„Das war ein knallharter, autoritärer Mann.“, erinnert sich Felix Gasselich an seinen Namensvetter Felix Latzke: „Wegen ihm bin ich nie bei einer WM dabei... Anekdote zum Sonntag (44) – Tu felix tyrannus!

Fußball in Österreich - Flagge_abseits.at„Das war ein knallharter, autoritärer Mann.“, erinnert sich Felix Gasselich an seinen Namensvetter Felix Latzke: „Wegen ihm bin ich nie bei einer WM dabei gewesen.“ Ärgerlich für einen Stürmer, der immerhin an die 100 Tore für die Austria geschossen hat und fünf Mal mit den Wienern Meister wurde. Darüber hinaus wurde Felix frecher Treffer gegen Galatasaray Istanbul anlässlich der violetten Hundertjahrfeier zum schönsten Tor der Veilchen gekürt. Keine obergscheite Jury aus vermeintlichen Experten suchte das Tor aus, nein, die Fans waren höchstpersönlich angehalten unter mehreren Toren jenen Treffer zu wählen, der die Geschichte der Wiener Austria von ihrer angenehmsten Seite auf den Punkt bringt. Gasselich wird also – zumindest bei den Anhängern der Austria – nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Im Nationalteam unter Teamchef Latzke kam der „Jahrhunderttorschütze“ jedoch auf null Einsätze. Das wurmt ihn. Überhaupt ist seine Länderspielbilanz (19/3) nicht das Gelbe vom Ei. Es hat halt nicht sollen sein: Felix Gasselich war irgendwie auch kein gewöhnlicher Fußballprofi. Obwohl es bei der Austria in dreizehn Jahren zu acht nationalen Titeln und einem verlorenen Europacupfinale gereicht hat, blieb der Wiener im dichten Mannschaftsgefüge der Favoritner etwas außen vor. „Er hatte seinen eigenen Freundeskreis, seinen eigenen Schmäh.“, erinnert sich Herbert Prohaska. Vielleicht lag es daran, dass Gasselich ein ruhiger Typ war, der wegen seiner Bibliophilie von seinen Kameraden sogar zum „Professor“ ernannt wurde.

Jenem Felix, der mit dem Nachnamen Latzke hieß, verpasste man hinter vorgehaltener Hand die Rufnamen „Schinder“, „Tyrann“, „Quäler“ oder dergleichen. So wurde Latzke allerdings nicht geboren – er hatte den besten Lehrer für seinen autoritären Führungsstil: Hans Pesser war der Ursprung aller Souveränität, die später Latzkes Training bestimmen sollte. Pesser, der mit allen von ihm trainierten Erstligaklubs Meister wurde, war einer der härtesten Hunde überhaupt: 1965/1966 steuerte er die Admira-Mannschaft mit eiserner Hand in Richtung Titel. Die Floridsdorfer hatten seit dem Cupsieg 1964 Schritt für Schritt eine Mannschaft für den Titelkampf aufgebaut und Pesser drehte noch an einigen Schrauben. So wünschte er sich und bekam schließlich Dragomir Vukicevic, einen jugoslawischen Tormann, der zu einem sicheren Rückhalt wurde. Der damals 23-jährige Latzke gehörte mit Josef Wahl, Michael Breibert und Hans Szauer zu den jungen Hoffnungsträgern der Wiener. Kapitän Hruska, Skerlan und Stamm bildeten die Altmeisterriege, Mittelfeldregie führte Anton „Burli“ Herzog. So aufgestellt konnten die Floridsdorfer mit einem Zähler Abstand zur Austria den Herbstmeistertitel einfahren.

Pesser System gründete sich wie jenes von Magath – dem dritten Felix im Bunde – auf körperliche Fitness, eine hohe Schmerzgrenze, Disziplin und Anstrengung. Ihm kam kein Lob über Lippen, bei minimalen Vergehen wiederum schrie er Zeter und Mordio. Nach einer unglücklichen 0:1-Niederlage gegen den GAK im Frühling – wobei die Wiener fast die gesamte Partei zu zehnt abspulen mussten – ließ Pesser den Admirabus vor dem Trainingsplatz vorfahren. Mit Leichenbittermine befahl er seinen müden Burschen ein Straftraining. „Verlieren werdet ihr mir kein Match mehr!“, brummte er. Die Botschaft kam an: In den letzten sechs Meisterschaftsrunde gaben die Admiraner nur mehr einen Punkt ab, besiegten Rapid und schließlich auch die Austria im Endrundenspiel mit 4:3 und wurden so Meister. Den Cuptitel konnte Pesser dank eines Herzog-Tores ebenfalls in den 21. Wiener Gemeindebezirk holen. Felix Latzke hätte sich das ganze Spektakel lieber von der Tribüne aus angesehen: Noch im Mai zog sich der Angreifer beim Training einen schmerzhaften Bändereinriss zu und wurde vom Masseur in die Kabine geleitet. Der Knöchel schwoll sofort an und wurde vom Betreuer notdürftig zugetaped. Pesser kam nach beendetem Training in die Kabine und besah Latzkes Verletzung: „Was du willst nicht spielen?“, entrüstete er sich über die zaghafte Anfrage des Spielers nach einer Pause. Für Pesser – undenkbar. Im nächsten Spiel watschelte Latzke „wie eine Ente“ aufs Feld und biss 90 Minuten lang auf die Zähne. Trotzdem schoss er beim 4:0-Sieg über Simmering zwei Tore. Pesser gratulierte auf seine Art: „Und du wolltest nicht spielen!“, rief er dem Verletzten zu. Noch Fragen, warum Latzke als Trainer selbst ein solches Regime an den Tag legte? Wie der Herr, so des G’scherr.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag