Bei Hannover 96 läuft es derzeit. Im Niedersachsen-Derby wurde der VfL Wolfsburg mit 4:0 vom Platz gefegt und die Gruppenphase der Europa League wurde... Traumstart in die „zweite“ Karriere – Leon Andreasen ist stärker als je zuvor

Bei Hannover 96 läuft es derzeit. Im Niedersachsen-Derby wurde der VfL Wolfsburg mit 4:0 vom Platz gefegt und die Gruppenphase der Europa League wurde zum zweiten Mal in Folge erreicht. Auch die Neuzugänge schlugen ein: Pogatetz-Nachfolger Felipe stabilisiert die Abwehr, Rückkehrer Huszti zieht die Fäden im Mittelfeld und Joker Nikci netzte gleich in seinem ersten Bundesligaspiel. Als stärkster, wenn auch nur gefühlter Neuzugang gilt aber Leon Andreasen.

Satte 28 Monate musste Andreasen aufgrund von Leistenschmerzen verletzungsbedingt pausieren. Statt wundervoller Bundesligastadien besuchte der 29-jährige Däne unzählige OP-Säle, Arztpraxen und Rehazentren. Sein Leiden stellte für die Ärzte ein Rätsel dar, so dass er immer wieder weitegereicht wurde. Der Ursprung dieser quälenden Leidenszeit liegt im Frühjahr 2010.

Falscher Ehrgeiz

Es war ein Sonntag, der 4. April. Im letzten Spiel des 29. Bundesligaspieltags der Saison 2009/2010 wurde Andreasen in der 60. Minute für Sofian Cahed ausgewechselt. Zu diesem Zeitpunkt glaubte keiner, dass er 851 Tage auf seinen nächsten Erstligaeinsatz warten müsse. Zu Beginn der Saison wechselte Andreasen für die stattliche Ablösesumme von 2,5 Millionen Euro von Fulham zu den Hannoveranern, hatte allerdings lange mit Verletzungen zu kämpfen, so dass er erst am 21. Spieltag sein Debüt im roten Trikot feierte. Damals war die gesamte Situation des Vereins lange nicht so rosig wie aktuell. Man hatte mit den Folgen von Robert Enkes Suizid zu kämpfen und rang um den Klassenerhalt. Dieses sportliche Ziel verfolgte auch Andreasen, so dass er die Spiele teilweise nur unter Einfluss von schmerzstillenden Mitteln bestreiten konnte. Dieser falsche Ehrgeiz war ein Grund warum sich seine Verletzungspause über einen derart langen Zeitraum erstreckte.

Häufige Arztwechsel

Nach dem Hamburg-Spiel ging bei ihm, der Chemie zum Trotz, allerdings nichts mehr. Er unterzog sich in Berlin einer Operation, besser ging es ihm jedoch nicht. „Ich habe alleine ein halbes Jahr gebraucht, um keine Schmerzen mehr von der Operation zu haben“, sagte er nach einem Arztwechsel nach Basel. Er wurde zum Versuchsobjekt der Ärzte, man zog ihm die Weisheitszähne und vermutete sogar Phantomschmerzen. Dass sich Andreasen die Schmerzen im Leistenbereich aber nicht eingebildet hatte, wies schließlich ein dänischer Arzt nach. Ein Narbengewebe, das auf einen Muskel drückte, wurde als Ursache ausgemacht. Dieses wurde im September 2011 in einer Operation in Kopenhagen – der siebente Eingriff insgesamt – entfernt und somit der lange Weg zum Comeback geebnet. Zunächst wurde Andreasen in die zweite Mannschaft eingegliedert, doch seine Leistungen und vor allem jene seiner Teamkollegen ließen nicht unbedingt darauf schließen, dass er jemals wieder Bundesligaluft schnuppern wird können.

Schwache Leistungen bei den Amateuren

In der Regionalliga Nord kam er lediglich auf sechs Einsätze, wurde dabei sogar einmal ausgeschlossen. Während er sich in der Kraftkammer quälte um annährend das Niveau von vor zwei Jahren zu erreichen, eilte sein Klub von Erfolg zu Erfolg. Die Saison 2010/2011 beendete Hannover 96 auf Platz vier, fuhr mit 60 Punkten das beste Ergebnis in der Vereinsgeschichte ein und qualifizierte sich für die Europa League. Auch im Folgejahr schloss das Team von Mirko Slomka an diese Leistungen an. Der Cheftrainer formte eine schlagkräftige Truppe, die mit überfallsartigem Kontern Sympathien und Punkte sammelte. Die Konkurrenz im zentralen Mittelfeld war groß, ein Platz für Andreasen schien daher außer Reichweite. Zudem lief sein Vertrag aus, was manche sogar mit einem Karriereende spekulieren ließ. Diese Ungewissheit, so Andreasen, mache ihn fertig. Während viele Alterskollegen im „besten Fußballeralter“ wichtige Erfahrungen auf dem Platz sammelten zitterte er um die Fortsetzung seiner Laufbahn.

Verein vertraut Andreasen

Viele schrieben den tapferen Kämpfer ab, nur Slomka und Sportdirektor Jörg Schmadtke sahen in ihm noch Potenzial und boten Andreasen einen leistungsbezogenen Einjahresvertrag an – ein Silberstreif am Horizont für den leidgeplagten Dänen. Mit der Sicherheit einer weiteren Chance und dem Willen es allen nochmal beweisen zu wollen absolvierte er die komplette Vorbereitung, ehe er im Richmond Park in Dublin beim Europa-League-Qualispiel gegen St. Patrick’s Athletic unter Sprechchören sein Comeback gab – und was für eines. Bereits in der  sechsten Minute erzielte er das erste Tor beim 3:0-Erfolg seiner Mannschaft. „Es war mein Ziel, den alten Leon wiederzufinden. Aber ich hätte nicht geglaubt, dass es so schnell geht“, sagt Andreasen, der dabei ist seine früheren Leistungen zu übertreffen. In 120 Spielen für Fulham, Mainz 05, Werder Bremen und das dänische Team stehen lediglich zehn Treffer zu buche. Die Hälfte dieser Marke hat Andreasen nun bereits nach sieben Spielen geknackt.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem