Viele Menschen nehmen sich zu Beginn eines neuen Jahres berühmt berüchtigte „gute Vorsätze“ zu Herzen. Sie wollen aus den Fehlern vergangener Tage gelernt haben... André Villas-Boas – Der hochtalentierte Kurzzeittrainer

Andre Villas-Boas (Tottenham Hotspur)Viele Menschen nehmen sich zu Beginn eines neuen Jahres berühmt berüchtigte „gute Vorsätze“ zu Herzen. Sie wollen aus den Fehlern vergangener Tage gelernt haben und dies allen zeigen. Der portugiesische Trainer André Villas-Boas startet ohne Arbeitsstelle in das neue Jahr. Für ihn unglücklicherweise keine ungewohnte Situation und somit eine Zeit, um Lehren zu ziehen. Wir blicken in diesem Artikel auf seinen bisherigen Werdegang zurück.

Erste Berührungen mit dem Profifußball

Der junge André war früher eigentlich nur ein bloßer Hobbyfußballer mit dem Hang zur Begeisterung für Taktik. Seine Vision war es später einmal Sportjournalist zu werden. Zu diesem Zeitpunkt ist er großer Fan des FC Porto, allerdings kein euphorisch-verblendeter, sondern viel eher ein kritischer. Eines Tages schrieb er dem aktuellen Trainer Portos, Sir Bobby Robson, einen Brief mit taktischen Verbesserungsvorschlägen. Dieser war von jenem sehr beeindruckt, auch vom sehr guten Englisch des damals 21-jährigen Taktikfreaks. Wenig verwunderlich, der Junge hatte durch die Großmutter englische Wurzeln und beherrscht die Sprache bis heute außerordentlich gut. Robson verschaffte Villas-Boas daraufhin verschiedene Praktika und die letztendlich die Möglichkeit, einen Trainerschein zu machen. Auch unterrichtete er seinen damaligen Assistenten José Mourinho vom schier unfassbaren Talent des Jungen. Dieser übernahm zuerst die U19 Portos und später als jüngster Nationaltrainer der Geschichte die Geschicke der Auswahl der britischen Jungferninseln. Beim unprofessionell geführten Verband blieb er letztendlich nur ein Jahr, brachte ihn dennoch strukturell voran.

Zeit unter Mourinho

Denn er bekam ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. José Mourinho, zu diesem Zeitpunkt einer der wenigen Kenner Villas-Boas‘ und mittlerweile selbst Chef-Trainer, bot ihm den Job seines Chef-Scouts bei Jugendliebe Porto an. Er nahm an und wurde alsbald Teil eines sehr erfolgreichen Teams. Er beobachtete Trainingseinheiten und Spiele der Gegner und gab „Mou“ Aufschluss über grundlegende Züge des Spiels. Zudem durfte er Ratschläge zu möglichen Vorgehensweisen innerhalb der vorhandenen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen geben. Das ganze tat er nicht ohne Erfolg, schon 2004 gewannen sie auf Schalke die Champions League. Villas-Boas durfte daraufhin als wichtiges Mitglied des Stabs Mourinhos auch bei seinen weiteren Stationen bei Chelsea und Inter assistieren. Bis er beschloss seinen eigenen Weg zu gehen.

Villas-Boas‘ Zeit als Chef-Trainer in Portugal

Er nahm das Angebot des damaligen Abstiegskandidaten Académica de Coimbra an und führte die junge Mannschaft mit neuer, moderner Marschroute zum sicheren Nichtabstieg. Die Außenverteidiger ungemein offensiv, der Mannschaftsverbund kompakt, das Mittelfeld sehr aggressiv gegen den Ball und durchschlagskräftig mit ihm; so ließ Villas-Boas bei seiner ersten Station agieren. Ein Fingerzeig, wie sich zeigen sollte. In ganz Portugal wurde er als „der neue Mourinho“ gesehen.

Schon im Sommer kam das Angebot seines Vereins, des FC Porto. Er verließ Académica nach nicht einmal einem Jahr und heuerte wieder in seinem Geburtsort an. Dort stand ihm wie auch bei seiner ersten Station eine vergleichsweise junge Mannschaft zur Verfügung, die über Spielertypen nach seinem Wunsch verfügte. Er spielte einen ähnlichen, aufgrund der erhöhten individuellen Qualität noch offensiveren Fußball. Auch kam sein Führungsstil innerhalb dieser beiden Mannschaften sehr gut an. Er zeigte sich sehr kommunikativ und für Rat seitens der Spieler offen, „sein Fußball“ war allerdings damals trotz alldem identifizierbar, wies Alleinstellungsmerkmale auf. Mithilfe der heute großen europäischen „Star“-Spieler wie Falcao, Hulk oder Guarín gelang ihm in seiner ersten Saison bei Porto der Gewinn des Triples aus Europa League, Meisterschaft und Pokal. Nun kannte ihn die ganze Welt, der bisherige Karrierehöhepunkt war erreicht. Von vielerlei Seiten wurde über Interesse verschiedenster Vereine spekuliert. Zuerst schwor er seiner damaligen Mannschaft noch die Treue, doch dann ging ein Angebot des FC Chelsea ein.

