In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,... Verlorene Weltklassespieler (3) – Luigi „Gigi“ Meroni

Italien FlaggeIn dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: Die Aussage „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren diverser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung an solche Spieler und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Luigi „Gigi“ Meroni

Italien ist bekannt für seine defensive Spielweise und die fast schon absurde Anzahl an herausragenden Verteidigern; insbesondere Innenverteidigern. Von Pietro Vierchowod über Pepe Bergomi und Giacinto Facchetti bis Alessandro Nesta – sie alle sind ganz große Namen ihrer Zunft. Von Paolo Maldini, Gaetano Scirea und Franco Baresi ganz zu schweigen. Bei den Offensivspielern wird man nicht annährend auf so eine große Zahl kommen, insbesondere nicht in den vergangenen Jahren.

Dort gab es zwar mit Alessandro Del Piero, Francesco Totti oder auch Christian Vieri einige Weltklassespieler, aber keine, die zu den besten Spielern aller Zeiten auf ihrer Position gezählt werden. Ähnliches, qualitativ vielleicht sogar etwas schwächer, gab es in den Jahren zuvor. Roberto Bettega, Roberto Donadoni, Alessandro Altobelli, Bruno Conti oder Ciccio Graziani waren zwar allesamt tolle Fußballer, wurden aber in den Jahren nach ihrer Karriere durch bekanntere Namen aus dem Gedächtnis der Leute gelöscht.

Einzig Roberto Baggios und Paolo Rossis Namen werden wohl die Zeiten auf ewig überdauern und zu den ganz Großen gezählt werden; andere, wie zum Beispiel WM-Torschützenkönig Toto Schillaci, Fabrizio Ravanelli, Gianluca Vialli, Pierluigi Casiraghi oder Giuseppe Signori konnten letztlich nie konstant auf allerhöchstem Niveau scheinen.

Diese Differenz zwischen Offensiv- und Defensivspielern liegt aber nicht nur am Fokus auf Defensivspieler. Einerseits stammen viele große Fußballer aus der Vorkriegszeit – Akteure wie der legendäre Pepe Meazza, Mittelstürmer Silvio Piola oder auch die Flügelstürmer Raimundo Orsi und Angelo Schiavio (ersterer gar ein eingebürgerter Argentinier mit italienischen Wurzeln, ein sogenannter „Oriundi“) sorgten für zwei der vier WM-Titel.

Einige andere wie Romeo Menti, Guglielmo Gabetto oder der unglaubliche Valentino Mazzola, der als italienischer Alfredo Di Stefano bezeichnet wurde, starben bei einem Flugzeugabsturz im besten Fußballalter. Ihre Geschichte wird noch einen eigenen Artikel finden – hier geht es um eine andere Tragödie, die Italien eines weiteren Stars beraubte.

Es war womöglich die letzte große „Offensivgeneration“ der Italiener, die 1970 im WM-Finale scheiterte. Mit so großen Fußballern wie Sandro Mazzola, Angelo Domenghini, Gianni Rivera, Roberto Boninsegna und dem Rekordtorschützen Gigi Riva gesegnet, fehlte ihnen eigentlich nur ein weiterer Spieler; Gigi Meroni, der drei Jahre zuvor mit 24 Jahren verstorben war.

Die Geschichte des italienischen George Best

Ein Jahr vor Landsmann Gigi Riva und drei Jahre vor dem Nordiren George Best wurde Luigi „Gigi“ Meroni in Como geboren. Dort durchlief er die Jugend und wechselte später zum AFC Genua. In Genua erzielte er einige Traumtore – insbesondere seine Alleingänge und Dribblings machten ihn teurer und begehrter. Kurz darauf wechselte er zum AC Turin, wo er seine beste Zeit durchlebte.

Er spielte auf dem rechten Flügel und konnte durch seine enorme Schnelligkeit auch auf höchstem Niveau mithalten. Gegen Inter erzielte er beispielsweise ein Lupfertor nach einem Dribbling, womit er eine dreijährige Serie von Heimspielen ohne Niederlage der Mailänder beendete. Der „violette Schmetterling“ hatte einmal mehr zugeschlagen.

Dabei war er nicht nur einer der ganz wenigen Künstler in jener Zeit, als sich der Catenaccio in der Serie A etablierte. Wie sein nordirischer Außenstürmer-Kollege George Best wurde er fast schon auf brutale Weise attackiert. Und wie Europas Fußballer des Jahres von 1968 setzte er sich auf seine eigene Art und Weise zur Wehr.

Beide beschwerten sich selten über die Fouls, wichen ihnen mit Ball am Fuß auf unnachahmliche Weise aus und waren die Meister des Ausweichens von Grätschen im Sprint – einer Kunst, die im modernen Fußball fast schon gänzlich abhanden gekommen ist, einzig Lionel Messi beherrscht sie auf dem Niveau dieser früheren, gejagten und doch nie gefangenen Genies.

