Mitte der letzten Dekade setzten sich die Schweden mit ihrem damals frischgebackenen Superstar Zlatan Ibrahimovic als eines der interessantesten Teams Europas in der öffentlichen... Hinten taktisch klug agieren, vorne auf Ibrahimovic hoffen – das ist der EM-Kader Schwedens!

Mitte der letzten Dekade setzten sich die Schweden mit ihrem damals frischgebackenen Superstar Zlatan Ibrahimovic als eines der interessantesten Teams Europas in der öffentlichen Wahrnehmung fest. Nur wenige Jahre später blieb kaum was davon übrig. Leistungsträger wie Henrik Larsson beendeten ihre Karriere, andere wie Kim Källström oder Christian Wilhelmsson stagnierten. Das größte Problem war jedoch, dass Zlatan Ibrahimovic kurzfristig nicht mehr für die Nationalmannschaft auflaufen wollte und seinen Wert in der schwachen Mannschaft verkannt sah.

Eine Dürrephase entwickelte sich für den WM-Finalisten von 1958, in welcher die Qualifikation für die WM 2010 nicht geschafft wurde. Bei diesem Großereignis wollen die Nordeuropäer aber wieder angreifen. Mit einem besseren Kollektiv und neuem Hunger könnten sie eine Überraschung werden.

Das Aufgebot

Tor: Andreas Isaksson (PSV Eindhoven), Johan Wiland (FC Kopenhagen), Pär Hansson (Helsingborgs IF)
Abwehr: Mikael Antonsson (FC Bologna), Andreas Granqvist ( FC Genua), Olof Mellberg (Olympiakos Piräus), Jonas Olsson (West Bromwich), Martin Olsson (Blackburn Rovers), Behrang Safari (RSC Anderlecht), Mikael Lustig (Celtic Glasgow)
Mittelfeld: Emir Bajrami (FC Twente), Rasmus Elm (AZ Alkmaar), Samuel Holmén (İstanbul BB SK), Kim Källström (Olympique Lyon), Sebastian Larsson (AFC Sunderland), Anders Svensson (IF Elfsborg), Pontus Wernbloom (ZSKA Moskau), Christian Wilhelmsson (Al-Hilal FC)
Sturm: Johan Elmander (Galatasaray Istanbul), Tobias Hysén (IFK Göteborg), Zlatan Ibrahimović (AC Mailand), Markus Rosenberg (Werder Bremen), Ola Toivonen (PSV Eindhoven)

Kein unumstrittener Torwart

Andreas Isaksson vom niederländischen PSV Eindhoven war einst ein Torhüter von internationalem Format. Doch er stagnierte und der erhöhte Fokus auf mitspielende Keeper sorgte dafür, dass er in dieser Saison sogar seinen Stammplatz im Verein verlor. Auf der Linie ist er stark, doch in den modernen Disziplinen – Mitspielen, Abwürfe und Abschläge, das Herauslaufen und Flanken abfangen – ist er maximal solide. Auf internationalem Niveau ist er kein hervorstechender Spieler und es könnte gut sein, dass er bald aus dem Kasten verdrängt wird. Mit Johan Wiland steht ein ebenfalls solider Torhüter als Nummer zwei bereit, wirkliche Klasse verkörpern sie aber ebenso wenig wie Pär Hansson als Nummer drei. Es würde schon einer großen Überraschung gleichkommen, wenn Isaksson an frühere Zeiten herankommt oder von einem formstarken Ersatzmann verdrängt würde.

Die Verteidigung

Den Abwehrchef wird Altstar Olof Mellberg mimen. In jüngeren und schnelleren Jahren lief er als Außenverteidiger auf, jetzt konzentriert er sich auf die rustikalen Aufgaben in der Innenverteidigung. Aufgrund der fehlenden Dynamik müssen die Schweden nun etwas tiefer spielen, sonst werden Mellberg und seinen Kollegen ihre Grenzen klar aufgezeigt. Sein Partner in der Innenverteidigung wird wohl Jonas Olsson sein. Dieser ist technisch etwas stärker und übernimmt mehr Aufgaben im Spielaufbau als Mellberg. Als Linksfuß gibt er seinem Trainer auch die Möglichkeit einer richtigfüßigen Abwehr. Hierbei würde Mellberg natürlich den absichernden Part übernehmen. Als Ersatzspieler stehen Mikael Antonsson und Andreas Granqvist zur Verfügung, zwei Legionäre aus der italienischen Liga. Granqvist ist ein körperlich extrem starker Innenverteidiger, der womöglich sogar als Stammspieler in Betracht kommen könnte. Mit seinen Fähigkeiten im Zweikampf wäre er eine Waffe als Manndecker gegen starke Gegenspieler, falls man mit einer tiefen Abwehrreihe spielt. Antonsson hingegen dürfte der Notnagel für diese drei Akteure darstellen.

Weniger Möglichkeiten hat Schweden auf den defensiven Außenbahnen. Links hat Martin Olsson seinen Platz sicher. Der Akteur von West Bromwich Albion ist sehr athletisch, was ihn für diese Position prädestiniert. Aufgrund seiner Schnelligkeit und Ausdauer agierte er in der Premier League sogar als Außenstürmer, wird in der Nationalmannschaft jedoch in der Viererkette gebracht. Sein Ersatz ist Behrang Safari von Anderlecht, ein ähnlicher Spielertyp mit etwas weniger Qualität. Mikael Lustig auf rechts ist hingegen konkurrenzlos und ist ebenso ein eher offensiver Außenverteidiger. Inwiefern diese Offensivstärke beim Turnier zum Tragen kommt, hängt natürlich auch vom Mut des Trainers ab. Falls Schweden erwartet tief spielt, könnten den eigenen Außenverteidigern unnötige Fesseln auferlegt werden, welche ihre größten Stärken beschneiden.

