Brentford ist ein kleiner Stadtteil im Westen Londons. Selbst Neo-BVB-Coach Thomas Tuchel hospitierte beim dort ansässigen Fußballklub, da dort Leute arbeiten, die den Fußball... Wenn Computer die optimale Aufstellungen berechnen – Realität in der zweiten englischen Liga

Statistiken, BilanzenBrentford ist ein kleiner Stadtteil im Westen Londons. Selbst Neo-BVB-Coach Thomas Tuchel hospitierte beim dort ansässigen Fußballklub, da dort Leute arbeiten, die den Fußball mit einer komplett neuen Herangehensweise, die alles Bisherige in den Schatten stellen soll, revolutionieren wollen. Der Strippenzieher hinter diesem eigenwilligen Projekt heißt Matthew Benham und ist noch bei einem zweiten Klub aktiv – und das überaus erfolgreich.

FC Brentford – Ein Hauch von Science Fiction in der Championship

Eigentlich ist der Brentford Football Club bislang nichts wirklich Besonderes auf der großen Fußballbühne. Maximal ein kleiner Verein aus dem Westen Londons, der jahrzehntelang zwischen zweiter und dritter englischer Liga pendelte. Bis sich ein gewisser Matthew Benham um seinen Lieblingsklub annahm und ihn fast von Liga drei im Durchmarsch in die Premier League geführt hätte. Erst Middlesbrough beendete vor wenigen Wochen den Traum des Underdogs – zumindest vorläufig. Mit Konstantin Kerschbaumer ist jetzt übrigens auch ein Österreicher mittendrin statt nur dabei. Der 22jährige Mittelfeldspieler wechselte dieser Tage von Admira Wacker Mödling in die englische Championship.

Doch was ist so besonders dort? Es ist wohl eines der interessantesten Fußballexperimente der heutigen Zeit. Die Aufstellung, die Auswahl der Schützen bei Standardsituationen oder auch jede Entscheidung außerhalb des Rasens wird aufgrund mathematischer Modelle getroffen. Wie bei jedem anderen Klub auch, gibt es Männer mit Positionen, sei es Präsident, Manager oder Trainer. Doch deren subjektive Einschätzung ist in Brentford hintergründig, die gefällten Entscheidungen werden in erster Linie aufgrund von Daten, Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Statistiken getroffen.

Dagegen kann der Klubbesitzer Benham mit der zuletzt immer populärer gewordenen sterilen Datensammelflut bei Fernsehübertragungen wenig anfangen. Eine fahle Auflistung von Zahlen wie Laufleistung, Passgenauigkeit oder Zweikämpfe sagt nämlich – seiner Meinung nach – genau gar nichts über den Inhalt eines Spieles aus. So auch sein Credo: „Daten brauchen jemanden, der sie versteht, sonst beantworten sie nur Fragen, die keiner gestellt hat“. Es geht hier um eine komplexe Kombination aus den verschiedensten Statistiken. Welche das sind ist sein Betriebsgeheimnis, das laufend angepasst und verfeinert wird.

Der Kopf hinter dem Verein

Der Mann hinter dem Projekt „Brentford FC“ ist ein studierter Physiker, den sein Hobby Fußball reich machte. So gründete er 2004 die Sportwettenfirma „Smart Odds“, wo er – wenig überraschend – mit Hilfe von mathematischen Modellen und Vergleichen die Quoten verschiedener Anbieter sezierte und so ein – scheinbar – in Summe todsicheres System des Wettens entwickelte. Mittlerweile arbeiten rund 80 Mitarbeiter für Benham, der in kürzester Zeit zum Multimillionär aufstieg. Auf rund 40-50 verschiedene Ligen wettet seine Firma regelmäßig. Meist vollautomatisch, natürlich immer ganz ohne subjektives Bauchgefühl. Einige osteuropäische Ligen stehen auf der Blacklist, dort wird nicht gezockt. Die österreichische wird von ihm übrigens mit dem Prädikat „schlimm“ tituliert, nur gegenüber der spanischen Primera Divsion ist er von den westeuropäischen Ligen ähnlich misstrauisch, erklärt er in einem Interview mit dem deutschen Fußballmagazin „11 Freunde“. Viele der Wetten gehen natürlich auch daneben, doch bei der Mehrheit der Spiele ist man erfolgreich, weshalb aufgrund der riesigen Anzahl an platzierten Wetten, in Summe ein satter Gewinn entsteht. So sein scheinbar so simples Erfolgsmodell.

Dadurch kann er sich neben „seinem“ FC Brentford auch locker noch einen zweiten Fußballverein leisten: den FC Midtjylland aus Dänemark. Erst vorigen Sommer kaufte er den vor der Pleite stehenden Klub und führte ihn auf Anhieb zur nationalen Meisterschaft. Auf einem riesigen Server laufen sämtliche Parameter zusammen, ein Betreuerteam wertet die Zahlen aus und versucht so den Faktor Zufall weitgehendst zu minimieren. Tatsächlich: ohne große Stars mauserten sich die Dänen in der ersten Saison gleich zum gefährlichsten Standardsituationen-Team in Europa. Im Schnitt wird in jedem Spiel ein Tor aus einem ruhenden Ball erzielt.

Und wenn sich schon alles um Statistiken dreht, hat Benham eine (scheinbar) leicht nachvollziehbare Rechnung aufgestellt. Um wie viel man die Leistung der Mannschaft durch geschicktes Steuern von Wahrscheinlichkeiten erhöhen kann? Laut dem Physiker gleich um satte fünf Prozent. Was ob der Dichte im Profifußball, wo Nuancen und kleinste Unkonzentriertheiten über Sieg oder Niederlage entscheiden können, wohl wahrlich eine ganze Menge wäre.

Das Modell macht neugierig

Zuletzt hospitierte unter anderem Thomas Tuchel in Brentford, ließ sich in die Welt der Zahlen einführen. In einem Interview mit der „Zeit“ zeigte sich der Neo-BVB-Coach von der wissenschaftlichen Sicht der Dinge beeindruckt. Vor allem in Deutschland ist man der Methode des „Zufall-Minimierens“ aufgeschlossen. Nicht erst seit Jens Lehmanns legendärem Elfmeter-Schummelzettel bei der WM 2006 gegen Argentinien, wo er fein säuberlich die Lieblingsecken der gegnerischen Schützen aufgelistet hatte, was ja schon eine Miniversion des Modells in Brentford ist. In England wird das Projekt belächelt, die starke Saison des Aufsteigers wurde als One-Hit-Wonder abgetan. Und der parallel dazu steile Aufstieg vom FC Midjylland wird auf der Insel ohnehin gar nicht wahrgenommen.

Doch einfach kopieren und abkupfern ist auf die Schnelle sowieso unmöglich. Mehrere Jahre forschte der Physiker an seinem Gesamtkunstwerk. Mittlerweile sind eine Schar von Mathematiker und Statistikexperten in London betraut, die Welt am grünen Rasen in Zahlen zu gießen, die dann in einer Box mit Algorithmen und Formeln vermengt werden. Schlussendlich resultieren daraus viele kleine Puzzlesteine für den Spieltag: sei es zum Beispiel die optimalste Positionierung der Spieler bei Eckbällen oder die gefährlichste Schussposition eines bestimmten Spielers. Auf alle Fälle werden daraus Rückschlüsse gewonnen, um den Zufall so weit wie möglich zu minimieren.

Ganz ohne gesunden Menschenverstand wird es auch nicht gehen

Funktionäre die sich auf Bauchentscheidungen verlassen, sind Benham ohnehin ein Graus. Jede Entscheidung muss frei von subjektiven Präferenzen und rein objektiv getroffen werden: also mit Zahlen, Fakten und Daten rational belegbar sein. Eine interessante Herangehensweise, die aber selbst in der Wirtschaft nicht immer ein Patentrezept für Erfolg ist. Ganz ohne den Faktor Mensch oder einer Portion des Hausverstandes wird es wohl auch nicht funktionieren. Dass es in einer Mannschaftssportart wo Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden durch unterschiedlichste Charaktere getroffen werden müssen, die allesamt keine Festplatten voller Entscheidungshilfen implantiert haben, trotzdem bei gleich zwei Vereinen so gut funktionierte, überrascht trotzdem.

Die Meinungen werden bei diesem Thema zwangsläufig weit auseinander gehen. Fakt ist aber, dass solche Methoden immer mehr in den modernen Fußball Einzug halten werden. Wenn man solche Erkenntnisse nutzen und die tägliche Arbeit am Platz einbauen kann, ist sicherlich dadurch ein taktischer Vorteil gegeben. Auf jeden Fall bleibt es spannend, auch in der nächsten Saison immer mal wieder einen Blick in auf die Tabelle der englischen Championship bzw. Dänischen Superliga zu werfen. Können die beiden Benham-Klubs diese Leistung wiederholen, wird dieses Thema vielleicht bald schon noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken.

In den kommenden Tagen analysieren wir übrigens den Transfer von Konstantin Kerschbaumer und verraten euch, welche Statistiken des Österreichers die Brentford-Rechner überzeugten.

Werner Sonnleitner, www.abseits.at

Werner Sonnleitner

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