Mit dem Ende der Sommer-Transferperiode steht für die Wiener Austria nun fest: Nach dem Ausverkauf in der Offensive und den Abgängen von Prelec, Fitz und Malone, fängt in Wien-Favoriten im Angriff eine neue Zeitrechnung an. Da stellt sich natürlich die Frage, welchen Ansatz man in Zukunft mit dem vorhandenen Personal ins Auge fassen kann. Blickt man nämlich auf die vorhandenen Alternativen wird schnell klar: Die Spielanlage der letzten Saison ist so nicht mehr umsetzbar.
Die „Wühler“ sind Geschichte
In der vergangenen Spielzeit erzielte die Wiener Austria 47 Saisontore, davon gingen alleine 29 Treffer auf das Konto von Nik Prelec, Maurice Malone und Dominik Fitz. Das bedeutet, dass das Angriffstrio für knapp 62 (!) Prozent der erzielten Tore verantwortlich war und wenn man die Torvorlagen auch noch zur Betrachtung hinzuziehen würde, dann wäre der Wert sogar noch höher. Blickt man auf diese Zahlen wird klar, dass bei den Veilchen viel Qualität wegbricht und es für nahezu jede Mannschaft auf der Welt ein Problem darstellen würde, solche Zahlen zu kompensieren.
Doch nicht nur im Hinblick auf die statistischen Werte zeigt sich die Wichtigkeit der genannten Akteure, auch in strategischer Hinsicht spielte das Trio eine entscheidende Rolle, die für die Gegner nicht einfach zu verteidigen war.
Die Wichtigkeit von Fitz muss man nicht extra hervorheben und ist hinlänglich bekannt, aber blickt man etwa auf die Doppelspitze, dann waren die Stürmer Prelec und Malone in der letzten Saison das wohl am schwierigsten zu verteidigende Sturm-Duo der Liga. Beide Angreifer verfügen über einen bulligen Körper und große Physis, sind mit einer guten Grundschnelligkeit für das Umschaltspiel ausgestattet und reiben sich gerne in den direkten Zweikämpfen mit den Verteidigern auf.
Im Ballbesitzspiel könnte man die beiden als so etwas wie „Joker“ bezeichnen, die man ziehen konnte. Wenn nämlich der Druck im Spielaufbau zu groß wurde, konnte man jederzeit die beiden mit langen Bällen füttern und sie wurden zudem auch gerne mit „Long Line“-Pässen an der Seitenlinie entlang bedient. Hier sicherten sie dann die Bälle oftmals, um auch das Aufrücken der restlichen Mannschaft zu ermöglichen.
Variabilität im Spielaufbau auch adé?
Man hatte also ein relativ einfaches Mittel parat, um das Spielfeld schnell und schnörkellos zu überbrücken: Einfach den Ball nach vorne schlagen, die beiden „Bullen“ besorgen den Rest und wühlen sich durch die gegnerische Defensive.
Doch das war nicht der einzige strategische Vorteil, den die beiden „Wühler“ mitbrachten. Ein fast genauso wichtiger Aspekt war die Tatsache, dass sie eine numerische Überzahl für ihre Mitspieler schufen. Durch ihre Physis und Wucht waren sie nämlich für die gegnerischen Innenverteidiger nur sehr schwer Mann gegen Mann zu verteidigen, weshalb die gegnerischen Trainer dieses Risiko zu vermeiden versuchten.
Daher mussten die Gegner oftmals die Absicherung erhöhen, um mindestens eine Drei-gegen-Zwei-, oftmals sogar eine Vier-gegen-Zwei-Überzahl in der Defensive zu generieren. Im Umkehrschluss bedeutet es aber, dass es für die Gegner wiederum strategisch riskant war, unter dieser Voraussetzung ein mannorientiertes Pressing zu spielen. Durch die erhöhte Absicherung in der Abwehr, hatte man in höheren Zonen weniger Akteure zum Attackieren und zum Aufrücken, da etwa ein Außenverteidiger oder ein „Sechser“ tiefer verbleiben mussten.
Es gab jedoch Mannschaften, die es dennoch versuchten und die prominenteste war sicherlich Meister Sturm Graz. Hier war einer der wichtigsten Faktoren für die gute violette Bilanz gegen die Steirer, dass die Grazer die Umschaltsituationen der Austrianer nicht erfolgsstabil verteidigt bekamen und Probleme mit der Konterabsicherung hatten, da man hinten oftmals Mann gegen Mann spielte und dennoch versuchte das Angriffspressing durchzuziehen.
Durch das Sturm-Duo wurde aber auch das Leben im Spielaufbau für Abwehrchef Dragovic und Co. deutlich erleichtert. Man hatte dadurch ein simpleres Zahlenverhältnis und gegen die Pressinglinien des Gegners konstant eine Überzahlsituation. Und wenn der Gegner dann doch den Spielaufbau Mann gegen Mann attackierte, konnte man das Pressing relativ simpel mit dem langen Ball auf Prelec und Malone überspielen.
