Der SC Freiburg stellt in der deutschen Fußball-Landschaft eine Art Anachronismus dar. Trainer können in Ruhe arbeiten und auch ein Abstieg bedeutet keine existentielle... Kontinuität über alles – Der Freiburger Weg

SC Freiburg - Wappen_abseits.atDer SC Freiburg stellt in der deutschen Fußball-Landschaft eine Art Anachronismus dar. Trainer können in Ruhe arbeiten und auch ein Abstieg bedeutet keine existentielle Bedrohung. Nach einjähriger Abstinenz kehren die Breisgauer zurück in die Beletage. Die Bundesliga kann sich nicht nur auf attraktiven Fußball, sondern auch auf die Kommentare von Trainer Christian Streich freuen.

Saison 1994/95 – Die Geburt des Mythos Freiburg

In einer Liga, in der noch Libero und Manndeckung regierte, nahm Volker Finkes Freiburg die Rolle eines Trendsetters ein. Im Breisgau operierte man bereits mit Viererkette und Raumdeckung. Wie allen Vorreitern stand die damalige deutsche Fußballszene den Freiburgern eher skeptisch gegenüber. Teils reagierte die Öffentlichkeit auch mit Spott: das Image der alternativen Ökos und der intellektuellen Studentenmannschaft wurde fast in jedem Zeitungsartikel über den SC bemüht –  was vor allem an Akademiker  Finke lag.

Doch spätestens nach dem 5:1-Heimsieg gegen die Bayern lachte keiner mehr. Mit attraktivem Offensivfußball erspielten sich die Südbadener deutschlandweit viele Sympathien. Am Ende der Saison stand der SC Freiburg als Aufsteiger sensationell auf Platz 3 und konnte sich so für den UEFA-Pokal qualifizieren. Der Mythos Freiburg war damit geboren.

Kontinuität wird groß geschrieben

Wie besonders der SC Freiburg ist, kann man an der Tatsache ablesen, dass Finke 16 Jahre am Stück im Amt blieb – obwohl die Breisgauer in dieser Zeit drei Mal aus der Bundesliga abstiegen. Viele Vereine aus dieser Zeit sind mittlerweile in der Versenkung verschwunden. Die Freiburger schafften es aber immer wieder, in die Bundesliga zurückzukehren und wurden beispielsweise nie in die Drittklassigkeit durchgereicht. Für einen Verein dieser Größenordnung eine sensationelle Leistung.

Dies liegt vor allem an einer gesunden Portion Freiburger Realismus. Lieber bleibt man für einen längeren Zeitraum in der zweiten Liga, bevor der Aufstieg auf „Teufel komm raus“ erzwungen und damit finanzielle Risiken eingegangen werden. Vernünftiges Wirtschaften ist oberste Maxime im Breisgau. Insbesondere der bereits verstorbene, langjährige Präsident Achim Stocker war, zusammen mit Volker Finke, der ideelle Vater des Freiburger Wegs, der nach dem Credo angelegt ist, immer zu den 25 besten deutschen Vereinen gehören zu wollen. Die zweite Liga ist also immer mit einkalkuliert.

Auch der mehr als unglückliche Abstieg in der Saison 2014/15, sorgte in Südbaden nicht für Angstschweiß und Schnappatmung. An der Position von Trainer Christian Streich bestand sowieso nie der geringste Zweifel. In Freiburg steigt man gemeinsam ab – und auch wieder auf. Streich ist mittlerweile seit Dezember 2011 im Amt.

Der zwangsläufige Aderlass fiel nicht extrem aus und der Verlust von Leistungsträgern wurde mit dem traditionell sehr guten Scouting aufgefangen; so wurde mit Vincenzo Grifo von der TSG Hoffenheim ein Spieler verpflichtet, der sofort zum Leistungsträger avancierte und wohl der beste Spieler der abgelaufenen Zweitliga-Saison war.

Spieler wie Nils Petersen konnten zudem gehalten werden, sodass die Freiburger bereits zu Saisonbeginn ihre Aufstiegsansprüche zementieren konnten. Letztendlich schaffte die Mannschaft mit attraktivem Fußball den souveränen Wiederaufstieg, wozu Petersen 21 Tore beitrug. Der Freiburger Weg stellte sich mal wieder als der Richtige heraus.

Vorreiter im Nachwuchsbereich

Eine kleine Stadt wie Freiburg, stellt für einen Fußballverein generell einen Wettbewerbsnachteil dar. Das große Geld wird nie vorhanden sein; wie also dem Anspruch gerecht werden, dauerhaft zu den 25 besten Mannschaften in Deutschland zu gehören? Im Breisgau hat man sich frühzeitig für den Weg entschieden, seine Spieler einfach selber auszubilden.

Bereits vor 12 Jahren investierte der SC Freiburg in Steine und Beine gleichzeitig, indem er einer der ersten Nachwuchsakademien in Deutschland baute. Die Tageszeitung Die Welt berichtete über die Freiburger Nachwuchsarbeit im September 2013 folgendermaßen:

„Von der U12 an wird in der Fußballschule ausgebildet, für jeden der 130 bis 150 Schüler wird ein individuelles Paket geschnürt. Auf den Unterricht an Freiburger Schulen wird ebenso so viel Wert gelegt wie auf die sportliche Ausbildung – ‚duale Ausbildung‘, nennen sie das.

Zu den Eltern der Kinder besteht ein enger Kontakt. Sie werden von den Lehrern und Trainern permanent über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten, schulisch wie sportlich. Und wer ab 16 den Schritt ins Internat vollzieht, wird von zwei hauptamtlichen Pädagogen begleitet. Einer davon ist Markus Kiefer.

Er sagt: ‚Wir haben es nicht nur mit Kickern, sondern mit jungen Menschen zu tun. Die wenigstens werden einmal in der Bundesliga spielen. Wenn es zwei von ihnen pro Jahrgang in den Profikader schaffen, ist das schon gigantisch. Deshalb ist es wichtig für alle, eine umfassende Ausbildung zu erhalten.‘ Disziplin, Gruppentauglichkeit, Sozialkompetenz und Umgangsformen gehören wie selbstverständlich dazu.“

Diese Methode der Ausbildung hat bis heute bestand und sorgt nicht nur dafür, dass  ehemalige Akademie-Absolventen wie Matthias Ginter mittlerweile zu Nationalspielern heranreifte oder Torhüter Oliver Baumann in Deutschland zu einem der besten seiner Zunft gehört, sondern die Durchlässigkeit vom Jugend- in den Profibereich die Beste im deutschen Profi-Bereich ist.

Nach einer Studie des internationalen Zentrums für Sportstudien in der Schweiz, rangiert der SC Freiburg in diesem Bereich unter den Top-10-Vereinen in Europa. Spitzenreiter ist der FC Barcelona. Die A-und B-Jugend der Freiburger landen zudem regelmäßig im oberen Drittel der Jugend-Bundesligen. Ein Ende des Freiburger Weges ist somit nicht in Sicht – gut für den SC, gut für den deutschen Fußball.