Trainerkarriere in England

Der Londoner Renommierklub versuchte seine im vergangenen Jahr aus dem Tritt geratene Luxus-Auswahl wieder in Schwung zu bringen, André sollte dabei behilflich sein. Roman Abramowitsch wünschte sich nichts sehnlicher als ein „blaues Barcelona“ im Westen Londons. Kein Problem für Villas-Boas, dessen FC Porto mit den Katalanen verglichen wurde. Er verzichtete gar auf großzügige Verstärkungen seitens des Milliardärs. Doch sein Erfolg wird sich in überschaubaren Grenzen halten. Schon seine Art kam nicht derart gut an wie bei seinen früheren Stationen. Mit der eher veralteten Mannschaft ging er in ihren Augen sehr viel strikter um als mit denen seiner früheren Stationen, nach und nach stellten sich mehrere, in dem strukturlosen Verein sehr wichtig gewordene, Spielergruppierungen um Lampard oder Drogba gegen den Coach. Auch waren jene Spieler für den angestrebten Spielstil nicht wirklich geeignet, passten viel eher zum reaktiven, in der Premier League vorherrschenden Fußball. Beispielsweise Terry war für eine hohe Abwehrlinie zu langsam, Ivanovic für einen Außenverteidiger zu wenig variantenreich in der Offensive oder Lampard von der Ausdauer her mittlerweile zu schwach für einen dynamischen Pressingspieler wie es in Porto Guarín war. Letzten Endes wurde Villas-Boas im Frühjahr 2012 entlassen.

Viel Pech bei Tottenham Hotspur

Schon im Sommer konnte er bei Tottenham Hotspur anheuern. In puncto Führungsstil tat er sich mit der Nordlondoner Mannschaft, welche wieder deutlich jünger war als die Chelseas, wieder deutlich leichter. Dennoch ist seine Zeit bei den Spurs rückblickend nicht gerade von großem spielerischem Erfolg gekrönt. Er darf insgesamt nahezu eineinhalb Jahre seine Arbeit verrichten, wird dann infolge einer 0:5-Blamage im Heimspiel gegen den FC Liverpool gefeuert. Die erste Saison ist dabei geprägt von einer überragenden individuellen Leistung Gareth Bales, der von Villas-Boas zum Ende hin ins offensive Zentrum versetzt und dort für die Mannschaft noch einmal wichtiger wurde. Doch schon vorher entschied er mit Distanzschüssen, starken Dribblings und schnellen Sprints ganze Spiele für die Nordlondoner. Spielerisch zeigte das Gefüge teilweise gute Ansätze, litt allerdings doch stark unter den Abgängen Modric‘ (Sommer 2012) und Bales. Auch konnte ihr Ex-Trainer Schwächen auf einzelnen Positionen nicht wirklich beheben (kein wirklich guter Linksverteidiger, Dawson ist in der Innenverteidigung eher spielschwach). Die von ihm in diesem Sommer geholten Neuzugänge passen zwar vom Spielertyp her durchaus in seine Muster, zeigten sich allerdings entweder außer Form oder in anderen Disziplinen schwach wieetwa Lamela in puncto Rückwärtsbewegung und Durchsetzungsstärke. Zusammen mit zwei unglücklich hohen Niederlagen gegen Spitzenmannschaften, welche den zarten Ansätzen der Spurs brutale Konterstärke entgegenhielten, ergab sich letzten Endes die Entlassung wie von selbst.

Fazit und Ausblick

Alles in allem ist sie schon jetzt eine bewegte Karriere, die des André Villas-Boas. In Portugal gefeierter Held, in England bis auf weiteres Persona non grata und gescheiterter Reformer. Für seine Zukunft wäre es jetzt wohl wichtig wieder eine passende Mannschaft zu finden. Denn das braucht er ganz eindeutig für seine Arbeit. Eine junge, technisch und athletisch starke Mannschaft sollte es nach seinen Vorlieben dann wohl schon sein. Kokettiert wird Interesse seitens des AC aus Mailand und des FC Porto. Eins wissen wir schon jetzt: Langweilig wird es sobald er wieder auf der Bank sitzt ganz sicher nicht. Ganz egal welche Vorsätze er für dieses neue Jahr 2014 hegt.

Lennart Kühl, abseits.at

Lennart Kühl

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