Das WM-Finale steht bevor. Das größte Fußballspiel des Jahres wird von zwei Mannschaften bestritten, welche strukturell wohl nicht unterschiedlicher sein könnten. . Zwei gegensätzliche... Im Kollektiv gegen Lionel Messi | Zwei gegensätzliche Spielphilosophien im Kampf um den Titel

Lionel Messi - ArgentinienDas WM-Finale steht bevor. Das größte Fußballspiel des Jahres wird von zwei Mannschaften bestritten, welche strukturell wohl nicht unterschiedlicher sein könnten.

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Zwei gegensätzliche Spielphilosophien

Die Deutschen zeigten einige spektakuläre Spiele bei der WM: Das 1:0 gegen die Franzosen war beidseitig eine gute und intensive Partie, gegen Algerien gab es eine wahre Schlacht mit enorm viel Kampf, während mit Portugal in der Gruppe (4:0) und Brasilien im Halbfinale (7:1) zwei eigentliche Top-Mannschaften komplett demontiert wurden. Argentinien hingegen besticht zwar mit einigen herausragenden Individualisten (Angel Di Maria, Javier Mascherano und natürlich Lionel Messi zeigten tolle Leistungen), doch ist taktisch und spielerisch häufig unter der Kategorie „eindeutige Defensivmannschaft“ einzuordnen.

Offensiv greifen die Südamerikaner fast nur mit einzelnen Spielern und geringer Zonenbesetzung an. Häufig attackieren sie über den rechten Halbraum und Flügel mit drei Spielern (Messi, Zabaleta und der jeweilige rechte Flügelstürmer), zwei andere Spieler besetzen dann die Mitte (Higuain) oder den ballfernen Halbraum (der linke Flügelstürmer). Die Sechser und Verteidiger halten sich also zurück, wodurch die Argentinier nahezu durchgehend extrem gut abgesichert sind. Sie können dann befreit angreifen, versuchen mit diesen Unterzahlangriffen durchzubrechen oder diese Angriffe generell durch Umschaltmomente zu kreieren und schnell die offenen Räume des Gegners zu bespielen. Meistens enden diese Angriffe aber in Halbchancen, isolierten Dribblings und Pässen von Messi oder Flanken; kein vielversprechendes Mittel.

Allerdings sind sie durch diese Spielweise defensiv überaus stabil. Man kann sie kaum auskontern und gegen den Ball spielen sie ebenfalls tief, versperren die Abschlussräume um den Strafraum herum und lassen sehr wenige Torschüsse zu. Offensiv erspielen sie sich auch wenige Möglichkeiten, haben aber Messi – und diesen gilt es auszuschalten. Wie wird den Deutschen dies gelingen?

Kollektivität gegen Lionel Messi

Thomas Müller sprach vor dem Spiel schon davon, dass man Messi 2010 schon einfach zu dritt und viert gedeckt habe; auch mit den Bayern gegen den FC Barcelona funktionierte es sehr gut den Superstar über das Kollektiv aus dem Spiel zu nehmen. Neben den taktischen und taktikpsychologischen Nachteilen einer Manndeckung ist es schlichtweg auch nicht möglich neunzig Minuten lang Messi aus dem Spiel zu nehmen; selbst für einen enorm spielintelligenten Weltklassespieler wie Philipp Lahm oder einen körperlich so präsenten Akteur wie Sami Khedira ist dies extrem schwierig. Darum erscheint es am besten, wenn einerseits die Anspiele auf Messi unterbunden oder in schlechte Zonen geleitet werden und andererseits der Star des FC Barcelona bei Ballannahmen in gefährlichen Zonen direkt von mehreren Spielern attackiert wird.

Deutschlands Pressing: 4-1-4-1, 4-4-1-1 oder 4-1-3-2?

Die formative Ausrichtung im Pressing wird entscheidend sein, ob und wie das funktioniere könnte. Bei einem 4-4-1-1 mit z.B. Kroos als hängendem Stürmer gegen den Ball könnte man die Argentinier entweder auf die rechte Seite leiten und dort direkt aggressiv wie kompakt pressen, indem der Mittelstürmer (Klose oder Müller) von halbrechts kommend das gegnerische Aufbauspiel auf die eigene linke Seite lotst. Kroos würde dann auf halblinks mit Khedira oder Schweinsteiger hinter sich für einen sehr kompakten Raum sorgen, in welchem Messi von mehreren Seiten effektiv attackiert werden kann. Alternativ könnte man auch probieren die Argentinier sofort auf die andere Seite zu leiten, um sie von ihrer bevorzugten rechten Außenbahn wegzuleiten und Messi gar nicht in seine Komfortzone kommen zu lassen.

Eine andere Möglichkeit wäre es mit einem 4-1-4-1 möglichst kompakt zu stehen, die Halbräume jeweils offen zu lassen und bei Ballannahmen Messis – ob vor oder innerhalb dieses kompakten Blocks – ihn flexibel zu pressen. Sobald er den Ball im offensiven Halbraum erhält, kann der Innenverteidiger herausrücken und ihn stellen, der ballnahe Achter lässt sich zurückfallen, der Sechser schiebt herüber und der Flügelstürmer stellt weitere Kompaktheit her. Hier könnten die beiden Achter auch leicht asymmetrisch agieren, damit der Sechser den Raum früher und intensiver zustellen kann oder es wird aus dieser 4-1-4-1-Formation höher gepresst, um schon in der gegnerischen Hälfte Druck zu machen. Aufrückende Flügelstürmer oder herausrückende Achter, die dann ein 4-1-3-2 herstellen, wären eine Möglichkeit.

