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Kommentar

Kommentar: Legende, oida!

Marko Arnautović ist seit seinen vier Toren gegen San Marino am vergangenen Donnerstag nicht mehr nur Rekordspieler der österreichischen Nationalmannschaft, sondern mit 45 Treffern auch Rekordtorschütze selbiger. Diese Meldung bestimmt derzeit Österreichs Fußballpresse. Harald Prantl von „Laola1“ bezeichnete den 36-jährigen Offensivspieler in einem Kurzkommentar direkt nach dem 10:0‑Sieg über den Fußballzwerg als „GOAT“ und als jemanden, der neue Maßstäbe im Fußball gesetzt habe. Die mächtigste Boulevard-Zeitung des Landes titelte sogar ehrfürchtig: „Marko, jetzt bist du der Größte!“ Das versöhnliche Ende einer schwierigen Beziehung?

Arnautović wurde in Österreich schon geschmäht, gefeiert, verdammt, vergöttert; seit er in den 30ern ist, gilt er bei den Fans der rot‑weiß‑roten Nationalmannschaft aber konstant als Kultfigur und ist Publikumsliebling. Der neue Rekordhalter selbst erklärte in einem – auf Englisch gehaltenen – Social Media-Post, dass mit dem Knacken der Bestmarke von Toni Polster ein Traum für ihn wahr geworden sei. Trotzdem sei er aber immer noch so hungrig auf Erfolg wie damals, als seine Nationalteamkarriere begann – „that kid from 2008“. Anmerkung: Damals zählte Arnautović 18 bzw. 19 Lenze. Die Geschichte ist also noch nicht zu Ende, dass will zumindest ihr Hauptdarsteller.

Österreich winkt mehr als nur andeutungsweise ein Ticket für die WM-Endrunde in den USA und Kanada und Arnautović hat es seinen Kritikern, die ihn einst zum Strohfeuer deklarierten, gezeigt. Eigentlich könnte alles gut sein; nachdenklich macht nur, wenn Prantl „Arnies“ Karriereverlauf in seinem „GOAT-Kommentar“ zum „Heldenepos“ verklärt. Der „Laola1“-Chefredakteur bezeichnet den Austro-Serben als „Mahnmal“ und Beispiel dafür, dass man auf Talente setzen müsse, auch wenn sie aus den gängigen Schemata ausbrechen und unbequem seien. Arnautović habe die Geschichte zu erzählen, die er selbst geschrieben habe, so Prantls (fragwürdiger) lyrischer Schlusspunkt: Das mache richtige Legenden aus. Ist das so?

Mag. Arnautović & Mr. Marko

Arnautovićs Fehltritte als Profi – vom „Saftladen“ bis zur Polizeikontrolle – sind gut dokumentiert; ebenso, dass der gebürtige Floridsdorfer schon als Bub aus den Nachwuchsabteilungen sämtlicher Wiener Fußballklubs „cum infame“ entlassen wurde: Egoismus, Exzentrik, Verhaltensauffälligkeit wurden dem „Brieskicker“ – neben seinem großen Talent – bei sämtlichen Vereinen attestiert. „Genie und Wahnsinn“ so versuchen nicht zuletzt Familie A. und Sportreporter, die ähnlich wie Hofberichterstatter agieren, diese Jugendsünden Arnautovićs zu verkaufen. Marko sei eben ein Freigeist, das mache seine feinsinnige Art Fußballzuspielen aus. Außerdem sei er ein echter Typ; einer, wegen dem man/frau ins Stadion gehe. Die Mär vom Raubtier, das man schwer zähmen könne.


Wenn sich die Verantwortlichen von damals an ihre Erlebnisse mit dem heutigen ÖFB-Rekordspieler erinnern, klingt das anders: Der frühere Austria‑Nachwuchschef Ralf Muhr erzählt etwa, der junge Arnautović habe keinen Respekt vor anderen gehabt und sei nicht kritikfähig gewesen. Beim Erzrivalen aus Hütteldorf weiß man noch, dass der heutige Belgrad-Legionär am Platz stets gemacht habe, was er wollte: „Wenn Kopfbälle geübt wurden, hat er zum Fallrückzieher angesetzt.“ Eine Anekdote, die Danijel Arnautović, der finster dreinblickende Bruder dessen Spieleragentur nicht ganz so erfolgreich wie die Karriere von Marko verlaufen ist, bestätigte. Und dieses Gehabe qualifiziert Prantl u.a. als „unbequem“?

Fußball ist ein Mannschaftssport; ein Trainer eine Führungsfigur mit Vorbildfunktion. Eine Mannschaft braucht auf dem Feld und daneben Disziplin; Respekt vor den Teamkameraden, dem Gegner, dem Schiedsrichter ist das A und O. Im Idealfall lernen Kinder im Fußballverein fürs Leben. Wenn sich jemand beharrlich nicht an die Regeln hält, ist er in einem solchen Kollektiv fehl am Platz und muss – in letzter Konsequenz – gehen. Einen Konnex zwischen Talent und schlechten Manieren zu sehen, ist nur eine schlechte Entschuldigung; ein solcher Verweis mindert die Selbstverantwortung bzw. die Bedeutung der Aufgabe der Erziehungsberechtigten des/der Betroffenen.

Natürlich darf nicht vergessen werden, was seit Jahren bemängelt wird: Die österreichische Fußballnachwuchsausbildung legt zu wenig Wert auf Instinktfußball, Kreativität, etc.: Jungfußballer:innen wird jeder Pass vorgegeben, die Trainer:innen zeigen zu wenig Empathie. Vielleicht war die Entwicklung von Arnautovićs Spielstil in der holländischen Fußballphilosophie tatsächlich besser aufgehoben; man darf aber davon ausgehen, dass ein Talent seines Kalibers auch in Österreich genügend Chancen erhalten hat. Schließlich wusste der mittlerweile verstorbene Helmut L. Kronjäger zu berichten, dass im FAK‑Nachwuchs die Besten „mit Glacéhandschuhen angegriffen wurden“: Für einen Christoph Knasmüllner, der von Kindesbeinen an als Wunderkind hochgejubelt wurde, war diese Vorgangsweise unterm Strich nicht förderlich; „Knasi“ ist im Übrigen drei Jahre jünger als Arnautović.

Falsche Romantik

Die Behauptung, Arnautović sei in seiner Jugend ein „Systemsprenger“ gewesen, ist jedenfalls eine unzulängliche Romantisierung seines früheren Verhaltens. Ja, die Geschichten sind lang her und ja, im Endeffekt ist eh alles gut gegangen. Aber jedes Jahr gibt es Spieler mit unglaublichem Potenzial, die wegen mangelnder Anpassungsfähigkeit – oft vom Elternhaus tatkräftig gefördert, weil das Burli ist eh der kommende Superstar – versanden und ihre Fußballschuhe schließlich an den Nagel hängen. Kindern zu suggerieren, ihr Talent erlaube ihnen asoziales Verhalten, ist falsch und gefährlich. Die Karriere des Marko A. ist so gesehen vermutlich doch ein bisschen jenes „Heldenepos“, das Harald Prantl sieht. Allerdings besteht das heroische Element darin, dass der Austro-Serbe mittels Luftveränderung doch noch die Kurve kratzte und in den Niederlanden den Sprung zum Fußballprofi schaffte. Das ist wohl Arnautovićs größter Verdienst; direkt nach ÖFB-Rekordspieler und -Torschützenkönig.

Marie Samstag, abseits.at

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