Die zweite Viererkette

Um die Kompaktheit der Mannschaft und ihre defensive Stabilität zu bewahren, spielt die Doppelsechs defensiv und tief. Sie schalten sich nur sporadisch in die Offensive mit ein, sondern sichern lieber auf den Seiten die aufrückenden Außenspieler des Mittelfelds ab. Dadurch behält man im Zentrum einen dichten Abwehrblock bei, der gegnerische Konter abfangen und die eigenen Vorstöße absichern kann.

Hier wird Kim Källström als Spielgestalter eine zentrale Rolle innehaben. Er soll mit schnellen Pässen das offensive Umschaltspiel initiieren und Spielzüge einleiten sowie den Spielaufbau organisieren. Sein Partner wird ein etwas defensiverer Spieler, entweder der ZSKA-Moskau-Akteur Pontus Wernbloom oder der erfahrene Anders Svensson. Wernbloom ist eher ein Läufer und kampfstarker Akteur, während der 35-jährige Svensson ähnlich wie Mellberg von seiner Abgeklärtheit und Erfahrung lebt. Als Ersatz für diese beiden und Källström dient Samuel Holmen, ein unauffälliger und technisch solider zentraler Mittelfeldspieler.

Auf den Flügeln geht es ebenfalls um defensive Disziplin und in Verbund mit den offensiven Aufgaben natürlich auch um Laufstärke. Emir Bajrami auf links kommt schnell nach vorne und ebenso schnell nach hinten, der Twente-Spieler kann sowohl als Flügelstürmer als auch im Mittelfeld agieren. Seine besondere Stärke sind Flanken in den Strafraum, weswegen auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls ein richtigfüßiger Winger spielt. Sebastian Larsson ist sogar ein gelernter Außenverteidiger und wie gemalt für die laufintensive und defensive Interpretation des Außenspielers. Seine Flanken sind hervorragend und machen ihn auch bei Standards zu einer Gefahrenquelle.

Christian Wilhelmsson, der durch seinen Wechsel nach Saudi-Arabien ein wenig von der Bildfläche verschwand, nachdem er etwa 2006 eine starke WM für die Schweden spielte, macht hierbei den Edeljoker – mit seiner Dynamik und seinem Facettenreichtum kann er in den Schlussminuten bei voller Offensive womöglich noch eine entscheidende Situation einleiten. Der 32-Jährige ist ein Dribbler klassischen Schlages, was ihm wohl den Stammplatz versperrt, ihn als Option auf der Bank aber unabdingbar macht.

Weitere Alternativen sind Rasmus Elm und Ola Toivonen, die jedoch auf dieser Position etwas verschenkt sind. Ihre Spielertypen finden im kompakten 4-4-2 keinen Gebrauch und darum können sie ihre Fähigkeiten nur selten zeigen. Elm könnte aber bei etwas Mut als offensiver Achter in die Mannschaft kommen und ihr mehr Kreativität einhauchen. Elm ist wie Larsson von ruhenden Bällen sehr stark und ein waschechter Spielmacher. Ola Toivonen ist eigentlich ein Stürmer, kommt aber ebenfalls gelegentlich auf der Außenbahn zum Einsatz. Wie Elm ist in der niederländischen Eredivisie tätig, wo er als Mittelstürmer oder als zentraloffensiver Spieler in einem 4-2-3-1 oder 4-4-1-1 aufläuft. Seine Fähigkeiten liegen im Abschluss, seinen Bewegungen in die freien Räume sowie seiner Kopfballstärke.

Das Sturmduo

Toivonens etatmäßige Position als hängender Stürmer gibt es im schwedischen System zwar nicht exakt, aber Superstar Zlatan Ibrahimovic spielt eine ähnliche Rolle. Knapp versetzt hinter Markus Rosenberg sorgt er für eine Mischung aus klassischem Mittelstürmer und verkapptem Spielmacher zwischen den Linien. Er ist die zentrale Figur des Offensivspiels und soll mit seiner Genialität aus Einzelaktionen Tore machen oder seine Mitspieler auf den Flügeln und vor ihm einsetzen. Eine schwere Aufgabe für Ibrakadabra, da er sich aufgrund der numerischen Unterlegenheit seiner Mannschaft oftmals mehreren direkten Gegenspielern ausgesetzt sehen wird. Sein wahrscheinlicherer Vordermann Johan Elmander ist aber ein abschlussstarker Stürmer, der ihm womöglich das Leben erleichtern wird.

Elmander ist groß, schnell und driftet gerne auf die Flügel. Diesen verwaisenden Raum könnte Ibrahimovic nutzen, um sich als vorderster Mittelstürmer zu positionieren und mit Dynamik in den Strafraum zu gehen. Das Flügelspiel könnte die beiden Stürmer und deren Kopfballstärke gut bedienen, mit einer ähnlichen Taktik hatte Griechenland 2004 für eine Überraschung gesorgt. Mit Tobias Hysen und Rosenberg stehen zwei Ersatzspieler für Elmander bereit, die eine ähnliche Spielweise besitzen. Allerdings sind beide körperlich und qualitativ nicht auf dem Niveau Elmanders, welcher mit Ibrahimovic das Sturmduo bilden wird. Der Ersatz für Letzteren dürfte Toivonen sein, was für diesen natürlich ein unüberwindbares Los darstellt.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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