Mit der Saison 2012/2013 startet der Hamburger SV einen weiteren, neuen Versuch in die Spitze des deutschen Profifußballs vorzustoßen. Vor 25 Jahren gewann der... Mit neuem Konzept ins Spitzenfeld der Bundesliga – das ist der HSV 2012/2013

Mit der Saison 2012/2013 startet der Hamburger SV einen weiteren, neuen Versuch in die Spitze des deutschen Profifußballs vorzustoßen. Vor 25 Jahren gewann der Traditionsverein den letzten nationalen Titel, noch vier Jahre länger wartet er auf den Gewinn der Meisterschale. Auf die anhaltende Erfolgslosigkeit in den letzten Jahren reagierte man immer wieder mit wenig Geduld, wechselte Trainer und Spieler. Auch zur kommenden präsentiert sich die Mannschaft mit einem neuen Gesicht. abseits.at stellt die Neuerungen vor.

Böse Zungen behaupten der HSV sei eines der besten Beispiele dafür wie unglaublich wenig man aus sehr viel Potenzial machen kann und ein erstmaliger Abstieg aus der Bundesliga nicht das schlechteste wäre, was dem Verein passieren könne. In der Tat verfügt man in der Hansestadt über beeindruckende Ressourcen, die zweifelsfrei mehr hergeben als zum Beispiel ein knapp geschaffter Klassenerhalt.

Neustrukturierter Kader

Um einen ähnlich peinlichen Auftritt wie letzte Saison, als man erst am vorletzten Spieltag den Abstieg abwandte, zu vermeiden, krempelten die Verantwortlichen den Kader wieder ordentlich um. Die auslaufenden Verträge altgedienter Akteure wie David Jarolim und Mladen Petric wurden nicht verlängert, da deren Vorstellungen jenseits der geplanten, schlankeren Gehaltsstruktur lagen. Auch den Sturmpartner des Kroaten, Paolo Guerrero, ließ man für kolportierte 3,5 Millionen Euro nach Sao Paulo zu den Corinthians ziehen. Gökhan Töre, einer der wenigen positiven Erscheinungen der letzten Spielzeit, verließ den Klub nach nur einem Jahr wieder und schloss sich Rubin Kasan an. Zumindest in finanzieller Hinsicht war dies ein starker Deal für den HSV, da sich Töres Ex-Klub Chelsea darauf einließ die Ablösesumme auf Basis der Einsätze und einem Weiterkauf zu definieren. Neben der Hälfte der sechs Millionen Euro, die die Hamburger von den Russen kassierten, wanderten also lediglich weitere 220.000 Euro auf das Konto des Champions-League-Siegers. Der Spielraum für potenzielle Neuzugänge war somit durchaus großzügig gegeben, allerdings investierte Sportdirektor Frank Arnesen vergleichsweise wenig. Holte der Däne bei seinem Amtsantritt im letzten Sommer noch acht neue Spieler, sind es dieses Mal bisher lediglich drei.

Aufarbeiten der Fehler

Torhüter Rene Adler und der Österreicher Paul Scharner wechselten ebenso ablösefrei  zu den Rothosen wie Maximilian Beister, der an Fortuna Düsseldorf verliehen war. Lediglich für Artjoms Rudņevs wurden 3,5 Millionen Ablöse fällig. In Hamburg will man nun endlich auch auf den Zug aufspringen, der nach punktuellen Veränderungen und getragen von Kontinuität im Erfolgsbahnhof einfährt. „Wir müssen schauen, dass wir die richtigen Spieler kriegen“, kündigte Trainer Thorsten Fink an. „Wichtig ist, dass sie sportlich und charakterlich zu uns passen, Willen zeigen und nach oben wollen.“ Um ineffektive Star-Einkäufe wie in der Vergangenheit zu vermeiden stellte der Verein zum 125. Jubiläumsjahr außerdem mit dem „HSV-Campus“ ein neues Nachwuchs-Projekt vor. Es drängt sich zwar unweigerlich die Frage auf, warum die Hamburger erst Jahre nach Vereinen wie Borussia Dortmund oder Mainz 05 in die Infrastruktur des Jugendbereichs investieren, unterm Strich landet man aber ohnehin beim „besser spät als nie“-Fazit. Die Bereitschaft die Fehler der Vergangenheit einzuräumen und aufzuarbeiten ist also gegeben und auch in der sportlichen Führungsriege zieht man an einem Strang. „Wir ziehen unsere tolle Aufgabe beim HSV gemeinsam durch und lassen uns nicht auseinanderdividieren“, so Fink über die Arbeit mit Arnesen.

Torflaute in der Offensive

Auf den ersten Blick klingt das Vorhaben der beiden durchaus erfolgsversprechend, allerdings sorgte der HSV auch für deutliche Negativschlagzeilen während der Sommerpause. So lieferten sich Slobodan Rajkovic und Heung-Min Son während eines Trainings eine Schlägerei, im Zuge derer Tolgay Arslan eine Platzwunde erlitt. Der Serbe wurde suspendiert und mittlerweile durch Scharner ersetzt, beim jungen Südkoreaner tut man sich da schon schwerer. Der 20-Jährige gilt als großes Talent und belebte mit seinen Dribblings das Offensivspiel der Hamburger. Dies wird auch in der kommenden Saison vonnöten sein, denn die Stürmer durchlaufen bisher ein Dürreperiode. Beim LIGA total! Cup, der letztes Wochenende in der heimischen Imtech Arena abgehalten wurde, erzielte man als einziges Team kein Tor. Sowohl gegen Borussia Dortmund als auch Bayern München wurde 0:1 verloren. Rudņevs, letzte Saison mit 24 Toren bei Lech Posen polnischer Torschützenkönig, traf lediglich viermal in der Vorbereitung – jedoch nur gegen unterklassige Mannschaften. Dem Letten macht nicht nur die sportliche Situation sondern auch die private Umstellung zu schaffen. „Ich fühle mich hier noch nicht richtig zu Hause“, so der 24-Jährige. Auch Berg, der 2009 als bester Spieler der U21-EM zum HSV kam, wartet noch auf den endgültigen Durchbruch; in 43 Bundesligaspielen erzielte er erst magere fünf Tore.

