Der Wille kann ja bekanntlich Berge versetzen. Motivation und Einstellung sind schon die halbe Miete. Heute baut man im modernen Sport auf Psychologie, Menschenführung... Anekdote zum Sonntag (14) – Motivationsspritze ohne Nadel

Walter SchachnerDer Wille kann ja bekanntlich Berge versetzen. Motivation und Einstellung sind schon die halbe Miete. Heute baut man im modernen Sport auf Psychologie, Menschenführung und den Wohlfühlfaktor. Kaum eine Methode, die nicht ausprobiert wird, um das Werkl zum Rennen und Punkte aufs Tabellenkonto zu bringen. Früher gab es nur die altmodische Tour: Ernst Happel, Max Merkel und Konsorten befuhren eine andere Schiene. Doch auch sie wussten ihre Spieler zu begeistern: Weniger mit Streicheleinheiten, mehr mit Handfestem. Ernst Happel war kein Mann großer Worte: „Wenn ihr Meister werden wollt, müsst ihr heute hier gewinnen.“, teilte er seinen HSV-„Rothosen“ einsilbig vor einem wichtigen Spiel mit. Das war alles. Geld ist die beste Psychologie, soll Max Merkel gesagt haben und lockte seine Schützlinge mit Prämienzahlungen. Diese kapitalistische Denkweise zog.

Auch der legendäre „Mister Austria“, Joschi Walter, wusste seine Stars bei Laune zu halten. Nach seiner Spielerkarriere, reifte er als Autohändler zu dem schlitzohrigen Geschäftsmann, der den Violetten über Jahre seinen Stempel aufdrücken sollte. Ab 1959 lenkte der Mitt-Dreißiger die Geschicke der Favoritner. Walter war sich für nichts zu schade: Er versuchte nicht nur ständig neue Sponsoren an Land zu ziehen, sondern butterte auch genügend Marie aus seiner Privatschatulle in den Verein. Jeder übriggebliebene Groschen, den er mit seiner Peugeot-Filiale in Wien-Brigittenau machte, stopfte Löcher in der violetten Kassa. Zudem spendierte er jedem Austrianer eines seiner französischen Autos als Dienstwagen.

Ende der 70er-Jahre erwies sich Walter als besonders einfühlsamer „Big Spender“. Jungstar „Schoko“ Schachner, eben aus Leoben nach Wien gewechselt, fühlte sich nicht wohl. Der Stürmer saß Ende Oktober in Joschis Geschäftsstelle und jammerte über Kniebeschwerden. Er habe Schmerzen und wisse nicht, ob er für das anstehende Wiener Derby fit genug sei. „Zeig amal her!“, erbot sich Joschi Walter als Fachmann für Gelenkprobleme. „Schoko“ lupfte das Hosenbein und streckte dem FAK-Chef seinen unbedeckten Haxen entgegen. Ehe er es sich versah, war die Wunderheilung eingetreten: Auf der Kniescheibe pickte flugs ein druckfrischer Blauer. Joschi lächelte, „Schoko“ war verlegen. Doch die rund 70 Euro Sonderzulage sorgten dafür, dass seine Welt wieder ins rechte Lot gerückt wurde: Schachner trat drei Tage frisch und munter zum Kampf um die Vorherrschaft in der Hauptstadt an. Ein 5:1-Sieg stand am Ende auf der Anzeigetafel: Tommy Parits hatte die Hütteldorfer mit drei Toren weichgeklopft, Schachner, der eine Top-Partie spielte, schoss die „verwundeten“ Grün-Weißen anschließend mit zwei Treffern K.O. Helmut Kirisits gelang kurz vor der Rapid-Viertelstunde nur mehr der Ehrentreffer. So einfach, so effektiv kann man Fußball-Diven Balsam auf ihre Seelen zaubern. Joschi Walter verstand diese Kunst: Das blaue Pflaster war die beste violette Investition im Oktober ’78.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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