‚Job done‘, so der allgemeine Tenor nach dem letztendlich souveränen 3:0-Auswärtssieg des SK Rapid in der ersten Cup-Runde gegen Neo-Regionalligist Wienerberg. Die Hütteldorfer erfüllten ihre Pflicht – nicht mehr und nicht weniger. Gegen einen, wie erwartet, tiefstehenden Gegner samt Fünferkette war es die Hauptaufgabe, Lösungen im eigenen Ballbesitz zu finden und sich Torchancen zu erspielen. Dies gelang vor allem in der Anfangsphase und in der zweiten Halbzeit recht gut. Zeitgleich musste man bei allem Offensivdrang immer darauf achten, eine gute Balance zwischen den eigenen Angriffen und einer guten Konterabsicherung zu finden. Dank einiger guter Gegenpressingimpulse und einer bestens organisierten Restverteidigung konnte man Gegenstöße des Gegners oft im Keim ersticken. Sämtliche Screenshots stammen von Rapid TV
Wenngleich in den kommenden Wochen Teams mit höherer Qualität auf Rapid warten, so war es interessant zu sehen, welche taktischen Maßnahmen gegen einen tiefen Block in der Vorbereitung erarbeitet wurden. In der Bundesliga warten einige Teams mit einer ähnlichen Herangehensweise. Doch wie genau sahen diese Maßnahmen aus?
Rapid im Ballbesitz ohne echten Mittelstürmer
Auf dem Papier geht Rapid zu Saisonbeginn in einer 4-2-3-1-Grundformation an den Start. Im eigenen Spielaufbau verschiebt sich die eine oder andere Position allerdings. Die beiden Innenverteidiger bilden die erste Aufbaulinie. Flankiert werden die beiden von den jeweiligen Außenverteidigern, die grundsätzlich eine eher tiefere Position einnehmen, damit sie die beiden zentralen Verteidiger gegen die erste Pressinglinie des Gegners unterstützen können. Der SV Wienerberg agierte in einer 5-2-3-Grundordnung gegen den Ball, wodurch sich eine 4vs3-Überzahl in der ersten Linie ergibt.
Die Außenverteidiger positionieren sich so, dass sie gemeinsam mit den Innenverteidigern eine 4vs3-Überzahl in der ersten Aufbaulinie herstellen können. Horn auf Links und Roka auf Rechts (nicht im Bild) wählen dabei ihre Höhe so, dass sie den jeweils äußeren Gegenspieler der ersten Pressinglinie mit dem ersten Kontakt überwinden können.
Vor den beiden Innenverteidigern bzw. hinter der ersten gegnerischen Pressinglinie positionieren sich die beiden Sechser. Ihre Aufgabe war es, sich hinter der ersten Pressinglinie in den sich auftuenden Passfenstern anzubieten. Sollte der Gegner in der ersten Linie keine Passfenster anbieten, so zieht sich diese folglich zusammen, sodass ein größerer Raum für die bereits erwähnten Außenverteidiger ergibt. In höheren Zonen dienen die beiden Sechser dann als Verlagerungsspieler, damit die Seiten mittels schneller Ballzirkulation gewechselt werden können. So kann ein Gegner, der zunächst Richtung ballstarke Seite verschiebt, ausgehebelt werden.
Ein besonderes Merkmal war im gestrigen Spiel an vorderster Front zu erkennen. Mit Neuzugang Tonni Adamsen startete ein Spieler auf der Mittelstürmerposition, der eine Rolle sehr flexibel interpretiert. Anstatt an der letzten gegnerischen Linie zu warten, lässt sich der Däne sehr oft in eine tiefere Position fallen, um den Angriff mitzugestalten. So kam es, dass Rapid in vielen Szenen zunächst ohne echten Mittelstürmer agierte – zumindest, solange der Ballbesitz im ersten oder zweiten Drittel stattfand. Adamsen ließ sich in einem der beiden Halbräume zwischen die Linien fallen, um das Übergangsspiel zu unterstützen. Dabei orientierte er sich an Zehner Gulliksen, der sich ebenfalls in einen der beiden Halbräume fallen ließ. Adamsen wählte dann folglich den jeweils anderen Halbraum, um eine entsprechende Balance in der Positionierung herstellen zu können.

Gulliksen (links) und Adamsen (rechts) positionieren sich in den jeweiligen Halbräumen, in etwa auf Höhe der gegnerischen Sechser, um das Übergangsspiel zu unterstützen. Der Raum vor bzw. direkt an der letzten gegnerischen Verteidigungslinie ist von keinem Rapidler besetzt – die drei Innenverteidiger Wienerbergs haben keinen direkten Gegenspieler.
Statt mit einem echten Mittelstürmer und einem klassischen Zehner, wie man es in einem 4-2-3-1 grundlegend erwarten würde, agierte Rapid also größtenteils mit einer Doppelacht, dafür aber ohne klassischen Neuner. Gulliksen und Adamsen ließen sich oft in den Raum neben der gegnerischen Doppelsechs fallen, um das Spiel von dort ins Angriffsdrittel zu tragen. Nachteil an dieser Herangehensweise ist, dass das Spiel aufgrund fehlender zentraler Anspielstationen an vorderster Front zwangsläufig nach außen getragen werden muss. So kam es auch, dass die meisten Vorstöße der Hütteldorfer in das Angriffsdrittel über den Flügel passierten. In der Theorie erweitern die initiale Positionierung in einer tieferen Zone auch die Laufwege von Adamsen und Gulliksen in den Sechzehner, um Hereingaben von der Seite erweitern zu können. Rapid konnte den Gegner allerdings in den langen Ballbesitzphasen des Öfteren mit jedem Zuspiel immer weiter Richtung eigenes Tor drücken, sodass auch die beiden Achter immer höher werden und somit den Anlaufweg in den Strafraum verkürzen konnten.
Dreiecksbildung auf den Flügeln als elementarer Bestandteil des Offensivspiels
Die Positionierung der beiden genannten Spieler in den Halbräumen hatte einen weiteren Grund – sie sollten den offensiven Flügelspieler und den aufrückenden Außenverteidiger unterstützen und so den Durchbruch in das Angriffsdrittel mit ermöglichen.
Der Außenverteidiger und der offensive Flügelspieler waren grundsätzlich dazu angehalten, sich niemals in der gleichen vertikalen Linie zu positionieren. Der Grund: Ein Longline-Pass des Außenverteidigers auf den in geschlossener Stellung positionierten Flügelspieler, der einen Gegenspieler im Rücken hat, ist ein gefundenes Fressen für das Pressing des Gegners. Die Seitenauslinie dient hier als zusätzlich limitierender Faktor.
Wenn der Außenverteidiger also eine wenig einrückte, gab der offensive Flügelspieler an der letzten Linie die Breite. Umgekehrt schoben die Flügelspieler etwas weiter Richtung Halbraum, wenn der Außenverteidiger eine breitere Position einnahm.

Der offensive Flügelspieler Tilio positioniert sich breit. Außenverteidiger Roka erkennt dies und bleibt im Halbraum. Gleichzeitig sieht er die sich vor ihm geöffnete Schnittstelle, die er mit einem Tiefenlauf Richtung Assistzone (grüne Markierung) attackiert.

Ein erneute Angriff über die rechte Seite, unmittelbar danach. Diesmal ist es Außenverteidiger Roka, der die Breite gibt. Tilio bleibt deshalb im Halbraum. Auch um einen Tiefenlauf in die Schnittstelle zu starten, sobald der gegnerische Wingback Roka attackiert. Aufgrund der eingerückten Position Tilios rückt auch Achter Adamsen noch weiter Richtung Zentrum, damit er nicht den gleichen Raum wie der Australier besetzt.
Gemeinsam mit dem Außenverteidiger und dem offensiven Flügelspieler bildeten die beiden bereits genannten Achter jeweils ein Dreieck, das sich über die Flügelzone und den jeweiligen Halbraum erstreckte. Mithilfe von schnellen Kombinationen und Positionsrotationen sollte die gegnerische Grundordnung durcheinandergebracht und so Räume geschaffen werden, damit der Durchbruch hinter die letzte gegnerische Verteidigungslinie gelang. Die besten Beispiele waren die Torchancen in der 12. und 49. Minute, als man sich sehenswert in ebenjenem Dreieck durchkombinieren und so eine jeweils sehr gute Torchance erspielen konnte, welche Tilio letztendlich vergab.

Der breit positionierte Außenverteidiger Roka bildet mit den beiden eingerückten Tilio und Gulliksen ein Dreieck auf der rechten Angriffsseite. Die beiden letzteren können dank eines schnellen Doppelpasses 4 Gegner aus dem Spiel nehmen.

Der Durchbruch in den Rückraum der gegnerischen Fünferkette gelingt und Tilio hat viel Raum vor sich, um in die Assistzone einzudringen. Sein Stanglpass wird abgefälscht und landet beinahe im Tor.

Rapid greift wieder über die rechte Seite an. Diesmal gibt Flügelspieler Tilio die Breite, Außenverteidiger Roka und Gulliksen rücken ein. Es entsteht wieder das bereits beschriebene Dreieck zwischen genannten Spielern. Hinzu kommt hier die Positionierung von Adamsen, der in dieser Situation den Neunerraum einnimmt.

Tilio spielt einen diagonalen Flachpass Richtung Gulliksen und sprintet sofort in Richtung Zentrum, um erneut als Anspielstation zur Verfügung zu stehen. Gulliksen leitet den Ball gekonnt mit der Ferse auf den zusätzlich unterstützenden Adamsen weiter, der einen weiteren Gegenspieler bindet und damit hinter sich einen Raum öffnet. Tilio erkennt diesen Raum und sprintet in die Tiefe. Adamsen leitet den Ball ebenfalls mit der Ferse auf den Australier weiter, der in weiterer Folge den Ball über das Tor setzt.
Durchbruch auf dem Flügel dient als Dosenöffner
Rapid gelang dank der beschriebenen Dreiecke ein ums andere Mal der Durchbruch über die Flügeln, wobei man hier speziell auf der rechten Seite oft in das Angriffsdrittel vorstoßen konnte.
Rapid versuchte es oft mit hohen Flanken, die sich aufgrund der vorhandenen Spieler an vorderster Front jedoch als ineffektiv erwiesen. Mit Kara saß der kopfballstärkste Stürmer zunächst auf der Bank. Noch dazu kamen die Flanken größtenteils unpräzise in den Sechzehner.
Auch dem 1:0-Führungstreffer der Hütteldorfer ging ein gut vorgetragener Angriff über den rechten Flügel voraus. In dieser Situation war, wie so oft in diesem Spiel, ein Tiefenlauf aus dem Halbraum in die Schnittstelle der Fünferkette entscheidend, mit denen man sich vom Flügel in die Assistzone kombinieren konnte. Von dort ist es grundsätzlich möglich, mit flachen Hereingaben einen größeren Impact in der Gefahrenzone zu erreichen. In dieser Szene versuchte es Adamsen mit einem Dribbling, blieb dabei aber im Strafraum hängen.

Roka bekommt als tiefer Breitengeber den Ball. Der gegnerische Wingback macht sich auf den Weg, um den jungen Rapidler unter Druck zu setzen. Dadurch öffnet sich die Schnittstelle zum halblinken Innenverteidiger von Wienerberg. Achter Adamsen erkennt dies und startet einen Tiefenlauf in ebenjene Schnittstelle. Anschließend kann der Däne in den gegnerischen Sechzehner dribbeln, bleibt aber zunächst noch hängen.
Der Konter der Wienerberger nach Adamsens Ballverlust konnte durch die bestens organisierte Restverteidigung im Keim erstickt werden, wodurch nicht nur die Rückeroberung in einer hohen Zone, sondern ein sofortiger Gegenangriff gestartet werden konnte.

Gröller steht hoch und kann das Spielgerät dank konsequentem Vorwärtsverteidigens zwei Mal erobern und auf Schaub ins Zentrum weiterleiten. Der spielt anschließend einen Steckpass auf den erneut in die Tiefe startenden Adamsen, der den Ball diesmal behaupten und zum Führungstreffer einnetzen kann.
Andere Spielertypen erfordern Adaptierungen
Spätestens mit der Einwechslung von Ercan Kara, der in der 70. Minute für den zweifachen Torschützen Adamsen in die Partie kam, veränderte sich auch die Positionsstruktur im eigenen Angriffsspiel. Kara interpretiert seine Rolle konservativer und fühlt sich als physisch präsenter und kopfballstarker Stürmer an der letzten Linie wohler. Er lässt sich seltener als sein Kollege Adamsen in tiefere Zonen fallen, um das Übergangsspiel von dort aus zu unterstützen. So kam es auch, dass Rapid ab diesem Zeitpunkt mit einem klassischen Mittelstürmer, der sich an der letzten gegnerischen Abwehrlinie positioniert, agierte.
Gulliksen blieb als nomineller Zehner auf dem Feld – an seiner Rolle änderte sich wenig. Er war weiterhin in den Halbräumen zu finden. Der einzige Unterschied war nun allerdings, dass er verstärkt zwischen ebenjenen Halbräumen und dem Zentrum zwischen den Linien pendelte, da er nun der einzige Achter im Spiel Rapids war und somit kein weiterer Spieler die jeweils unbesetzten Räume zwischen den Linien coverte.

Kara positioniert sich klar an der letzten gegnerischen Abwehrlinie. Gulliksen agiert nun als einziger Achter, der zwischen den Halbräumen und dem Zentrum pendelt.
Der große Vorteil an dieser Positionierung ist natürlich die höhere Strafraumpräsenz, die es in einer Herangehensweise mit hohem Fokus auf Flügelspiel benötigt. Mit Kara hat man in Sachen Profil jemanden, der hohen Wert auf ebenjene Präsenz im Sechzehner legt.
Natürlich hat auch Neuzugang Adamsen bereits unter Beweis gestellt, dass er Qualitäten in der Box hat. Die Wege aus seiner initial tieferen Position im Spielaufbau in den Strafraum sind zumindest in der Theorie allerdings weiter, was einen höheren läuferischen Aufwand und eine Erschwerung in Sachen Abnahme der Hereingaben von den Seiten nach sich zieht.
Fazit
Der SK Rapid zeigt also die eine oder andere neue Facette im eigenen Ballbesitzspiel. Der Zugang, ohne echten Mittelstürmer, dafür mit zwei Achtern in den Halbräumen zu agieren, ist per se nichts Neues. Dies konnte man bereits in der vergangenen Saison des Öfteren begutachten. Wie die letztendliche Positionsstruktur aussieht, hängt auch von den Spielerprofilen ab, die gerade auf dem Platz stehen. Ein flexibler Mittelstürmer á la Adamsen kann das Übergangsspiel der Hütteldorfer entscheidend mitgestalten. Gleichzeitig fehlt dann aber die Präsenz an der letzten gegnerischen Linie, was in den meisten Fällen eine Spielfortsetzung über den Flügel zur Folge hat. Noch dazu haben jene Spieler dann einen weiten Weg in den Sechzehner und können potenzielle Hereingaben schwieriger verwerten. Die tiefen Blöcke, die in der Bundesliga auf Rapid warten, werden sich vermutlich nicht so extrem tief Richtung eigenes Tor drücken lassen, wie das teilweise bei Wienerberg der Fall war.
Mit einem klassischen Stoßstürmer an vorderster Front kann dieses Problem zwar behoben werden. Jedoch fehlt dann wiederum ein Spieler, der den Angriff in tieferen Zonen mit nach vorne tragen kann, was den Spielaufbau wieder etwas unflexibler machen könnte. Hier liegt die Hauptaufgabe darin, die richtige Balance zwischen diesen beiden Herangehensweisen zu finden, was auch gegnerabhängig sein wird.
Auffällig wiederum waren die Dreiecke auf den Flügeln, die grundsätzlich auch keine bahnbrechende Neuerung im Spiel Rapids sind. Und trotzdem hatte man gegen Wienerberg das Gefühl, dass der Fokus auf diese Dreiecke ein höherer ist. Mittels schnellen Kombinationen und Positionsrotationen konnte man so Räume schaffen und gefährliche Situationen kreieren.
Die Aufgaben werden nun von Woche zu Woche anspruchsvoller. Man darf gespannt sein, ob weitere taktische Kniffe im Spielaufbau dazukommen bzw. wie das bereits Gesehene gegen qualitativ bessere Gegner umgesetzt werden kann. Darüber hinaus wird man auf Gegner treffen, die von Grund auf mit einem höheren Block und entsprechend intensiverem Pressing in ebenjenen Zonen agieren werden. Auch hier wird es Lösungen brauchen, um die von Coach Hoff Thorup präferierte Spielweise praktizieren zu können.
Neueste Artikel
- SK Rapid: Die ersten taktischen Erkenntnisse zur neuen Saison
- „Sportbladet“: Mittelfeldspieler Ackermann im Gespräch bei Rapid
- Kreuzbandriss: LASK-Neuzugang Harakate fällt lange aus
- Leichte Gehirnerschütterung: Dragovic-Einsatz gegen Liepāja offen
- Red Bull Salzburg soll um norwegisches Mittelfeldjuwel mitbieten
- VIDEO: Eggestein-Triplepack bei Austrias 5:0-Cupsieg (Highlights)
- VIDEO: Adamsen-Doppelpack bringt Rapid im Cup weiter (Highlights)
Bundesliga Meisterplayoff
Bundesliga Qualifikationsplayoff
Torschützenliste Bundesliga
Assistliste Bundesliga
Top-Bewerbe
Detailsuche

Demographiesuche

Scouting Tool


