Im ersten Teil der Serie haben wir uns mit der Regel des Handspiels und  ihrer Umsetzung beschäftigt. In diesem zweiten Teil wird das Foul... Das Regelwerk: Zwischen Theorie und Praxis, Teil 2 –  Hartes Spiel ohne Karten

Im ersten Teil der Serie haben wir uns mit der Regel des Handspiels und  ihrer Umsetzung beschäftigt. In diesem zweiten Teil wird das Foul zum Thema. Wann kann von einem groben Foul gesprochen werden und wie ist es zu ahnden?

Samstagabend im Pappelstadion. Mattersburg läuft vor eigenem Publikum in der Schlussphase des Spiels gegen Rapid einem Rückstand hinterher. Innenverteidiger Nedeljko Malic erobert auf Höhe der Mittellinie geschickt den Ball, legt ihn sich allerdings zu weit vor. Der Rapidler Thomas Prager nützt den Fehler und nimmt den Ball unter Kontrolle, als ihn Malic von der Seite mit gestrecktem Bein attackiert. Prager kann noch ausweichen, hüpft über das Bein des Mattersburgers und fällt dabei zu Boden. Schiedsrichter Rene Eisner pfeift auf Foulspiel. Nedeljko Malic kann das überhaupt nicht fassen, wild gestikuliert er zuerst in Richtung Schiedsrichter, um danach den gerade wieder aufgestandenen Prager zu stoßen. Malic sieht dafür die Gelbe Karte.

Grobes Foul

Malic’ überharte Gangart ist sinnbildlich für Mattersburgs Auftreten. Hat Schiedsrichter Eisner mit seiner gelben Karte auch Recht behalten? Das Regelbuch der FIFA gibt darüber keine genaue Auskunft, es weist lediglich daraufhin, dass ein „grobes Foul“ einen Platzverweis nach sich zieht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) definiert ein solches „grobes Foul“ folgendermaßen:

Ein Spieler begeht ein grobes Foul, wenn er bei laufendem Spiel im Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal in einen Zweikampf einsteigt.

Gefährdet ein Spieler in einem Zweikampf die Gesundheit seines Gegners, ist dies als grobes Foul zu ahnden.

Ein Spieler, der im Kampf um den Ball von vorne, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen in einen Gegenspieler hineinspringt und durch übertriebene Härte die Gesundheit des Gegners gefährdet, begeht ein grobes Foul.“

Übermäßige Härte

Handelt es sich bei diesem diesem Foul tatsächlich um ein grobes? Eindeutig ist das schwer festzustellen, das Foul bleibt, im Gegensatz zum Handspiel, noch eher Interpretationssache des Schiedsrichters. Ersichtlich ist jedenfalls, dass der Mattersburger ohne Chance auf den Ball mit gestrecktem Bein in Pragers Richtung grätscht. Eine solche Grätsche kann gemäß dem Kriterium „übermäßige Harte“ guten Gewissens als „grobes Foul“ interpretiert werden. Und den Umgang mit „groben Fouls“ definiert der DFB, wie die FIFA, mit dem Platzverweis. Demnach hätte man dem Mattersburger getrost die rote Karte zeigen können, und das ganz abgesehen von Malic’ unangemessener Reaktion auf Eisner Pfiff. Sein Foul mag sehr hart ausgefallen sein, brutaler geht es leider doch noch.

Lieber gelbe als rote Karte

München, die Partie zwischen Bayern und Werder Bremen scheint beim Stand von 3-1 entschieden. Und so entscheidet der Frust: An der Mittellinie springt der Bremer Aaron Hunt dem Bayern-Spieler Toni Kroos von vorne mit beiden gestreckten Beinen hinein. Ein Foul der grässlichen Sorte und zudem ein absichtliches. Schiedsrichter Florian Meyer reagiert in dieser Situation angemessen und schickt den frustrierten Hunt vorzeitig zum Duschen. Eine Reaktion, die auch bei weniger brutalen aber durchaus harten Fouls, wie dem von Malic, zu begrüßen wäre. Denn, es ist die Nachsicht gegenüber harten Fouls, die wirklich brutale Fouls an die Tagesordnung bringen. Obwohl die Regel ein hartes Durchgreifen gegenüber harten Fouls verlangt, sieht die Praxis doch etwas anders aus. Das Motto der Schiedsrichter lautet hier nicht selten: Lieber keine Karte als eine gelbe, lieber eine gelbe als eine rote Karte. Man kann es ihnen aber nicht übel nehmen. Häufig werden rote Karten als überhart bezeichnet, Verwarnungen und Feldverweise werden kritischer beäugt als nicht geahndete Vergehen. Ein Beispiel, seit 1998 ist auch das Foul von hinten mit dem Platzverweis zu ahnden. Aber wie oft sieht ein Spieler dafür überhaupt die gelbe Karte?

Akzeptanz des harten Spiels

Ein Dilemma entsteht, Foulspiele werden als strategisches Mittel eingesetzt, um das Spiel des Gegners zu stören und oft ohne dabei auf die Gesundheit des Gegners Rücksicht zu nehmen. Und das wird weitgehend geduldet. Es entsteht der Eindruck, dass eine harte Spielweise keinen Nachteil nach sich zieht. So kommt es, dass sich in den letzten Jahren schwere Verletzungen nach groben Fouls, wie das von Hunt, gehäuft haben. In der österreichischen Bundesliga hat der LASK-Spieler Lukas Kragl bekanntlich den Salzburger Edward Gustafsson schlimm erwischt. Kragl hat das nicht mit Absicht getan, keine Frage, fahrlässig war sein Einsteigen aber allemal. Und seine Fahrlässigkeit ist Ausdruck einer gewissen Akzeptanz des harten Spiels, ein solch brutales Foulspiel die notwendige Folge einer geduldeten harten Gangart.

Arsenal als Warnung

Brutale Fouls bleiben in Österreich die Ausnahme, der Blick nach England zeichnet da schon ein anderes Bild. Häufig werden hier Spieler Opfer übertriebener Härte. Der FC Arsenal kann davon ein Lied singen, in nur vier Jahren hatten drei Spieler des Londoner Klub mit Knochenbrüchen zu kämpfen. Eduardo da Silva, der Arsenal schon verlassen hat, Abou Diaby und Aaron Ramsey mussten ihre schmerzvollen Verletzungen lange auskurieren, um wieder in den Trainingsalltag einsteigen zu können. Hier sollten eigentlich die Alarmglocken schlagen, die Schmerzgrenze ist erreicht. Es braucht eine konsequente und einheitliche Gangart der Schiedsrichter gegenüber der harten Spielweise und eine unmissverständliche Kommunikation dieser Gangart gegenüber Spielern und Öffentlichkeit. Bringen wir die Karten ins Spiel. Bei härteren und wiederholten Fouls ist die gelbe Karte gern gesehen, bei groben Fouls kann auch die rote Karte ruhig etwas lockerer sitzen.

Emanuel Van den Nest, abseits.at

Emanuel Van den Nest