Der SK Sturm Graz holte aus den letzten fünf Ligaspielen nur drei Punkte. Am Dienstag verlor man in der Generali Arena gegen die Wiener... Falsche individualtaktische Entscheidungen – Sturms Probleme auf der rechten Defensivseite gegen Austria Wien

Darko Milanic SK Sturm GrazDer SK Sturm Graz holte aus den letzten fünf Ligaspielen nur drei Punkte. Am Dienstag verlor man in der Generali Arena gegen die Wiener Austria mit 3:2. Alle drei Gegentore fingen sich die Steirer über die rechte Abwehrseite ein. Der Schuldige war daher schnell ausgemacht: Rechtsverteidiger Martin Ehrenreich. Doch die Defensivprobleme gingen über dessen individuelle Fehler hinaus. abseits.at analysiert sie.

 

Während Sky-Experte Walter Schachner Sturms Rechtsverteidiger ein gutes Spiel bescheinigte, fand Sturm-Coach Darko Milanic deutlich kritischere Worte für die Situation. „Ich habe in dieser Saison auf der rechten Position sehr viel gewechselt – von Aleksandar Todorovski über Andreas Hölzl bis zu Martin Ehrenreich, Philipp Hütter und Reinhold Ranftl“, ist der Slowene ratlos. „Ich habe viel probiert, aber nie hat es gestimmt.“ Doch gerade das sollte einen zum Nachdenken anregen, ob die Probleme nicht tiefgründiger Natur sind.

Fehlerhafte Abstimmung bei Kombinationen

In der fünften Minute kam die Wiener Austria das erste Mal gefährlich vor Sturms Tor. Eine Flanke von der linken Seite verfehlten zwei Spieler nur knapp. Bei dieser Aktion sah man das erste große Problem der Grazer: die Abstimmung zwischen den einzelnen Spielern bei schnellen Kombinationen des Gegners. Angesichts des oben erwähnten „Verschleißes“ an Rechtsverteidigern kein allzu großes Wunder.

Die Abwehrformation der Gäste scheint hier im Großen und Ganzen zu passen. Zwar fehlt auf der ballfernen Seite der Flügelspieler, eine Verlagerung scheint aber ohne nicht das Ziel der Austria zu sein bzw. ist sie in dieser Szene direkt kaum zu bewerkstelligen. Was allerdings auffällt ist, dass der nominelle linke Sechser in dieser Situation auf die Seite herausgerückt ist und Patrick Wolf (rot) zunächst richtigerweise dessen Position im Zentrum einnimmt.

Thomas Murg (gelb), der linke Flügelspieler der Austria, ist eingerückt um Platz für den in die Tiefe startenden Florian Mader (blau) zu machen. Hier kommt es nun zum Fehler der Grazer Defensive. Wolf verfolgt den Austrianer nicht, da er vermutlich davon ausgegangen ist, dass Ehrenreich (schwarz) diesen übernehmen würde. Der Rechtsverteidiger geht aber den Pass in die Mitte nach, erreicht ihn jedoch nicht. Mader hat anschließend viel Platz zum Flanken.

Mangelnde Unterstützung aus dem Mittelfeld

Dass Wolf überhaupt erst in die obige Lage gekommen ist, lag daran, dass er erst spät nach hinten kam. Deshalb musste Anel Hadzic nach außen rücken um dem Gegenspieler den Weg zu versperren. Es war dies nicht die einzige Situation, in der der Grazer Abwehr die Unterstützung fehlte.

Hier sieht man erneut, dass die Viererkette im Grunde genommen ordentlich steht. Davor positionieren sich die beiden Sechser eng. Sie könnten zwar prinzipiell weiter vorne stehen, aber aufgrund dessen, dass die Austria mit drei Spielern ins Zentrum vor den Strafraum drängt, ist ihre Position durchaus angemessen. Ehrenreich kann den Ballführenden stellen, allerdings kommt aus dem Rückraum der FAK-Linksverteidiger, ohne entsprechende Deckung des rechten Mittelfeldspielers von Sturm. Über eine ähnliche Kombination wie zuvor kommt die Austria hinter die Abwehr und kann eine gefährliche Flanke anbringen.

Staffelungsprobleme bei Verlagerungen

Dieses Hinterlaufen des Linksverteidigers sah man bei der Wiener Austria sehr oft – vorzugsweise nach Verlagerungen. Markus Suttner kam mit Tempo und konnte dann zügig zum Tor ziehen oder flanken. So entsprang auch der Eckball, der zum zwischenzeitlichen 1:0 führte, einer derartigen Aktion.

Dass die verteidigende Mannschaft, die den Gegner auf einer Seite des Platzes pressen will, auf der anderen in Unterzahl geraten kann, lässt sich nicht vermeiden. Dieses Risiko geht man bewusst ein, um in Ballnähe über lokale Überzahlsituationen den Ball erobern zu können. In dieser Situation war es allerdings so, dass Sturm nicht kollektiv Druck auf den Ball ausübte, aber trotzdem eine einfache Verlagerung zuließ.

Die Austria hat hier keinen Druck bei der Verarbeitung des zweiten Balls. Zwar erkennt man, dass das Vierermittelfeld eng zusammengerückt ist, jedoch haben die Grazer keinen Zugriff. Wolf (rot) müsste etwas tiefer stehen, damit der Passweg nach links für den ballführenden Wiener zu wäre. So kann die Austria entweder einen Kurzpass spielen oder – wie in dieser Szene – auf die linke Seite verlagern, wo Suttner viel Platz hat und einen gefährlichen Schuss abgeben kann.

Austrias Halbraumbesetzung und weitere Kleinigkeiten

Ein weiteres Problem, das weiter oben bereits angerissen wurde, war das Bespielen bzw. Besetzen der Halbräume seitens der Wiener Austria. Vor allem Murg, bei dem man das unter anderem schon gegen Wiener Neustadt sah, schuf so immer wieder Zuordnungskonflikte zwischen Sturms rechten Außenverteidiger, Flügelspieler und Sechser. Eine Szene, in der die Austria zu einer weiteren Flanke von der linken Seite kam, sieht man im nachstehenden Bild.

Murg (gelb) steht im Zwischenlinienraum, horizontal zwischen Flügelspieler und Sechser bzw. Außen- und Innenverteidiger, vertikal zwischen Außenverteidiger und Flügelspieler. Ehrenreich (schwarz) ist sich daher nicht sicher, ob er auf ihn gehen oder Suttner (weiß) übernehmen soll. Wolf (rot) deutet zunächst an, dass er den FAK-Linksverteidiger übernehmen würde, geht dann aber ins Zentrum.

Es war allerdings nicht immer Murg, der in die Halbräume ging, auch Roman Kienast bewegte sich dorthin. Er agiert seit einigen Spielern als Zehner und diente in diesen Zonen in erster Linie als Anspielstation für lange Bälle. Aufgrund seiner körperlichen Vorteile gegenüber der Sturm-Doppelsechs konnte er so zwischen den Linien Bälle prallen lassen bzw. verteilen.

Hinzu kamen in diesem Spiel einige weitere Probleme, aufgrund derer die Austria immer wieder zu Möglichkeiten über die linke Seite kam und Sturms rechte Abwehrseite entblößen konnte, sodass diese in der allgemeinen Nachbetrachtung äußerst schlecht wegkam. Beispielsweise kam Kienast kurz nach dem 1:0 zu einer guten Chancen, nachdem die Grazer Probleme im defensiven Umschaltspiel hatten.

Ehrenreich (schwarz) ist erst auf dem Weg zurück, sein Raum bzw. Gegenspieler müsste eigentlich entweder von Wolf (rot) oder Michael Madl (weiß) übernommen werden. Der Innenverteidiger muss sich aber gleichzeitig auch ins Abwehrzentrum orientieren um seinen Mitspielern Rückendeckung zu geben, da diese dem Austria-Stürmer im Zentrum den Weg zum Tor offen lassen. Da Wolf anschließend nicht zur Seite rausrückt, kommt Kienast (gelb) zum Schuss. Auch in dieser Situation wird sichtbar, dass es weniger offensichtliche, individuelle Fehler wie verlorene Zweikämpfe oder Fehlpässe waren, die der Austria Chancen eröffneten, sondern vielmehr falsche individualtaktische Entscheidungen.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

  • EFF

    5.Dezember.2013 #1 Author

    Meiner Meinung nach ist die Individualtaktik, die Lehre zur Führung des offensiven und defensiven Zweikampfs (1 gegen 1 mit einer Ausnahme 1 gegen 2 / 1 Verteidiger und 2 Angreifer). Wenns um die schlechte Postionierung geht wird meistens von gruppentaktikschen Fehlern gesprochen da man ja im Verbund verteidigt.

    Antworten

    • Axl

      6.Dezember.2013 #2 Author

      „Indi­vi­dual­tak­tik bezeich­net die Menge der indi­vi­du­el­len Ent­schei­dun­gen, in der ein Spie­ler eine Option wählt, ob und wie er einen Zwei­kampf bestrei­tet, wohin er läuft, woran er sich ori­en­tiert, ob er einen Pass spielt oder schießt und wie die moto­ri­sche Aus­füh­rung sei­ner Wahl von­stat­ten gehen soll.“

      Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.