Andreas Schicker geht als neuer Geschäftsführer Sport des SK Sturm ins Meister-Playoff. Er will gezielt auf junge Spieler setzen. Der „junge Weg“ hat –... Sturm: Planwirtschaft statt Jugendwahn

Andreas Schicker geht als neuer Geschäftsführer Sport des SK Sturm ins Meister-Playoff. Er will gezielt auf junge Spieler setzen. Der „junge Weg“ hat – erfolgreiche – Tradition bei Sturm. Von Jugendwahn sei aber trotzdem keine Rede.

Einschulen war nicht nötig. Dazu kennen sich Günter Kreissl und Andreas Schicker schon zu lange. Zweitgenannter übernahm kürzlich die Agenden des Geschäftsführer Sport beim SK Sturm, eben von Kreissl, der sich zwischenzeitlich zurückzieht und im Herbst in beratender Funktion zum Verein zurückkehren wird. Und wie gesagt: die Übergabe verlief reibungslos. „Arbeitsintensiv ja, aber angenehm und unkompliziert“, erzählt Schicker in seinem Büro. Dort liegt seinem Schreibtisch jener von Kreissl direkt gegenüber. Im Hintergrund hört man an diesem Vormittag Sturm-Trainer Nestor El Maestro seinen Kickern Anweisungen geben. „Günter hat mir in Sachen Management, Transfer-Geschäft etc. schon bei unserer gemeinsamen Zeit in Wiener Neustadt sehr viel gezeigt, mich gezielt in die Arbeitsabläufe eingebunden“, ist Schicker seinem „Lehrer“ dankbar. In den letzten Jahren arbeitete der Mann aus Bruck/Oberaich als Chefscout bei den Schwarzweißen. Jetzt also der nächste Schritt. Geschäftsführer Sport.

Konzept statt Jugendwahn

Apropos nächster Schritt. Der nächste Schritt eines Amateurspielers ist – plangemäß – der in die Kampfmannschaft. Und da tut sich beim SK Sturm einiges. Mit Dardan Shabanhaxhaj, Sebastian Zettl und Vincent Trummer wurden kürzlich drei Spieler mit Profi-Verträgen ausgestattet, der junge Amadou Dante kommt demnächst aus Hartberg zurück nach Graz, Niklas Geyrhofer feierte schon im Frühjahr sein Debut. Der „Jugendwahn“ ist zwar nicht ausgebrochen bei den Grazern, trotzdem sieht man in der Förderung junger Spieler die Handschrift Schickers. „Mit ‚junger Welle‘ hat das ganz nichts zu tun, und auch die Corona-Krise hat uns nicht dazu gezwungen Junge rauf zu ziehen. Ich hab das schon bei den Bewerbungsgesprächen mit dem Vorstand, Günter und Co. klar so als mein Konzept präsentiert. Ich mag keine aufgeblähten Kader. Wenn wir Spieler holen, egal ob jung oder routiniert, sollen sie den Kader gleich besser machen. Dazu bin ich auch stets mit Trainer El Maestro im Austausch, der exakt über den Stand der Amateurspieler Bescheid weiß. Und die Erste muss immer das primäre Ziel eines Amateurspielers sein.“

Die „Zweier“ Sturms war bis zum Corona-Shutdown am besten Weg zum Meistertitel in der Regionalliga Mitte. „Was in der Ersten Liga dann gezeigt worden wäre, wäre der nächste Erkenntnisstand gewesen. Leider ist es anders gekommen.“ Doch der Plan B steht und wird bei Sturm nicht erst seit kurzem umgesetzt und so zum „Plan A2“ wenn man so will. Der sieht so aus, dass Spieler die in der Kampfmannschaft aktuell nicht zum Zug kommen, zu Zweitligisten ausgeliehen werden. „Dort haben sie Wettkampfpraxis, müssen sich beweisen. Da lernt ein Junger oft mehr als wenn er bei den Amateuren ein bissl im eigenen Saft brät, als in neuer, ungewohnter Umgebung liefern zu müssen. Das hat einfach mehr Aussagekraft“, erklärt Schicker. Mit Lafnitz-Trainer Philipp Semlic und Kapfenberg-Boss Erwin Fuchs ist er in bestem Einvernehmen, man spricht regelmäßig. Auch Erstligisten sind gute Partner, siehe Michael John Lema, der schon in der Bundesliga im Sturm-Angriff umrührte und nun (aktuell verletzt) bei Hartberg spielt.

