte das Match mit einem Doppelpack und der 17-jährige Pelé verwertete volley in die linke Ecke. Nach einem Treffer von Zagallo und dem Anschlussgoal von Simonsson erzielte abermals Pelé das letzte Tor des 5:2-Sieges. Brasilien war erstmals Weltmeister.

Trotz der Treffsicherheit der Brasilianer war der erfolgreichster Torschütze der Endrunde ein Franzose: Just Fontaine, der eigentlich nur als Ersatzmann die Reise nach Schweden angetreten hatte, stellte eine bis heute geltende Bestmarke von 13 Endrunden-Toren auf. Der Spieler von Stade Reims traf auch im Spiel um Platz drei, als Frankreich die BRD mit 6:3 besiegte und sich auf das Siegerpodest stellte. Sein Landsmann Raymond Kopa wurde in Schweden als bester WM-Spieler ausgezeichnet und ebenso zum europäischen Fußballer des Jahres 1958 ernannt. Lew Jaschin spielte als legendärer Tormann auf Seiten der Sowjetunion, auch er konnte deren Viertelfinal-Aus allerdings nicht verhindern.

Die Weltmeistermannschaft hatte neben dem vielversprechenden Jungstar Pelé mit Garrincha einen zweiten „Nationalheiligen“ an Bord. Dass sein linkes Bein um sechs Zentimeter kürzer war, als sein rechtes hinderte Manuel Francisco dos Santos nicht daran einem Ball nachzujagen. Obwohl er zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen musste, blieben seine „Haxen“ ein Leben lang verkrümmt und er bekam den Spitznamen Garrincha, nach einem Urwaldvogel, verpasst. Der beidfüßige Dribbler war eine der Stützen des Titelgewinnes. Vavá spielte in der Offensivformation GarrinchaDidi – Vavá – PeléZagallo ebenso eine tragende Rolle, er war meist der zielsichere Vollstrecker. Neben Pelé, Paul Breitner und Zinedine Zidane ist der Brasilianer der einzige der in zwei verschiedenen WM-Endspielen traf.

Schweden ’58 ist Fußballnostalgikern aber vor allem als „Geburtsstunde“ des „Fußballwunderkindes“ Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé, bekannt. Der jüngste Spieler des Turniers wurde erst im dritten Gruppenspiel eingesetzt und agierte als Teil der revolutionären 4-2-4-Formation grandios. Von seinem erlösenden Tor gegen Wales beim 1:0-Sieg über seinen Hattrick beim 5:2-Triumph über Frankreich bis ins Finale hinein wirbelte der Jungstar die gestandenen Verteidiger schwindlig. Ab sofort war aus Pelé „O Rei“ (der König) geworden, seine Freudentränen gingen um die Welt und Brasilien hatte seine „Rache“ für Maracanaço“.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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