Mehr Stabilität in der Defensive?

Neben den fehlenden Abschlussqualitäten – nur 35 Tore – waren letzte Saison auch die Defensivleistungen teilweise katastrophal. Blamagen wie die beiden 0:4 gegen Stuttgart und Hoffenheim, das 1:5 beim Rückrundenauftakt gegen Dortmund sowie ein 0:5 in der Allianz Arena schraubten die Gegentoranzahl auf 57 hoch. Für bessere Zahlen sollen nun Adler und Scharner sorgen. Deutschlands einstige Nummer eins will nach einer langen Leidenszeit – 247 Tage fiel Adler wegen Patellasehnenproblemen aus – an seine Glanzzeiten anschließen. Im DFB-Team verlor er seinen Platz an Manuel Neuer, in Leverkusen verdrängte ihn Bernd Leno. Dass der mittlerweile 27-Jährige über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, steht außer Frage, jedoch dürfen Zweifel angebracht werden ob er nach den jüngsten Ereignissen wieder zu alter Stärke findet. Als Schnäppchen dürfte Adler trotz ausfallender Ablösesumme wohl nicht durchgehen. Zuzüglich zu einem, vermutlich saftigem Handgeld, steht er in den nächsten fünf Jahren auf der Gehaltsliste – ein happiges Paket für einen verletzungsanfälligen Schlussmann, zumal Jaroslav Drobny nicht zu den schlechtesten seines Fachs zählt. Der Tscheche patzte zwar einige Male, kostete den Verein vielleicht sogar den einen oder anderen Punkt, wurde aber auch oft von seinen Vorderleuten im Stich gelassen. Dafür, dass sich das nicht wiederholt soll auch ÖFB-Legionär Scharner sorgen. „Groß, kopfballstark, stabil – und mit Routine“, so lauteten die Anforderungen an den neuen Abwehrchef; und Scharner erfüllt sie alle, wie Fink beteuert: „Er ist genau der Typ, den wir gesucht haben.“ Scharner soll daher nicht nur den Kader auffüllen.

Taktische Umstellungen

Mit den personellen Änderungen gehen auch taktische Neuerungen einher. Sowohl im Spiel mit als auch gegen den Ball verspricht sich Fink dadurch eine Weiterentwicklung. Im 4-2-3-1-System wird Kapitän Heiko Westermann, bisher in der Innenverteidigung beheimatet, nun als absichernder Sechser im defensiven Mittelfeld agieren. Die Idee dabei ist, dass so beim Pressing sein Nebenmann vorrücken kann, ebenso wie der Spieler auf der Zehnerposition. Dadurch bildet der HSV bei gegnerischem Ballbesitz ein aggressives 4-1-3-2, mit dem der Gegner energisch angelaufen werden soll. Gegen Barcelona zeigte die Mannschaft bereits brauchbare Ansätze, die sich beim LIGA total! Cup bestätigten. Der BVB kam beispielsweise in der ersten Hälfte kaum zu nennenswerten Torchancen und wurde zu vielen Fehlpässen gedrängt. Auch bei eigenem Spielaufbau darf man vom HSV in der kommenden Saison mit einer Veränderung rechnen. Bildete sich unter Fink bisher immer eine Dreierkette, dürfte künftig diese Absicherung beim Herausspielen entfallen. Die Außenverteidiger positionieren sich hingegen weiter hoch auf. Durch Einrücken der Flügelspieler sowie gegebenenfalls einem aufrückenden Sechser soll in weiterer Folge das Zentrum überladen beziehungsweise der Raum zwischen den Linien des Gegners ausgenützt werden. Dies bedeutet eine hohe spieleröffnende Anforderung an die Innenverteidigung, was auch mit ein Grund gewesen sein dürfte, warum man einen Scharner-Transfer forciert hat.

Kommt noch jemand?

Finks Offensiv-Idee klingt zwar auf dem Papier sehr gut durchdacht, allerdings hapert es noch an der Ausführung. Die Automatismen wirken noch nicht überzeugend, wodurch die Angriffe meist zu Beginn des Angriffsdrittels verpuffen – ein Grund für die oben erwähnte Torflaute der Stürmer. Daher sucht der HSV noch nach einem verbindenden Element im Mittelfeld. Gegen Dortmund spielte zum Beispiel der gelernte Offensivspieler Jacopo Sala im defensiven Mittelfeld neben Westermann, der Weisheit letzter Schluss dürfte das aber nicht sein, zumal dieser die defensiven Aufgaben nicht so gut ausfüllt wie der laufstarke Skjelbred. So könnte es sein, dass die Verantwortlichen noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv werden. Ein möglicher Neuzugang ist Milan Badelj von Dinamo Zagreb. Man habe zwar sowohl mit dem Mittelfeldspieler als auch mit dem Verein eine grundsätzliche Einigkeit erzielt, so Arnesen, allerdings könne man auf den 23-Jährigen voraussichtlich erst im September zurückgreifen. Der Hintergrund: Dinamo will, dass sein Regisseur den kroatischen Meister noch in die Champions League führt. Beunruhigen lässt man sich dadurch beim HSV nicht. „Wir brauchen keine Schnellschüsse“, sagt Fink – ganz ungewöhnlich für den HSV.

axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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