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Vergessene Trainerhelden: Tomislav Ivić

Wenn es um die Ursprünge des modernen Pressings geht, fallen meist Namen wie Arrigo Sacchi oder Valeriy Lobanovskyi. Doch schon in den 1970ern experimentierte ein Mann aus Split mit all den taktischen Mitteln, die heute selbstverständlich sind: hohe Linien, aggressives Balljagen, Offensivpressing, situatives Doppeln, systematische Raumverknappung. Sein Name: Tomislav Ivić – ein Coach, der in sechs europäischen Ländern Meister wurde, aber außerhalb von Taktikerkreisen kaum die Anerkennung genießt, die er verdient.

Der stille Baumeister von Hajduks goldener Generation

Seine erste große Bühne fand Ivić bei Hajduk Split, wo er ab 1968 die Nachwuchsarbeit übernahm und binnen weniger Jahre eine der besten Mannschaften der jugoslawischen Fußballgeschichte formte. Er setzte auf Spieler wie Rožić, Luketin oder Žungul, die zuvor kaum jemand auf dem Zettel hatte – und ließ sie in einem für die damalige Zeit ungewohnt kompakten, pressingorientierten 4-4-2 spielen. Die Mannschaft rückte in Ballnähe konsequent zusammen, schob als Kollektiv zum Ball und nahm damit den Gegnern die Zeit zum Aufbau.

Seine Spieler waren zwar technisch gut, aber Ivić war kein Romantiker – sondern Taktiker und Mikromanager, der Spielsituationen akribisch zerlegte und jeden Laufweg durchstrukturierte. Standardsituationen wurden einstudiert wie Theaterstücke, Gegner detailliert analysiert. In den 70ern ließ er bereits Videoanalysen vorbereiten, um Pressingzonen zu planen – Jahre bevor andere überhaupt daran dachten, ihre Spiele auf Film zu dokumentieren.

Ajax: Systemfußball trifft Kulturbetrieb

Als Ivić 1976 zu Ajax kam, trafen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite: das ideologisch aufgeladene Erbe des „Total Football“, auf der anderen: ein Trainer, der lieber Kompaktheit und Konter als Flügelwirbel und Improvisation sah. Ivić formte ein Ajax, das weniger spektakulär war, aber defensiv deutlich stabiler agierte. Er führte das Pressing höher, verschob ballorientierter, forderte von seinen Flügelspielern nicht nur Kreativität, sondern auch stringentes Rückwärtsspiel.


Anfangs stießen seine Methoden auf Ablehnung – Ruud Krol & Co. rebellierten gegen die Abkehr von der Cruyff-Schule. Doch mit der Zeit folgte der Erfolg: ein Meistertitel 1977, ein Viertelfinale in der UEFA-Cup-Saison gegen Juventus. Ivić hatte Ajax kompakter gemacht, taktisch variabler, aber auch weniger „niederländisch“. Für das Selbstverständnis des Vereins war das zu viel – Ivić ging, und das obwohl die Ergebnisse stimmten.

Anderlecht und Porto: das taktische Repertoire explodiert

Noch beeindruckender war seine Zeit bei Anderlecht, wo er mit Spielern wie Morten Olsen eine neue Form des spielmachenden Liberos einführte. Olsen agierte nicht mehr bloß als letzter Mann, sondern übernahm den Aufbau, schob ins Mittelfeld oder löste sich aus der Abwehrkette – ein früher Vorläufer moderner Innenverteidiger-Rollen. Anderlecht gewann souverän die Meisterschaft, schlug Trapattonis Juventus in Europa, scheiterte erst im Halbfinale an Aston Villa.

Seine erfolgreichste internationale Phase hatte er später mit Porto: UEFA Supercup und Interkontinentalpokal 1987 – mit einer Mannschaft, die in ihrer Raumaufteilung modernem Positionsspiel oft näher war als den damals üblichen 4-4-2-Kämpfertruppen. Die Außenverteidiger überlappten gezielt, das Zentrum war zweikampfstark und spielintelligent. Im Offensivspiel wurden Rotationsmuster über halblinke und halbrechte Zonen vorbereitet, um zweite Bälle zu sichern und Umschaltmomente optimal zu nutzen.

Pressing, bevor es Mode war

Was heute Standard ist – Balljagd mit kollektivem Anlaufen, abgesicherte Raumdeckung dahinter, gezielte Provokation von Pässen in gewünschte Zonen – war unter Ivić längst Alltag. Seine Teams hatten klare Zonen für das Anlaufen, nutzten das Abseits aktiv, standen hoch und versuchten, den Gegner in isolierte Räume zu treiben. Oft passte das nicht zur Spielkultur seiner Stationen, wie etwa bei Panathinaikos oder Benfica – trotzdem blieb sein Spielplan konsequent strukturiert, selten abhängig von Einzelkönnern.

Der Preis für Prinzipientreue

Ivić war kein einfacher Typ. Er wollte Kontrolle – über Trainingszeiten, Ernährung, Laufwege, Standards. In Marseille ließ er drei Einheiten pro Tag abhalten, in Lissabon verlangte er Videoanalysen vor dem Frühstück. Er konnte mit Egos umgehen, aber nicht mit Nachlässigkeit. Wo andere Trainer charmant lavierten, ging Ivić mit Nachdruck auf Korrektur. Das machte ihn in vielen Vereinen nicht populär.

Tomislav Ivić hat mit seinen Ideen – von der Rollenverteilung im Mittelfeld bis zur Integration von Pressingmechanismen – maßgeblich dazu beigetragen, wie wir heute über kollektiven Fußball denken. Er gilt in Fachkreisen als Wegbereiter für viele Konzepte, die erst später populär wurden: sei es das koordinierte Pressing, das strukturierte Gegenpressing, die Nutzung des Liberos als Aufbauspieler oder das zonenorientierte Verschieben in der Defensive.


Hierzulande ist er heute fast vergessen – dabei war er dem Fußball seiner Zeit oft ein Jahrzehnt voraus.

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