Grundsätzlich wäre das eine gute Idee, da die Abwehr der Argentinier nicht die pressingresistenteste ist. Dennoch verfügen sie mit Zabaleta, Garay, den beiden Sechsern (Mascherano und einer aus Biglia oder Gago) und den Offensivspielern zumindest in den wichtigen Räumen über spielstarke Akteure, wodurch ein konstant hoch praktiziertes Pressing für die Deutschen womöglich riskant wäre. Außerdem bleibt abzuwarten, wer genau bei den Argentiniern überhaupt spielen kann.

Wer wird bei Argentinien fit?

Nach Lionel Messi sind Sergio Agüero und Angel Di Maria vermutlich die zwei größten Stars der Argentinier. Doch beide verpassten das letzte WM-Spiel, weil sie sich im Turnierverlauf verletzt haben. Die Chancen auf einen Einsatz scheinen bei beiden gering, doch unter Umständen sind sie möglich und wenn man sich nicht für ein Finale fitspritzen lässt, wann dann? Dadurch erscheint es keineswegs abwegig, dass beide eine plötzliche Rückkehr in die Stammelf machen. Weder Higuain noch Lavezzi überzeugten bislang konstant bei dieser Weltmeisterschaft und hatten im Halbfinale ebenfalls einige Probleme, auch Enzo Perez ist keinesfalls gesetzt und unumstritten in Sabellas Augen. Di Maria bringt eine enorme Bewegungsvielfalt und Dynamik in die Partie, während Agüero sich sehr gut in engen Räumen durchsetzen und Chancen aus dem Nichts kreieren oder das Mittelfeld mit seinem starken Kombinationsspiel unterstützen kann.

Theoretisch wäre auch eine Umstellung auf ein asymmetrisches 4-3-1-2 mit der Rückkehr dieser beiden möglich, was schon in der Qualifikation und zu Beginn dieser Weltmeisterschaft sehr häufig gespielt wurde. In diesem 4-3-1-2 spielt Di Maria als linker Halbspieler deutlich offensiver und geht nach vorne, während der rechte Halbspieler neben Mascherano auf der Sechs (Biglia oder Gago) sich zurückhält, das Aufbauspiel unterstützt und im Aufbauspiel die Verteidiger unterstützt. Messi weicht als Zehner auf rechts aus, während die beiden Stürmer vorne für ihn Räume öffnen, als Kombinationspartner dienen und dem Spiel Tiefe geben.

Das entstehende 4-2-2-2 oder auch 4-2-3-1 mit zurückfallendem Agüero verspricht etwas mehr Offensivpräsenz zuungunsten der defensiven Stabilität. Da es ein Finale ist und es insgesamt eher schwach ausgeprägte Offensivstrukturen und eine unsaubere defensive Gruppentaktik gibt, dürfte es aber eher unwahrscheinlich sein, dass es eine formative Umstellung gibt und sowohl Agüero als auch Di Maria auflaufen werden. Wenn überhaupt, dürfte wohl nur einer der beiden in die Mannschaft kommen; Di Maria und Perez als Flügelstürmer würden wohl unter den aktuellen taktischen Voraussetzungen die bestmögliche Balance in die Mannschaft im 4-4-1-1 bringen. Doch bei allen Diskussionen über die Spielweisen der beiden Teams, ihre spezifischen Anpassungsmöglichkeiten für das Finale und die jeweilige individuelle Qualität könnte ein fast banaler Aspekt den Ausschlag geben.

Fazit: Die strategische Ausrichtung wird entscheidend sein

Pressen die Argentinier konstant höher über einen längeren Zeitraum, dann werden sie häufig in den Halbräumen und in der Strafraumverteidigung instabil. Haben sie den Ball sehr lange, verändert sich in ihrer offensiven Effektivität ebenfalls wenig, weil die Aufbaubewegungen häufig disharmonisch und die Angriffe selbst improvisiert wirken. Ihr Gegenpressing nach Ballverlusten durch ihre lokale Kompaktheit und ihre Stabilität bei einer tieferen Ausrichtung sind aber aller Ehren wert – und sogar Deutschland müsste sich im Normalfall dagegen sehr schwer tun. Wenn die Argentinier sich grundsätzlich so verhalten, ihre Angriffe mit Messi und eventuell Di Maria durchbringen sowie gelegentlich ein rhythmisch angelegtes, höheres Pressing noch integrieren, um eine komplette Dominanz der Deutschen zu verhindern, dann haben sie durchaus gute Chancen.

Deutschland ist dennoch der Favorit: Sie sind in allen vier Spielphasen taktisch und spielerisch im Kollektiv überlegen, haben ein flexibles Spielermaterial und dürften sich auch gut an die spezifischen Begebenheiten des unangenehmen Rhythmus der Albiceleste anpassen können. Eine klare Partie ist aber trotzdem nicht zu erwarten – ein Spektakel leider ebenso wenig.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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