Vereinfacht kann man diesen strategischen Vorteil der Austria so herunterbrechen: Presst du uns, schlagen wir den langen Ball nach vorne und unsere beiden „Wühler“ bearbeiten und provozieren dich, bis du einen Fehler machst. Du ziehst dich zurück? Dann legen wir uns dich zurecht und unser „Quarterback“ Dragovic seziert dich mit seinen „Laserpässen“. Auf diesem strategischen Ansatz basierte letztlich das Ballbesitzspiel der Wiener Austria in der vergangenen Saison.
Neue Spielertypen treffen auf gleiche offensive Spielweise
Nachdem wir uns den Ausgangspunkt angesehen haben, von dem die violette Offensive aus startete, kommen wir nun zurück zur Gegenwart.
Schon beim Blick auf das Transferprogramm der Austrianer war recht schnell klar, dass man einen Zielspieler wie Nik Prelec vom Profil her nicht ersetzte. Über die Gründe kann man nur spekulieren, doch aufgrund der Verpflichtungen von Spielertypen wie Sarkaria, Eggestein und Botic liegt der Verdacht nahe, dass man hier die Spielanlage etwas adaptieren wollte. Das ist zu einem gewissen Grad auch nachvollziehbar, hatte man gerade gegen tiefstehende Gegner doch immer wieder Schwierigkeiten und oftmals fehlte es an der nötigen Kreativität und spielerischen Qualität.
Problematisch wird es jedoch, wenn man mit unterschiedlichen Spielertypen versucht, die gleiche Spielweise der vergangenen Saison fortzuführen. Und genau hier fangen die offensiven Schwierigkeiten der Austrianer in dieser Saison an. Maurice Malone etwa wurde in den letzten Wochen in die Rolle des „Zielspielers“ gesteckt und sollte Prelec ersetzen, was jedoch nicht seinem Stärken entspricht. Und Eggestein sollte in die Rolle des ausweichenden Malone schlüpfen und sich auf dem Flügel „durchwühlen“, was sich ebenfalls nicht mit seinen Stärken deckt.
Dadurch verändert sich die gesamte Balance im Spiel der Violetten, was zum Problem wurde, da man die Bälle in höheren Zonen nicht mehr so konstant sichern konnte und durch den Verlust des „Zielspielers“ schnellere Ballverluste erlitt. Daher kam auch die unzureichende Konterabsicherung in den letzten Wochen öfter zum Vorschein, aber auch die defensive Kompaktheit gegen den Ball litt darunter, da das Sturm-Duo eine starke erste Pressinglinie bildete und auf ausgezeichnete Pressingwerte kam. Auch aus den genannten Gründen zog letztlich Austria-Trainer Helm im Spiel gegen Altach die Notbremse stellte unter anderem das Ballbesitzspiel de facto ein.
Dieser Kritik muss sich der Austria-Trainer auch stellen, da man auf die notwendigen Adaptionen und funktionierenden Lösungen nach wie vor wartet. Das Spiel gegen Altach kann auch als Eingeständnis angesehen werden, dass man sich festgefahren hat und nun versucht zu den „Basics“ zurückzukehren, um etwas Neues aufzubauen und einen Neustart zu vollziehen. Mit dem Abgang von Malone ist auch der letzte Baustein der erfolgreichen Offensive weggebrochen, weshalb nun endgültig die Frage gestellt werden kann, in welche Richtung man die Offensive der Austria entwickeln möchte.
Spielerische Qualität, aber wenig Tempo und Physis
Die Aufgabe ist zweifellos keine leichte, hat man keinen klassischen Zielspieler mehr im Team (Raguz spielt scheinbar keine Rolle mehr) und dazu hat man den schnellsten Angreifer und wichtigsten Umschaltspieler verloren. Mit Eggestein, Sarkaria, Botic und Boateng hat man nun vier Akteure für die beiden Positionen im Angriff zur Verfügung. Während Johannes Eggestein und der junge Zehner Sanel Saljic in der Offensive gesetzt sein dürften, womit drei Optionen übrigbleiben, die um den letzten Startelfplatz kämpfen werden. Das Problem ist, dass sich bislang keiner von den Optionen so richtig mit Ruhm bekleckerte.
Manprit Sarkaria erzielte zwar bislang zwei Saisontore und ist damit der beste verbliebene Torschütze, ist aber nach einem schwierigen Jahr noch nicht in seinem Rhythmus angelangt und muss sein Selbstvertrauen wieder komplett neu aufbauen. Der Australier Noah Botic hat noch mit der Umstellung auf die körperbetonte österreichische Liga zu kämpfen und muss an seiner Physis arbeiten, um sich in den Duellen behaupten zu können. Andernfalls wird es für ihn schwer, überhaupt zu einer echten Alternative zu werden. Kelvin Boateng ist noch eine Unbekannte und soll wohl mit seinem Fähigkeitsprofil in Zukunft Malone ersetzen, fiel jedoch einige Wochen verletzungsbedingt aus und wartet deshalb nach wie vor auf seine ersten Bundesligaminuten.
Es ist davon auszugehen, dass hier zunächst Manprit Sarkaria den Vorzug bekommen wird und schnellstmöglich in seine Rolle hineinwachsen soll, die man sich für ihn vor seiner Verpflichtung vorgestellt hatte. Durch die Abgänge von so vielen Scorerpunkten ist klar, dass gerade von Akteuren wie Sarkaria und auch Eggestein mehr kommen und sie Verantwortung übernehmen müssen, um diese entstandene Lücke zu schließen. Sanel Saljic besitzt zwar viel Potenzial, jedoch fehlt ihm im letzten Drittel noch die letzte Konsequenz und der „Killerinstinkt“. Immerhin haben Sarkaria und Eggestein in jüngerer Vergangenheit bereits bewiesen, dass sie dazu in der Lage sind, Schlüsselrollen in einer Offensive zu übernehmen – und darauf ruhen nun die violetten Hoffnungen.
Mit Sarkaria, Saljic und Eggestein in der Offensive, hat die Austria jedenfalls drei spielstarke Akteure, die jeweils auch einiges an Kreativität mitbringen und im Kombinationsspiel gefährlich werden können. Alle drei spielen dabei gerne zwischen den Linien, wobei zumindest Sarkaria auch eine breitere (Flügel-)Position einnehmen könnte. Daher sollte auch die strategische Richtung in Zukunft mehr auf das Bespielen des Zentrums rücken, statt wie bisher nahezu jeden Angriff über den Flügel zu spielen und sich hier „durchwühlen“ zu wollen. Man hat die physischen Spielerprofile schlicht nicht mehr, um diese Spielweise weiterführen zu können.
Strategischer Fokus auf eine spielstarke linke Seite?
Das bedeutet jedoch nicht, dass man nicht mehr über den Flügel angreifen soll, im Gegenteil: Man hat nun auch einen Außenverteidiger, der als eine Art „tiefer Spielmacher“ fungieren kann, nämlich Neuzugang Tae-seok Lee. Im südkoreanischen Nationalteam nimmt der Linksverteidiger eine ähnliche Rolle ein und wird konstant zur Dreiecksbildung genutzt, um Überzahl zu schaffen und den Gegner auf seine Seite zu locken. Der Südkoreaner ist in der Lage, mit seinem starken linken Fuß und dank seines guten Passspiels, auf engem Raum auch diagonale Verlagerungen auf die ballferne Seite zu spielen und so die gegnerischen Ketten aufzureißen.
Hier können dann in weiterer Folge vor allem Eggestein oder Sarkaria im Zwischenlinienraum lauern, um Tempo nach vorne zu entwickeln und aus dem Freiraum Kapital zu schlagen. Einen weiteren Vorteil hätte dieses Muster darin, dass der rechte „Schienenspieler“ Ranftl ebenfalls wieder mehr Raum bekommen könnte.
Ranftl könnte aus einer isolierten Position mit Dynamik in den Angriff vorstoßen, was besser in sein Fähigkeitsprofil passt. Aktuell wird zumeist seine rechte Seite „überladen“ und Ranftl muss auf engem Raum agieren, wo er aufgrund seiner technischen Probleme Schwierigkeiten hat und sich oft festläuft, aber auch kaum den diagonalen Passweg ins Zentrum findet, um das Spiel zu verlagern.
Daher sollte der Südkoreaner Tae-seok Lee eine gewichtigere Rolle einnehmen, da er auf einem noch höheren Niveau bereits bewiesen hat, dass er dazu fähig ist. Stellt man dem Linksverteidiger auch noch Akteure wie Barry und Saljic zur Seite, könnte man hier eine spielstarke Achse kreieren, die den Gegner destabilisieren kann. Erste Ansätze dahingehend gab es bereits beim Heimsieg gegen Altach zu beobachten und man wird sehen, ob diese in den nächsten Wochen weiter ausgereift werden. Interessant wird es auch deshalb, weil Stephan Helm rein philosophisch betrachtet, ungern den Weg über das Zentrum sucht, aus Angst vor Ballverlusten und auf Kosten der defensiven Stabilität.
In dieser Facette wird sich auch die Zukunft von Helm als Austria-Trainer entscheiden. Die Frage ist, ob er in der Lage sein wird, hier Lösungen zu finden und seine eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Der Verzicht auf das Ballbesitzspiel und ein reiner Fokus auf die Defensive mag zwar gegen Altach glücklicherweise funktioniert haben, doch wer glaubt das sei nachhaltig und dass man mit einer Angriffsreihe bestehend aus Saljic, Eggestein und Sarkaria mit langen Bällen oder Konter den „Wühlerfußball“ der letzten Saison etablieren könnte, wird vermutlich recht schnell eines Besseren belehrt werden.
Der Schlüssel für die Austria im Ballbesitzspiel wird es sein, wieder mehr Balance und Struktur ins Spiel zu bekommen und vor allem die Fähigkeitsprofile der eigenen Angreifer ihren Stärken entsprechend passend einzubinden. Gelingt das nicht und scheitert man daran Lösungen zu finden, könnte es sehr bald einen Trainerwechsel in Wien-Favoriten geben.
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