Als Fan des Hamburger SV kommt man sich wohl vor wie Schauspieler Bill Murray im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Denn seit Jahren... Die Uhr läuft ab

Als Fan des Hamburger SV kommt man sich wohl vor wie Schauspieler Bill Murray im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Denn seit Jahren durchleben die leidgeprüften Anhänger nun schon das immer gleiche Szenario: Vor der Saison glaubt man, es kann ja nur besser werden, ehe diese optimistische Prognose sich als hinfällig erweist und der Verein mal wieder im Chaos versinkt.

Nach dem 0:0 zuhause gegen den direkten Konkurrenten 1. FSV Mainz 05 beträgt der Abstand des Tabellen-17. auf den Relegationsrang bereits sieben Punkte. Bei nur noch neun zu absolvierenden Partien eine echte Herkulesaufgabe. Zumal es nicht wirklich etwas gibt, was den Anhängern Hoffnung machen könnte,  denn selbst gegen zehn Mainzer gelang es dem HSV nicht, ein Tor zu erzielen. Und das obwohl der HSV einen Elfmeter zugesprochen bekam und sich einige gute Chancen erspielte. Endstation war aber stets Mainz` dritter Keeper Florian Müller. Mit gerade einmal 18 erzielten Treffern ist der HSV im Angriff  damit weiterhin das harmloseste Team der Bundesliga.

Ein Problem, dass sich bereits durch die gesamte Saison zieht. Bereits Ex-Trainer Markus Gisdol ist daran gescheitert, seinem Team ein funktionierendes Offensivkonzept zu verpassen. Auch sein Nachfolger Bernd Hollerbach findet auf die Torkrise bislang keine Antwort. Im Gegenteil: Seit seinem Amtsantritt Ende Jänner, hat sich der HSV noch einmal verschlechtert. Bei der Entlassung von Gisdol lag man noch einen Punkt hinter dem Relegationsplatz, unter Hollerbach gab es dagegen noch keinen einzigen Sieg.

Dem Franken kann dabei aber gar kein großer Vorwurf gemacht werden, übernahm er doch eine Mannschaft, die strukturell  äußerst schlecht zusammengestellt ist; eine Konsequenz daraus, dass  in den letzten fünf Jahren neun Trainer und mehrere Sportdirektoren sowie – vorstände am Kader bastelten.

Trotzdem: dass Hollerbach in der neuen Saison noch Trainer sein wird, daran glauben die Wenigsten. Auch Sportvorstand Heribert Bruchhagen und Manager Jens Todt  – beide erste 2016 installiert – stehen nicht erst seit der Wahl des alten/neuen Präsidenten Bernd Hoffman zur Disposition. Auch ihnen ist es nicht gelungen, dem HSV eine funktionierende Struktur zu geben

Wie auch? Der Vorstand und Aufsichtsrat besteht zumeist aus fußballerisch eher ahnungslosen Leuten, die jeweils eine eigene Agenda verfolgen und dabei ihre persönlichen Eitelkeiten in den Vordergrund stellen. Und dann gibt es ja noch Investor Klaus – Michael Kühne, der zwar den Verein mit einigen Finanzspritzen am Leben erhielt, jedoch glaubt, sich dadurch das Recht erkauft zu haben, im Tagesgeschäft mitzumischen. Der Spiegel hatte in einer Reportage Ende des letzten Jahres zudem die Seilschaften zu gewissen Spielerberatern auf, die dem Verein in der Vergangenheit nicht gerade zum Vorteil gereichten. Die Folge: viel Mittelmaß zu überhöhten Gehältern.

Der sportliche Misserfolg der letzten Jahre ist eine direkte Konsequenz aus all diesen Faktoren. Immer wieder versuchten die Verantwortlichen dabei, mit kurzfristigen Hauruck-Aktionen und jeder Menge Flickwerk den einst so ruhmreichen Klub in der ersten Liga zu halten. Denn das war das einzige auf das der sechsmalige deutsche Meister noch stolz sein konnte: die permanente Zugehörigkeit zur Bundesliga seit deren Gründung. Deswegen hat der HSV auch eine Uhr im Stadion angebracht, die die genaue Zeit der Erstligazugehörigkeit erfasst. Was bei Fans der Konkurrenz, gerade wenn es mal wieder schlechte lief, stets eine gewisse Häme hervorrief und auch weiterhin tut. Zudem hegten Verantwortliche wie Fans bei jedem der zahlreichen Neunanfänge der vergangenen Jahre wohl insgeheim die Hoffnung, den HSV irgendwie doch wieder in Richtung alter Größe entwickeln zu können. Dafür nahm man in Kauf, den Verein strukturell zu ruinieren.

In der aktuellen Lage flüchten sich Trainer wie Spieler in Durchhalteparolen. Neuzugang Andre Hahn setzte dem die Krone auf, als er letzte Woche als Grund für seine Hoffnung auf den Klassenerhalt nannte, man sei ja schließlich der HSV. Und tatsächlich: Oft ist es den Hamburgern zuletzt gelungen, dem sicher geglaubten Abstieg noch zu entgehen. Nur, falls die Hoffnung auf eine wunderähnliche Rettung das einzige Konzept der Beteiligten sein sollte, dann verdichten sich die Anzeichen darüber, dass die Zeit in der ersten Bundesliga für den HSV abgelaufen ist.

Auch der harte Kern der HSV-Fans scheint langsam endgültig genug zu haben. Stand die Kurve im Volksparkstadion gerade in den schlechten Zeiten umso stärker hinter ihrem Team, bröckelt der Support zusehends und schlägt wie im Nordderby gegen Werder Bremen am letzten Wochenende – ein Teil der HSV-Anhänger schoss Feuerwerk auf den Platz – eher ins Kontraproduktive um.

Natürlich würde der Verein die Hauptlast der Verantwortung tragen, falls es zum ersten Abstieg der Vereinsgeschichte kommen sollte. Daher muss der HSV mit der Schadenfreude leben, die ihm von vielen Seiten entgegengebracht wird. Dennoch: der Abstieg eines solchen Traditionsvereins, wäre für die Bundesliga ein herber Verlust.

Ral, abseits.at