Wie schon in der vergangenen Winterpausen gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein, wo die Hintergründe und Motive... Transfers erklärt: Darum wechselte Josip Drmic zu Bayer Leverkusen

Bayer LeverkusenWie schon in der vergangenen Winterpausen gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein, wo die Hintergründe und Motive beleuchtet werden. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler? Wer ist dieser Spieler überhaupt? Was erwartet sich sein neuer Verein von ihm? Kann er die Erwartungen in seinem neuen Verein erfüllen?  Diese Fragen sollen hauptsächlich beantwortet werden. Auch die taktische Perspektive soll nicht zu kurz kommen, immerhin ermöglicht ein neuer Spieler oftmals eine Vielzahl neuer Kombinationen und Synergien, die ebenfalls kurz erläutert werden sollen.

In dieser Ausgabe blicken wir auf den Transfer einer der großen Überraschungen der Bundesliga in dieser Saison, Josip Drmics Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen.

Vom Flügelstürmer zur Hoffnung im Abstiegskampf

Der Schweizer mit kroatischem Migrationshintergrund befand sich die gesamte Saison über mit dem 1. FC Nürnberg im Abstiegskampf. Ursprünglich war er eigentlich als torgefährlicher und dribbelstarker Außenstürmer vorgesehen, Ginczek sollte die Mittelstürmerposition bekleiden. Unter Gertjan Verbeek, der kurz vor Ende der Hinrunde die Franken übernahm, entwickelte sich Drmic jedoch zum Stammmittelstürmer der Nürnberger und zum Torgaranten. Im 4-1-4-1 Verbeeks war Drmic der entscheidende Spieler im letzten Drittel. Meistens spielte Nürnberg mit einem tiefen Ballbesitzfußball, lockte den Gegner nach vorne und versuchte danach mit schnellen, überfallartigen Kombinationen über die Flügel und die Halbräume durchzubrechen.

Drmic ganz vorne sollte sich dabei für diese Kombinationen im letzten Drittel anbieten und insbesondere auf der linken Seiten Kiyotake und Plattenhardt unterstützen. Gleichzeitig lief er sich immer wieder mit schnellen Sprints frei und suchte die Schnittstellenpässe hinter die gegnerische Abwehr. Zusätzlich besetzte er bei Hereingaben von der Seite den Strafraum und konnte auch mit individuellen Aktionen im Dribbling oder Sololäufen nach langen Bällen im Konterspiel für Gefahr sorgen.

Alleine an diesen Aufgaben zeigt sich schon Drmics Fähigkeitenprofil: Er ist dynamisch im Anvisieren von Räumen, sehr schnell, kann mit beiden Beinen hervorragend abschließen und antizipiert gegnerische Bewegungen stark. Dies ermöglicht ihm aus fast jeder Situation Torgefahr zu erzeugen. Drmic ist nicht nur im Strafraum gefährlich, sondern kann auch aus strafraumnahen Zonen abschließen oder über Dribblings in den Strafraum eindringen; das macht ihn nicht nur zu einem idealen Konterstürmer, sondern auch zu einem hervorragenden Akteur im Sturm bei Ballbesitzmannschaften, da er sowohl kombinieren und vorbereiten als auch abschließen und sich selbst Chancen erarbeiten kann.

Allerdings stellt sich die Frage, wo genau er bei Bayer Leverkusen eingesetzt werden wird. Für viele ist er nämlich der 1-zu-1-Ersatz für den abwandernden Sidney Sam.

Drmic auf dem Flügel oder in der Mitte beim 4-3-3/4-3-2-1?

In den vergangenen beiden Saisonen spielte Bayer Leverkusen meistens in einem sehr eigenen und unorthodoxen System. Die beiden Flügelstürmer im 4-3-3 spielten sehr nahe und eng am Mittelstürmer, die Dreierreihe im Mittelfeld positionierte sich parallel dahinter. Der Gegner wurde dadurch auf die Seiten gelockt und dort dann isoliert. Das Pressing fokussierte sich auf Balleroberungen am Flügel und direkten Konter über die Flügelstürmer. Defensiv wurde teilweise bei tieferer Stellung oder bei bestimmten Gegnern gar ein 4-5-1 hergestellt, in welchem ebenfalls lange Bälle auf Kießling und Ablagen auf die Flügelstürmer als wichtigstes Mittel im Angriff genutzt wurden. In der vorletzten Saison waren es Schürrle und einer aus Sam, Castro oder Bellarabi, die die Flügelzange bildeten, während in dieser Saison meistens Sam und Son über die Seiten kamen.

Durch den Abgang von Sam ist somit eine Option auf der Position des Außenstürmers offen. Die Tororientiertheit dieser Position und der Fokus auf den Angriffsabschluss mit viel Dynamik und schnellen Kombinationen würden nahezu optimal auf Drmic passen. Allerdings könnte Drmic auch auf einer anderen Position agieren; als Mittelstürmer wäre er eine technisch stärkere und dynamischere Option für Stefan Kießling, der in dieser Saison nicht ganz an die starke 2012/13-Spielzeit herankommen konnte. Das würde außerdem die Position auf dem Flügel für das junge Supertalent Julian Brandt öffnen, der in der Endphase dieser Saison schon hervorragende Leistungen bringen und sich einen Stammplatz erobern konnte.

Auch wenn ein Bankplatz für Kießling unwahrscheinlich scheint, so könnte es dennoch darauf hinauslaufen. Dies liegt am neuen Trainer der Leverkusener.

Ist Drmic der ideale Spieler für Roger Schmidts Dynamikfußball?

Kießling mag ein langjähriger und verdienter Stammspieler sowie ein guter bis sehr guter Konterstürmer sein, doch trotz seiner Fähigkeiten im Luftzweikampf und in der Ballbehauptung könnte er in der kommenden Saison seinen Platz im Sturmzentrum verlieren. Bei Roger Schmidt kommt es zwar auch auf die Behauptung langer Bälle aus der Abwehr durch die Stürmer an, doch gleichzeitig gibt es einen extremen Fokus auf die Dynamik – ob im Pressing, im Kombinationsspiel, im Aufbauspiel oder im Angriffsabschluss. Drmic ist ebenfalls gut in der Luft, obgleich er körperlich nicht so präsent ist wie Kießling, entspricht aber trotzdem deutlich eher dem bisherigen Anforderungsprofil eines Mittelstürmers in Schmidts System; bei Red Bull spielten mit Alan und Soriano ebenfalls zwei sehr bewegliche und kombinationsorientierte Stürmer vorne.

Allerdings könnten auch beide Akteure einen Platz in Schmidts System vorfinden. An sich wäre es denkbar, dass Roger Schmidt seine taktische Blaupause aus Salzburg im 4-2-4/4-4-2 mitnimmt. Dann könnten Kießling und Drmic das Sturmduo bilden. Zwar wäre Kießling nach wie vor nicht dynamisch genug in diesem System, könnte aber als Ablagestation für Drmic und Zielspieler für lange Bälle gut eingebunden werden. Mit Brandt und Son über die Flügel gäbe es schnell und kombinationsstark nachstoßende Akteure auf der Seite. Drmic hätte die dafür passende Umgebung und im Angriffsspiel könnte Kießling als Raumöffner für ihn und die beiden Flügelstürmer agieren.

Alles in allem ist somit nicht nur interessant, wo Drmic spielen wird, sondern auch wie sich Leverkusen unter Roger Schmidt taktisch aufstellt. In den nächsten Tagen wird es auch hierzu einen Artikel geben, wo die Möglichkeiten des Kaders und Schmidts besprochen werden.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric