Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder... Men to (re)watch (1) –  Jack Wilshere

Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im Konjunktiv stecken blieb, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt radikal verändert haben oder sonst außergewöhnlich waren und sind: Sei es, dass sie sich nach dem Fußball für ein völlig anderes Leben entschieden haben, schon während ihre Profizeit nicht dem gängigen Kickerklischee entsprachen oder aus unterschiedlichen Gründen ihr Potenzial nicht ausschöpften. Auf jeden Fall wollen wir über (Ex)-Fußballer reden, die es sich lohnt auf dem Radar zu haben oder diese (wieder) in den Fokus zu rücken. Wir analysieren die Umstände, stellen Fragen und regen zum Nachdenken an. In Teil 1 sprechen wir über Jack Wilshere, der einst das vielversprechendste Mittelfeld-Talent der Insel war, jedoch mittlerweile vereinslos ist…

In jenem Jahr als Barcelona das Triple gewinnen sollte und die beste Klubmannschaft der Welt war, traf man im CL-Achtelfinale auf Arsenal. An diesem Abend machte ein junger Mann das Spiel seines Lebens: Er schnappte sich die Bälle, verteilte sie gut, jagte jeder verlorenen Kugel hinterher, scheute keinen Zweikampf und verkörperte die Hauptschaltzelle im Aufbauspiel. Die Rede ist nicht von Busquets, Xavi oder Iniesta, sondern vom erst 19-jährigen Jack Wilshere. Arsenal gewann – größtenteils dank seiner unglaublichen Performance – mit 2:1 und der Jungspund galt ab diesem Zeitpunkt nicht nur auf der Insel als der kommende Star. Er war noch beinahe ein Teenager und zu schüchtern, um den viereinhalb Jahre älteren Lionel Messi um sein Trikot zu bitten. Cesc Fàbregas griff ihm unter die Arme.

Heute gehört die kalte Londoner Nacht, in der sich Wilshere die Seele aus dem Leib spielte, schon lange der Vergangenheit an. Sie war nicht der Beginn einer großen Karriere, sondern ihr Höhepunkt. Jack Wilshere hat England nicht zu einem Titel geschossen, mit den Gunners kein Champions League-Finale bestritten, nicht das blütenweise Real-Trikot bei seiner Präsentation in die Kameras gehalten oder ist ins Weltteam einberufen worden. Heute fliegt er nicht mehr auf Asien-Tour oder zur Sommervorbereitung nach Österreich, er sitzt nicht einmal mehr in einem Teambus auf dem Weg zum Auswärtsmatch. Sein Sponsorvertrag mit einem amerikanischen Sportartikelhersteller ist schon seit einigen Jahren beendet. Arsenals einstiger Hoffnungsträger ist vereinslos und je mehr Tage und Wochen vergehen, desto größer wird die Chance, dass er seine Karriere im zarten Alter von 30 Jahren beenden wird. Eine Karriere, die anders verlaufen ist, als er und die meisten Fußballfans es erwartet haben.

A normal lad

Der Fußball wurde Jack Wilshere geradezu in die Wiege gelegt: Als sich seine Geburt am Neujahrstag 1992 ankündigte, verfolgte Vater Andy noch mit einem Auge die Niederlage seines Lieblingsvereins West Ham gegen Leeds im TV bis es Zeit war in das Krankenhaus von Stevenage, nördlich von London, aufzubrechen. Dass sein neugeborener Sohn einmal für die Hammers auflaufen sollte, hätte er sich damals nicht träumen lassen und auch die Tatsache, dass dieser Vertragsabschluss für Jack eigentlich ein Abstieg sein würde, wäre damals vermessen zu behaupten gewesen. Doch dazu später mehr.

Als Knirps war Jacks Talent so deutlich, dass die Kinder aus der Nachbarschaft nicht kamen um mit seinem älteren Bruder Tom zu kicken, sondern um mit Jack in einem Team zu spielen. Während einer Begegnung seines Jugendklubs Luton Town entdeckte ihn der Schiedsrichter, der als Scout für Arsenal tätig war. Wilshere war damals erst 9 Jahre alt. Ab diesem Zeitpunkt machte sein als Installateur arbeitender Vater zwei bis dreimal die Woche früher Feierabend, um seinen Jüngsten von ihrem Heimatort Hitchin in die Arsenal Akademie zu chauffieren. „Die ganze Familie hat Abstriche gemacht. Finanziell mussten wir tun, was das Beste für Jack ist und ihn unterstützen.“, erklärte Mutter Kerry später in einem Werbespot als ihr Nesthäkchen bereits Nationalspieler war. Um sein Talent zu fördern spielte Jack meistens ein bis zwei Altersstufen höher, schon als Arsenal-Jugendspieler lenkte er das Spiel und machte Tore wie am Fließband. 2009 folgte mit dem Gewinn des FA Youth Cups der erste große Erfolg: Mit zwei Assists und einem Tor im Finale wurde er außerdem zum Man of the Match gewählt.

Schon zuvor war „Wilsh“ in der Liga für Robin van Persie eingewechselt worden: Mit ernstem Gesicht stolperte er beinahe wie in Zeitlupe auf den Platz und krönte sich so mit 16 Jahren und 256 Tagen zum jüngsten Profi-Spieler der Gunners. Nachdem er auch in der Champions League debütiert und einen Profi-Vertrag unterschrieben hatte, schickte ihn sein Förderer Arsène Wenger zu den Bolton Wanderers, wo er Spielpraxis sammeln sollte. Das klappte wie am Schnürchen: 2010/11 erspielte sich der zentrale Mittelfeldspieler einen Stammplatz in der Arsenal-Elf und wurde auch englischer A‑Nationalspieler. Ein kometenhafter Aufstieg für einen jungen Burschen, der sich mit Torwart Wojciech Szczęsny eine Wohnung teilte. Für Wilshere schien es auch im Privatleben im Fast-Forward-Modus zu laufen, so wurde er im September 2011 mit nur 19 Jahren erstmals Vater. Im Alter von 28 Jahren war er bereits vierfacher Vater.

„Spanische Technik, englisches Herz“, so beschrieb Trainer Wenger den Spielstil seines Schützlings. Wilshere hatte eine wunderbare Ballkontrolle und ein herausragendes Spielverständnis. Er zog die Fäden im Mittelfeld, spielte feine Pässe, suchte Zweikämpfe und hatte den notwendigen Biss – eine seltene Kombination. Außerdem war er vielseitig, spielte in der Zentrale oder am Flügel, agiert gleich gut defensiv wie offensiv. „Win with style“ – teilweise spielte Arsenal mit feiner Klinge und daran war der Jungstar nicht unbeteiligt. Am 28. Mai 2014 machte Jack Wilshere gegen Norwich das wohl schönste Tor seiner Karriere: Er schloss eine „one-touch“-Kombination mit Carzola und Giroud perfekt ab. Vermutlich einer der schönsten Treffer, der auf Zusammenspiel beruht. Das Tor wurde erwartungsgemäß zum PL-Tor des Jahres gewählt.

Des Wilsheres Fluch

Wie sich später herausstellen sollte, wurde seine Art Fußball zu spielen jedoch zu seinem Fluch: Jack führte den Ball eng am Fuß, riskierte viele Dribblings und wurde so zur Zielscheibe für rüde Verteidiger der Premier League. Dazu kamen seine körperliche Konstitution und viel Pech. Bald waren besonders seine Knöchel stark mitgenommen.

In der Retrospektive begann seine Leidenszeit Ende Juli 2011 mit einer Sprunggelenkverletzung. „Ich sollte im Dezember wieder im Training sein.“, verkündete er im Herbst noch, doch nach Problemen am Knöchel und einem Ermüdungsbruch, wurde er schließlich im Frühjahr 2012 am Knie operiert. Am Ende stand er erst nach siebzehn Monaten wieder auf dem Feld, hatte die Olympischen Spiele und die EM verpasst. Sein Comeback war jedoch bombastisch: Am 27. Oktober 2012 feierte er gegen die Queens Park Rangers unter tosendem Applaus seine Rückkehr und blieb den Fans mit seinem ehrgeizigen Auftritt nichts schuldig. Trainer Wenger ließ ihn in dieser Saison bereits ab und an mit der Kapitänsbinde spielen und alle Gunners hofften, dass ihre Lebensversicherung nun ihre Karriere wie geplant fortsetzen würde. Doch im März 2014 zog sich Wilshere einen Haarriss im Fuß zu und wurde erst knapp vor dem gewonnen FA Cup-Finale, indem er 15 Minuten spielte, fit. Die darauffolgende WM in Brasilien war nicht nur für England, sondern auch für Wilshere zu vergessen.

Heute kann man behaupten, dass es danach in der Klub- und Nationalteamkarriere des Feintechnikers nur mehr kurze Momente des Glücks gab. Einen andauernden Spielrythmus erlangte Wilshere nie wieder. So waren bereits die Saisonen 2014/15 und 2015/16 mehr als durchwachsen: Jack fiel wegen diverser Blessuren längere Zeit aus. Negativer Höhepunkt war ein im August 2015 Wadenbeinbruch, der ihn bis in den April keine Einsätze bestreiten ließ. Jahre später erzählte er, diese Verletzung sei zu einem Zeitpunkt gekommen, als sein damals vierjähriger Sohn an chronischen Krampfanfällen gelitten hatte: „Damals habe ich Fußball einfach vergessen.“ Wilshere konzentrierte sich nicht auf seine Reha, sondern auf seine Familie und erklärte später, dass sein Heilungsprozess deswegen so lange gedauert hatte. Seine letzten Erfolge kann man an einer Hand aufzählen: Tor des Jahres 2015 – ein Volleytreffer von außerhalb des Strafraums gegen West Brom -, ein weiterer FA Cup-Sieg mit Arsenal und zwei Tore für die Three Lions im Quali-Spiel gegen Slowenien.

Arsenal verlieh ihn zu Beginn der Saison 2016/17 zum AFC Bournemouth. Im November 2016 erklärte Wenger vor dem Aufeinandertreffen der beiden Teams, er freue sich, dass sein Schützling nun regelmäßig spiele und auf dem Weg sei, das Level zu erreichen, das er verdiene. Doch im April schlug der Verletzungsteufel nach einem Zusammenstoß mit Harry Kane erneut zu: Saisonausfall. Als ein sichtlich gereifter Jack Wilshere seine Zelte nach Ende der Leihe wieder im „Emirates“ aufschlug, waren selbst Hardcore-Fans nicht mehr überzeugt, dass er sich in die Startelf spielen würde. Kaum einer wusste jedoch, dass Wilshere selbst von Arsène Wenger im Vertrauen bereits mitgeteilt worden war, er würde kein neues Vertragsangebot bekommen. Ehrgeizig nahm der Mittelfeldspieler allerdings den Kampf an und spekulierte, dass er dank internationalem Startplatz und vielen Spielen seine Einsatzminuten bekommen würde. Diese Rechnung schien zunächst aufzugehen: Ende des Jahres verkündete „Wilsh“ in einem nachdenklichen Social-Media-Post, wie glücklich er bei den Gunners sei und, dass seine Zeit dort hoffentlich noch lange nicht zu Ende sei. Diese Hoffnung starb wenige Monate später: Arsène Wenger wurde semi-freiwillig nach fast 22 Jahren in die Pension verabschiedet. Unter seinem Nachfolger Unai Emery wurde Wilshere zwar eine Vertragsverlängerung angeboten, doch der Coach teilte ihm mit, dass er mit ihm nur als Ersatzspieler plane. Wilshere war gekränkt, er telefonierte sofort mit seinem Agenten. Das Ziel: Nur weg.

„Ich hätte Arsenal nie verlassen sollen.“

Das seufzte der Spieler Jahre später. Obwohl es für ihn nach siebzehn Jahren beim Kultklub in Islington ein Karriererückschritt war zu West Ham zu wechseln, sah es noch nicht wie das Ende einer einst vielversprechenden Laufbahn aus. Er unterschrieb einen Drei-Jahres-Vertrag bei jenem Klub, den seine Familie liebte. „Ich kann es nicht abwarten anzufangen.“, erzählte er damals. Nach zwei Jahren hatte er aber nur neunzehn Spiele für den aus dem Londoner East End stammenden Kultverein absolviert. Schuld daran waren erneut körperliche Probleme, außerdem benötigten die Hammers nur selten einen kreativen Mittelfeldspieler wie Jack es war. Plötzlich stand er vor dem Nichts: Sein Vertrag wurde einvernehmlich aufgelöst, die Tür zur Nationalmannschaft war schon seit der Nicht-Nominierung für die WM 2018 zu.

Wilshere fand keinen Verein, trainierte individuell. Verzweifelt rief er um die Weihnachtszeit bei seinem alten Trainer in Bournemouth an und wurde eingeladen mit dem Team zu trainieren. Nach vier Wochen erhielt er einen Vertrag bis Saisonende. Es sollte jedoch nur eine kurzfristige Lösung sein: Jack verhandelte zwar mit den Cherries über ein weiteres Engagement, ein Abschluss konnte aber nicht erzielt werden. Er befand sich erneut auf Klubsuche, wurde mit den Rangers in Verbindung gebracht und hoffte auf ein Angebot aus der MLS. Im September trainierte er bei Como 1907 mit und hoffte auf einen Neuanfang in Italien. Demütig räumte er ein, eine gute Karriere in England gehabt zu haben – alles eine Frage der Perspektive. Doch auch der Serie-B-Klub nahm von einer Verpflichtung des mittlerweile 29-jährigen Abstand.

Mehrere Wochen später trauten viele ihren Augen nicht, als Wilshere in Arsenal-Trainingskleidung über den Platz sprintete. Unter seinem Ex-Kollegen Mikel Arteta trainiert „Wilsh“ seither bei der Kampfmannschaft mit und begann die U-18 der Gunners mitzucoachen. Die Zeichen stehen auf Karriereende. Das Resümee des Spielers: „Es ist hart. Immer wenn ich verletzt war, habe ich nur daran gedacht, wieder fit zu sein und zu spielen. Jetzt bezahle ich einfach den Preis dafür, dass ich so viele Spiele verpasst habe. Vereine informieren sich, wie viele Matches ich gespielt oder Tore ich geschossen habe. In dieser Hinsicht ist meine Statistik aber nicht gut.“, erklärt der 30-jährige. Seine bisherige Verletzungsanfälligkeit, das fortschreitende Alter und die Tatsache, dass ein Kreativspieler wie er seine Qualitäten vorwiegend in einer Mannschaft zeigen kann, die gepflegten Fußball spielt, könnten Gründe für die fehlenden Angebote sein. Außerdem wird ein Ex-Premier-League-Profi nicht um ein Butterbrot spielen wollen, weshalb eine gewisse Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage besteht.

„Wilsh“ hat es wahrlich nicht leicht und war schon mit Ende Zwanzig an einem Punkt in seiner Karriere angelangt, den wohl niemand, der jenes CL-Spiel gegen Barcelona im Februar 2011 verfolgt hat, vorausgesehen hatte. Die Spötter wurden irgendwann immer lauter: Man. United-Legende-Roy Keane nannte Wilshere den überschätztesten Spieler des Planeten. Fans tauften ihn „Mann aus Glas“ oder „Jack Wheelchair“.

Hatte Wilshere wirklich nur Pech? Schon vor sechs Jahren meinte der Spieler bei einer Pressekonferenz der Nationalmannschaft, er könne seine Art zu spielen nicht ändern: „Ich will einfach immer den Ball erobern und dribbeln. Vielleicht kann ich an ein paar Dingen arbeiten, aber so wie Messi oder Iniesta führe ich den Ball einfach knapp am Fuß. Ich werde meinen Spielstil beibehalten.“ Vielleicht hat ihn auch diese Einstellung die Karriere gekostet. Nachdem er zweimal bei Rauchen erwischt wurde, fragwürdige Anti-Tottenham-Gesänge anstimmte, galt Wilshere auch neben dem Platz nie als wirklicher Musterprofi. Wahrscheinlich hat er manchmal die notwendige Ernsthaftigkeit vermissen lassen und zu spät erkannt, dass er nur Mannschaften mit einer gewissen Qualität helfen kann und es daher schwer für ihn wird, sich bei einem „Holzhacker-Team“ für höhere Weihen zu empfehlen. Der Abschied von seinem Kindheitsklub war im Endeffekt das Schlusskapitel einer großen Karriere für den 34-fachen Teamspieler. Aber ist die Reise wirklich zu Ende oder wird Wilshere noch einmal alle überraschen?

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag