Borussia Mönchengladbachs Traum von der Champions League scheint nach dem Playoff-Hinspiel gegen Dynamo Kiew geplatzt. Obwohl die Deutschen eine mehr als ordentliche Leistung zeigten,... Zu wenig Kreativität im Zentrum – Gladbach unterliegt effektivem Dynamo Kiew 1:3

Borussia Mönchengladbachs Traum von der Champions League scheint nach dem Playoff-Hinspiel gegen Dynamo Kiew geplatzt. Obwohl die Deutschen eine mehr als ordentliche Leistung zeigten, mussten sie sich im eigenen Stadion 1:3 geschlagen geben. Die Ukrainer glänzten mit ihrer Effektivität und nützten individuelle Fehler eiskalt aus. Ring brachte die Gastgeber zwar in Führung, Treffer von Mikhalik und Yarmolenko sowie ein Eigentor von de Jong drehten das Spiel jedoch.

Die Gladbacher dominierten das Geschehen in der ersten halben Stunde, erzielten das verdiente 1:0, hatten Chance auf weitere Tore, ehe ein abgefälschter Weitschuss die Begegnung kippen ließ. Die Heimmannschaft wurde nervöser, die Gäste souveräner. Das 2:1 gab Dynamo schließlich endgültig Sicherheit, während Gladbach sehnsüchtig auf zündende Ideen im Angriffsdrittel wartete.

Neuzugänge prägen Startelf

Die Elf vom Niederrhein präsentierte sich zu Spielbeginn, verglichen mit dem DFB-Pokalspiel bei Alemannia Aachen am Wochenende, nur an einer Position verändert. Anstelle von Herrmann begann Ring auf der rechten offensiven Außenbahn. In der Innenverteidigung spielte neben ÖFB-Legionär Stranzl Neuzugang Dominguez, der jedoch in der Spieleröffnung enttäuschte und meist nur Querpässe spielte. Im defensiven Mittelfeld stand mit Xhaka ein weiterer Neuer – ebenso wie im Sturm mit de Jong, dem jegliche Bindung zu seinen Hinterleuten fehlte.

Auch aufseiten der Kiewer standen drei neue Spieler in der Startelf, die Trainer Yuri Semin übrigens in allen neun Pflichtspielen veränderte: Taiwo links hinten sowie Krancjar und Veloso im Mittelfeldzentrum. Im Tor begann mit Koval die etatmäßige Nummer zwei, da Stammkeeper Shovkovskiy verletzt ist. Die beiden Flügelspieler interpretierten ihre Rolle sehr unterschiedlich. Während Yarmolenko lange die Breite hielt um dann ins Zentrum zu ziehen – Paradebeispiel ist das 2:1 – positionierte sich Ninkovic meist mittig.

Dynamos Zentrale sehr fluid

Generell war Dynamos Ausrichtung im Zentrum sehr interessant. Alle drei Zentralspieler können schnell umschalten und beherrschen den tödlichen Pass in die Tiefe, was Gladbach nach dem Rückstand dazu veranlasste nicht blind nach vorne zu stürmen. Zudem zeigte sich das Trio extrem fluid. Kranjcar, als offensivster Akteur, war der Verbindungsspieler zwischen Solostürmer Brown, neben dem er phasenweise auch zu finden war – vor allem Pressing. Gegen den Ball formten die Ukrainer ein 4-4-1-1, mit einer dichten Zentrale, aus der Veloso immer wieder heraus stürmte um den Ballführenden anzulaufen. Garmash agierte abwartender, konzentrierte sich in erster Linie darauf Xhaka in seiner Wirkung als tiefer Spielermacher einzuschränken. Bei eigenem Ballbesitz stand er hingegen etwas höher um sich als zusätzliche offensive Anspielstation neben Kranjcar anzubieten. Veloso sorgte dann für die Absicherung.

Gladbach zunächst flexibel, dann ideenlos

Auch die Offensive der Fohlen zeigte zu Beginn des Spiels hohe Flexibilität. Mit Rotationen auf den Außenpositionen ließen Ring und Arango nicht zu, dass sich ihre Gegenspieler auf sie einstellen konnten. Arango zog überdies oftmals ins Zentrum, oder lief diagonal hinter die Abwehr, wo er mit hohen Pässen eingesetzt wurde. Sinnbild für die Außenbahnrochen war das 1:0. Arango positionierte sich tief und schlug einen traumhaften Wechselpass auf den hochstehenden Ring, der Danilo Silva austanzte und trocken ins kurze Eck abschloss. Schon letzte Saison konnte man dieses Verhalten sehr oft beobachten, als Arango mit präzisen Diagonalpässen seine ballfernen Kollegen gefährlich einsetzte. Auch die beiden Stürmer bewegten sich viel, wichen auf die Seiten aus und verschoben gut bei Dynamo-Ballbesitz. Der vielzitierte Bruch im Spiel, der mit dem 1:2 einherging, hatte letztlich aber hauptsächlich mit dem schlechten Stellungsspiel bzw. mit der schlechten Abstimmung der Offensivleute zu tun.

4-4-2 statt 4-2-4-0

Gladbachs Spielweise, mit der sie letzte Saison überraschend auf Platz vier stürmten, fußt auf Räume, die entweder vom Gegner angeboten werden oder durch intelligente Läufe selbst geschaffen werden. Ersteres war praktisch nicht gegeben, da Dynamo sehr gut gegen den Ball arbeitete. Die Gäste verschoben sehr kompakt, zogen vorm Strafraum zwei eng aneinander stehende Viererketten auf, die vertikale Schnittstellenpässe beinahe unmöglich machten. Selbstverständlich standen die Gladbacher auch letzte Saison vor einem solchen Problem, konnte da aber mit Reus auf einen sehr agilen und technisch ausgezeichneten Spieler setzen. Im Verbund mit Hanke bildete dieser ein 4-2-4-0, gegen Dynamo Kiew hingegen war das System der Gladbacher jedoch ein klares 4-4-2, was entscheidende Nachteile hatte.

Ungenützte Halbräume

Im Gegensatz zu Reus ließen de Jong und de Camargo die Halbräume zwischen den Linien ungenutzt, lauerten stattdessen auf Verteidigungslinie auf Pässe in die Tiefe. Xhaka, der diese im Grunde genommen spielen kann, konnte diese Zuspiele nicht liefern, da er eine Ebene zu tief stand und Dynamo ihm mit großer Kompaktheit die Schnittstellen zustellte. Einzig Arango suchte in der Schlussphase die Löcher in der Mitte, mehr als semigefährliche Weitschüsse schauten dabei aber nicht heraus. Mit Hanke brachte Favre schließlich jemanden, der die Anlangen für das Erzwingen einer solchen Unordnung mitbringt, diese aber nicht konsequent ausspielen konnte, da kurz nach seiner Einwechslung das 1:3 fiel und sich Gladbach danach etwas hängen ließ.

Fehlende Absicherung beim 1:1

Das außer Acht lassen der Halbräume ist aber auch das einzige, das man dem Bundesligisten aus taktischer Sicht ankreiden kann. Vielmehr waren es individuelle Fehler, die dem Europacup-Rückkehrer das Genick brachen. Fehler, die allerdings mit Sicherheit nicht an jedem Tag und von jeder Mannschaft derartig effizient genützt werden. Dennoch wären diese Fehler leicht vermeidbar gewesen. Beim 0:1 ließ Gladbach, wie auch bei weiteren Eckbällen, den Rückraum vollkommen unbesetzt. Ein Spieler am Sechzehner hätte den, zugegeben schlecht geklärten Ball von Daems leicht wegschlagen oder verarbeiten können. Stattdessen kam Dynamo-Kapitän Mikhalik frei zum Schuss. Dass dieser dann auch noch von Daems abgefälscht wurde, spricht für das Pech, das Gladbach an diesem Tag hatte.

Leichtsinniger Fehlpass beim 1:2

Der belgische Kapitän sah auch beim zweiten Gegentor sehr unglücklich aus, tatsächlich aber machten seine Kollegen im Zentrum den entscheidenden Fehler. Ein ohnehin schon schlampiges Zuspiel von de Jong spielte Xhaka noch schlampiger in dessen Rücken zurück. Auf der linken Außenbahn spekulierten Daems und Arango auf einen Pass in den großen Raum vor ihnen, den Dynamo anbot. Die Kehrseite: Yarmolenko hatte ebenfalls enorm viel Platz. Garmash, der den Fehlpass abfing, schaltete extrem schnell und setzte den Flügelflitzer mit einem perfekt getimten Pass ein. Der Rest ist das typische Verhalten eines falschen Flügels: kurzes Dribbling nach innen, schneller Abschluss ins kurze Eck.

Fußball ist ein „Fehlervermeidungsspiel“

ZDF-Experte Oliver Kahn traf mit seiner Halbzeitanalyse den Nagel auf den Kopf. „Auf diesem Niveau ist Fußball ein Fehlervermeidungsspiel“, so der einstige Welttorhüter. Die Borussia machte aus taktischer Sicht ein anspruchsvolles Spiel, schüchterte den Gegner mit ihrer Kompaktheit vor allem in der ersten Halbzeit ein. Ein einziges Tor, eine kleine Nachlässigkeit ließ die Gladbacher aber schließlich wanken und eine weitere Schlamperei kostete ihnen vermutlich eine viel bessere Ausgangssituation und verlieh Dynamo Stabilität. „Am Anfang standen wir sehr unter Druck. Nach dem Gegentor sind wir etwas nervös geworden, der Ausgleich hat uns dann aber wieder Hoffnung und Selbstvertrauen gebracht“, teilt Semin diese Einschätzung.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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