In dieser dreiteiligen Serie sollen die dunklen Seiten des Fußballgeschäfts betrachtet werden. Dazu gehören Homophobie und der Umgang mit Menschen, die einfach anders sein... Der Fußball und seine Schattenseiten (1) – Justin Fashanu

In dieser dreiteiligen Serie sollen die dunklen Seiten des Fußballgeschäfts betrachtet werden. Dazu gehören Homophobie und der Umgang mit Menschen, die einfach anders sein wollen oder psychisch an dem Geschäft zerbrechen. Den Anfang macht die Geschichte von Justin Fashanu, der sich als erster und bisher letzter Fußballer zu seiner Homosexualität bekannte.

Ein Outing und seine Folgen

Der Stern von Justin Fashanu geht in einem Spiel seines damaligen Vereins Norwich City gegen den FC Liverpool. Der bullige 18-jährige Stürmer erzielt in diesem Spiel ein wunderbares Tor. Mit dem Rücken zum Tor nimmt er den Ball an, dreht sich um den Verteidiger und drischt den Ball aus 20 Metern unter die Latte. Der Treffer wird später zum Tor des Jahres 1980 in England gewählt.

In der nächsten Saison wechselt Fashanu für eine Million Pfund zum damaligen europäischen Spitzenverein Nottingham Forrest. Es ist die höchste Ablöse, die zu diesem Zeitpunkt jemals in England für einen dunkelhäutigen Spieler bezahlt wurde. Ja, leider wurden solche Dinge zu dieser Zeit noch als „Besonderheit“ notiert.

In Nottingham angekommen, macht ihm die englische Trainer-Legende Brian Clough das Leben zur Hölle. Er kann das junge Talent auf Grund seiner Hautfarbe nicht ausstehen; auch seine distinguierte Art zu Sprechen und seinen Hang zum Luxus widerstreben dem Trainer-Raubein. Es wird noch schlimmer, als Clough zugetragen wird, dass Fashanu in einem  Schwulenclub in Nottingham gesichtet wurde. Der Trainer schmeißt seinen Spieler daraufhin aus dem Kader. Weil der trotz seiner Suspendierung mit der Reservemannschaft trainiert, ruft Clough tatsächlich die Polizei, die Fashanu befiehlt, den Platz umgehend zu verlassen.

Für den gebürtigen Londoner der Anfang eines unsteten Lebens. Ständig wechselt er seinen Wohnort. Mal taucht er in Kanada, dann den USA, dann wieder in England auf. Er sucht neue Herausforderungen bei unterklassigen Vereinen. Vergebens, sein Talent ist aufgrund seiner sexuellen Vorlieben mittlerweile wertlos geworden. Zusätzlich versuchte er sich im Betreiben eines Schwulenclubs und schloss sich gleichzeitig den „Born-again Christians“ an, einer religiösen Fundamentalisten-Gruppe, in deren Namen er predigt und Gott um Vergebung bittet. Ein eindeutiges Zeichen von Selbstverleumdung.

Gleichzeitig tauchte er oft auf Schwulenparties in London, obwohl er genau wusste, dass sich dort Reporter des Boulevards aufhielten. Es schien, also wollte Fashanu die Boulevardpresse herausfordern.

1990, zum Ende seiner Karriere, outete er sich öffentlich. Gegen ein Honorar von 80.000 Pfund veröffentlichte er ausgerechnet in der „Sun“ ein Statement. Doch dahinter steckte Kalkül seitens Fashanu: „Ich dachte, wenn ich mich in der schlimmsten Zeitung oute und dann stark bleibe, gäbe es nichts mehr, was noch zu sagen wäre.“

Die Enthüllungsstory wird zur Serie ausgeschlachtet, und Fashanu gefiel sich immer mehr in seiner neuen Rolle. Er streute Gerüchte, schon mit einem Abgeordneten und anderen Fußballer Affären gehabt zu haben.

Doch seine engsten Freunde und sogar sein Bruder John Fashanu wenden sich von ihm ab. Dieser bot Fashanu sogar nochmals 80.000 Pfund, damit er seine Geschichte zurückzieht. John, ebenfalls Profi-Fußballer, hatte Angst, dass er Aufgrund des Outing seines Bruders ebenfalls für schwul gehalten werden könnte.

Kein Verein will Fashanu mehr unter Vertrag nehmen und so flüchtet er nach Kanada, um dort seinen ständig stärker werdenden Depressionen zu entkommen. Er dachte zu dieser Zeit mehrfach über Selbstmord nach, war aber nach eigener Aussage „zu feige“.

Es dauert drei Jahre, bis Fashanu wieder Erstliga-Fußball spielt. Sein Comeback gibt er ausgerechnet beim schottischen Verein Hearts of Midlothian, dessen Anhänger für ihre Bigotterie und ihren Rassismus bekannt waren. Sogar in den Leserbriefkolumnen der Tageszeitungen hetzten Fans gegen Fashanu. So befürchtete ein „Fan“, dass der Verein sein Geld verschwenden würde, da wegen dem neuen Spieler und seiner sexuellen Ausrichtung nun eigens verschließbare Duschkabinen eingerichtet werden müssten.

Aufgrund dieser Ablehnung sucht Fashanu Bestätigung in der Öffentlichkeit. Sein Drang, im Rampenlicht zu stehen weitet sich zur Manie aus. 1994 verspricht er dem Magazin „The People“ gegen ein Honorar von 300.000 Pfund eine Exklusivstory darüber, dass er mit zwei Abgeordneten ein sexuelles Verhältnis hätte, deren Namen er auch preisgeben wollte. Nach Recherchen des Magazins erwies sich diese Geschichte als pures Hirngespinst Fashanus. Er muss daraufhin seine Aussagen im Fernsehen widerrufen und wird von den Hearts of Midlothian entlassen. Seine Karriere ist damit vorbei.

Vier Jahre später wird Fashanu tot in einer stillgelegten Londoner Werkstattgarage gefunden. Er hat sich mit Hilfe eines Kabels erdrosselt. Ausschlaggebend für den Freitod mit gerade einmal 37 Jahren waren Vergewaltigungsvorwürfe eines 17-jährigen US-Amerikaners gegen Fashanu. Als dieser nach seiner Rückkehr nach London hört, dass er per internationalen Haftbefehl gesucht wird, sieht er wohl keinen anderen Ausweg mehr. In seinem Abschiedsbrief steht: „Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein ist hart […] Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben.“.

Jahre später räumt Brain Clough in seiner Biographie eine Mitschuld an Fashanus Tod ein. Er bedauert, Fashanu nicht geholfen zu haben.

Ral, abseits.at