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England

Vergessene Trainerhelden: Tony Barton

Wenn der Name Tony Barton fällt, folgt meist ratloses Schulterzucken. Dabei gehört der Engländer zu einem äußerst exklusiven Kreis: Barton gewann 1982 mit Aston Villa den Europapokal der Landesmeister – heute besser bekannt als Champions League. Während Legenden wie Bob Paisley, Brian Clough oder Alex Ferguson fast täglich durch die britischen Gazetten geistern, verschwand Barton recht schnell wieder von der großen Fußballbühne. Grund genug, um genauer hinzusehen.

Dabei begann alles recht unspektakulär: Als Aston Villas Erfolgstrainer Ron Saunders im Februar 1982 nach einem Streit mit dem Vorstand überraschend hinwarf und zu Lokalrivale Birmingham City wechselte, war plötzlich die Trainerbank beim amtierenden englischen Meister leer. Die Vereinsführung wollte keine großen Experimente wagen und entschied sich kurzerhand für Tony Barton – damals Villas Chefscout und zuvor kaum jemandem außerhalb Birminghams ein Begriff.

Was man jedoch unterschätzte: Barton war maßgeblich am Aufbau jener Meistermannschaft beteiligt, die in der Saison 1980/81 überraschend den Titel holte. Leistungsträger wie Mittelstürmer Peter Withe, Flügelflitzer Tony Morley, Kapitän Dennis Mortimer oder Defensivanker Ken McNaught wurden von Barton höchstpersönlich entdeckt und empfohlen. Kaum jemand kannte die taktischen Qualitäten dieses Teams besser als er.

Pragmatische Taktik statt revolutionärer Ideen

Taktisch setzte Barton auf klare Strukturen und defensive Kompaktheit, gepaart mit schnellen Gegenstößen. Sein bevorzugtes 4-4-2-System war simpel, aber effektiv: Eine klassische Viererkette verteidigte tief und diszipliniert, davor ein kompaktes Mittelfeld, das primär Räume schloss und den Ball schnell nach außen verlagerte. Offensiv setzte Barton auf Flügelspieler Tony Morley, der mit seiner Schnelligkeit und Dribbelstärke Räume öffnete, sowie auf das robuste Sturmzentrum um Peter Withe, der Bälle festmachen und verteilen konnte.


Spektakel war bei Villa unter Barton selten zu sehen, dafür waren die Erfolge erstaunlich solide. Kurz nach seinem Amtsantritt stabilisierte sich die Mannschaft sofort, schaffte die Wende in der Liga und kämpfte sich gleichzeitig durch die Europacup-K.o.-Runden: Dynamo Kiew und RSC Anderlecht wurden dank der hohen taktischer Disziplin ausgeschaltet – ohne dabei ein einziges Gegentor zu kassieren.

Barton schlägt Bayern – Aston Villas Sternstunde

Der Höhepunkt von Bartons Amtszeit und seiner taktischen Handschrift war zweifellos das Europapokal-Finale 1982 gegen Bayern München. Die Münchner um Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge waren als haushoher Favorit angereist. Barton aber bereitete Villa präzise auf diesen Gegner vor: Er ließ tief und kompakt verteidigen, verzichtete bewusst auf hohes Pressing und setzte auf schnelle Konter über Morley und den unermüdlichen Mittelfeldmotor Dennis Mortimer. Genau einer dieser Konter führte zum berühmtesten Tor in Villas Geschichte: Tony Morley flankte auf Withe, dessen Abschluss irgendwie von der Schienbeinkante ins Tor sprang – der einzige Treffer des Spiels. Aston Villa holte sensationell den Europapokal.

Der stille Held ohne Anerkennung

Doch Barton erhielt trotz des historischen Triumphs nie wirklich die Anerkennung, die ihm gebührte. Im offiziellen Programmheft des Finales wurde kurioserweise nicht einmal sein Name genannt – stattdessen war der Zeugwart als Trainer vermerkt. Villa ließ ihn danach noch zwei Saisonen weiterarbeiten, doch er konnte das europäische Wunder nicht wiederholen und stagnierte in der Liga im Mittelfeld. Als schließlich der machtbewusste Chairman Doug Ellis an die Vereinsspitze zurückkehrte, war Bartons Zeit bald vorbei. 1984 wurde er nach Platz zehn entlassen – gerade einmal zwei Jahre nach dem größten Erfolg der Klubgeschichte.

Danach wurde es ruhig um Barton. Es folgte ein kurzer Trainerjob bei Northampton, eine Tätigkeit als Co-Trainer bei Southampton und Portsmouth sowie diverse Scouting-Jobs. Den großen Ruhm jedoch, den andere Trainer nach solch einem Erfolg hatten, erreichte er nie.

Im August 1993 starb Tony Barton im Alter von nur 56 Jahren an einem Herzinfarkt. Heute erinnert nur wenig an den stillen Mann, der Villa zum größten Triumph seiner Geschichte führte. Doch jeder, der sich tiefer mit der Geschichte des englischen Fußballs beschäftigt, wird feststellen, dass Tony Barton vielleicht kein Glamour-Trainer war – aber er war einer der effektivsten taktischen Pragmatiker, die jemals die Trainerbank eines englischen Klubs betreten haben.

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