Vom „jungen Löwen“ zur Legende

Sturm und der junge Weg. Das ist keine Erfindung der fußballerischen Neuzeit. Auf Eigenbau zu setzen, das hat bei Sturm immer wieder zu Erfolgen geführt. Legendär sind die „Jungen Löwen“ die einst Anfang/Mitte der 90er-Jahre in der Gruabn für Furore sorgten: Markus Schopp, Mario Haas, Gilbert Prilasnig, Arnold Wetl – sie alle sind mittlerweile Sturm-Legenden, Vereins-Ikonen die mit Pokalsiegen, Meistertiteln und unvergesslichen Champions League Nächten ewig in Erinnerung bleiben. Damals war man dem Diktat des Geldes unterworfen, man musste im Verein schlicht sparen. Dass man aber jungen Kräften auch in wirtschaftlich besseren Zeiten die Chance zum Durchbruch gab zeigen zwei weitere Phasen des „Jungen Weges“.

Von 2003 bis 2005 lief es sportlich mittelprächtig bei den Blackies, gegen Ende der Saison liefen dann immer öfter Spieler wie Johnny Ertl, Thomas Krammer, Klaus Salmutter, Jürgen Säumel oder Christian Gratzei auf – und begeisterten. Sie wurden schnell zu Leistungsträgern, schafften teilweise den Sprung ins Ausland und setzten sich auch dort durch. 2006 kam der Konkurs, der im Jänner 2007 durchgestanden war. Zu diesem Zeitpunkt sah man zum dritten Mal einige neue, sehr junge Gesichter in der ersten Elf Sturms. Beispielgebend sind die späteren Nationalspieler Sebastian Prödl, Daniel Beichler und Jakob Jantscher. Sie konnten nicht so lange gehalten werden, wie man es sich in Graz gewünscht hätte. Allerdings versah man sich damals bereits mit dem Prädikat „Ausbildungsverein“. Titel konnte man trotzdem feiern: Pokal und Meisterschaft wurden gewonnen, man spielte in der Europa League Gruppenphase.

Man sieht also: Die Methode junge Spieler zu etablieren ist bei Sturm beliebtes – und ertragreiches – Mittel. Reiht sich Andreas Schicker als Geschäftsführer mit seinem Zugang in diese Tradition ein? „Ich weiß, dass es bei Sturm immer Zeiten gab wo man vermehrt auf Junge setzte. Bei mir ist das aber eine fixe Arbeitsauffassung. Funktionäre und Trainer müssen so vorgehen in der aktuellen Zeit. Wie gesagt: es muss immer das Ziel eines Vereins sein, eigene Spieler rauszubringen und von diesen sportlich zu profitieren.“ Also: nicht nur wirtschaftlich. Dass man weiterhin immer junge Talente abgeben wird müssen, weiß Schicker. Red Bull, Ausland – dort hat man mehr Geld. „Trotzdem weiß ich, dass viele junge die Arbeit bei Sturm schätzen, weil wir hier sehr flache Hierarchien haben. Das ‚die Jungen arbeiten für die Alten‘-Denken früherer Jahrzehnte gibt’s längst nicht mehr. Und das ist gut so.“ Und wirtschaftlich – Stichwort Corona – hat man sich bei Sturm ebenso stabil aufgestellt. Wäre die Meisterschaft abgebrochen worden, wären die Grazer zusammen mit Red Bull Salzburg und LASK die einzigen Vereine gewesen die definitiv überleben hätten können.

„Massenmails“

Schicker kommt noch einmal auf das Thema „ausgebrochener Jugendwahn“ zu sprechen. „Du musst für eine erfolgreiche Mannschaft vor allem immer die richtige Mischung aus jung und routiniert finden. Sollten es jene jungen Spieler die wir aktuell mit Profi-Kontrakten ausgestattet haben, durchsetzen werden trotzdem zwei, drei Ältere neu hinzukommen. Der Anspruch Sturms ist international zu spielen. Da wollen wir hin.“

Schicker ist als Geschäftsführer bereits in seinem Element, strahlt trotz Arbeitsbegeisterung nicht nur bei diesem Gespräch viel Ruhe aus. Die hat er auch durch den Verlust seiner linken Hand – nach einem Böller-Unfall der ihn später zum ersten Profi mit Handprothese machte – gelernt. Und wenn man so will: Genau eine ruhige Hand ist es, die in Zeiten von Corona, Geisterspielen und auf Schicker zukommende Transfer- und Verlängerungsgespräche zukommen, brauchen wird. 30 Spieler bekommt er pro Tag angeboten! „Da sind aber auch viele Massenmails dabei“, lacht Schicker. Momentan aber findet sich in Sachen Sturm-Zukunft sowieso mehr Potential hinter ihm am Trainingsplatz als in seinem Mail-Posteingang.

(Philipp Braunegger)

Philipp Braunegger

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