Es gab weitere Parallelen zwischen Meroni und Best. Beide hatten einen schlaksigen Körperbau, lange dürre Beine und den dadurch fast einzigartigen Lauf- und Dribbelstil. Sie überzeugten auch durch schnelle Kurzpasskombinationen und waren herausragend im Tunneln ihres Gegenspielers. Desweiteren konnten sie auf beiden Flügel spielen, hatten die Gabe des tödlichen Passes und waren beidbeinig. Beide fielen auch durch Eskapaden abseits des Platzes auf.

Bei Best waren es die Frauen, der Alkohol und seine Exzesse auf Feiern und Festen. Meroni hingegen war nicht ganz so selbstzerstörerisch, dafür aber nochmals eine Stufe exzentrischer. Er kleidete sich auf unübliche Weise, entwarf sogar selbst absolut anachronistische Kleidung und bei einer Gelegenheit führte er sogar ein Hähnchen an der Leine Gassi. Dieses Hähnchen weigerte sich dann aber in einen extra entworfenen Hähnchen-Badeanzug zu schlüpfen, um im Teich von Meronis Heimatstadt zu baden.

Kritik am kommenden Superstar

Dieses exzentrische Verhalten polarisierte – einige hielten ihn für ein Genie, einen Künstler. Noch heute gibt es von ihm gemalte Bilder zu ersteigern. Eines davon gilt sogar als Meisterwerk – ein Bild seiner Freundin ohne Gesicht. Meronis Begründung für die Gesichtslosigkeit: „Sie ist ein Engel. Ich könnte nie ihre Schönheit auf einer Leinwand erfassen.“

Auf der anderen Seite gab es auch Kritik. Im Gegensatz zu Best, dem fünften Beatle, wurde er für seinen Stil kritisiert. Italiens Kultur im Postfaschismus war nach wie vor kritisch gegenüber Neuartigem und vermutete hinter dem Stil Meronis eine symbolische Verbindung zum Kommunismus. Sie war anders als die britische, welche in dieser Zeit die Popkultur der Beatles hegte und pflegte, später auch den Punk gebar.

1963 wurde Meroni mit 20 Jahren zum Nationalteam berufen. Allerdings nur in die B-Auswahlmannschaft, immerhin war man dem Castro-Verschnitt gegenüber skeptisch. Und damit er spielen hätte dürfe, wurde verlangt, dass er sich dafür die Haare schneiden lässt – er lehnte ab. Zwei Jahre später fand das gleiche Theater nochmals statt, hier war es aber die A-Nationalmannschaft, für die er seine Frisur nicht opfern wollte.

Letztlich etablierte er sich dennoch ab 1966 in der Nationalmannschaft, aber bekam immer wieder Probleme. Im 1966er WM-Spiel gegen Nordkorea wurde er nicht eingesetzt, weil er sich einmal mehr geweigert hatte, seine Haare zu schneiden. „Ich hoffe, ich kann auch mit langen Haaren gut spielen“, waren seine Worte. Dafür erhielt er die Gelegenheit aber nicht – Italien spielte ohne ihn und schied blamabel aus. Mit ihm auf dem Platz hätten sie das Überraschungsteam wohl besiegt, wovon manche seiner Mannschaftskameraden überzeugt waren. Am Ende sollte Gigi Meroni, der beste Flügelstürmer der Serie A, nur auf 6 Länderspiele kommen.

1967 hätte er sogar zu Juventus Turin wechseln sollen. Meroni war einverstanden, der Verein ebenfalls. Als Ablöse standen 750 Millionen Lire bereits fest, eine astronomische Summe. Es wären sogar 150 Millionen Lire mehr gewesen, als die Weltrekordablöse aus der gleichen Saison für Havard Nielsen und 100 Millionen Lire mehr, als die nächste Rekordsumme im folgenden Sommer.

Tragischer Tod statt Weltrekord

Doch der Weltrekordtransfer sollte nicht stattfinden. Die Fans des AC Turin weigerten sich. Protestzüge marschierten auf, die Arbeiter der Firma Fiat drohten mit einem Streik. Juventus musste nun ihr Angebot zurückziehen, denn das Geld wäre von Fiat gekommen – der Firma des Klubbesitzers Giovanni Agnelli.

Nur wenige Monate später verunglückte Meroni. Nach einem Sieg gegen Sampdoria wollte er mit einem Teamkollegen feiern. Auf dem Weg zum Restaurant überquerten sie eine Straße, um sich mit ihren Verlobten zu treffen – Cristiana Uderstadt, die gesichtlose Frau.

Die beiden Spieler hatten es eilig und standen mitten auf der Straße, als ein Auto kam. Meroni trat einen Schritt zurück, aus Angst, er würde angefahren werden. Es sollte sein letzter Schritt sein, denn auf der anderen Fahrbahn erwischte ihn ein Auto und schleuderte ihn in die Luft. Daraufhin nahm ihn ein anderes Auto über 50 Meter mit und verletzte ihn letztlich lebensgefährlich.

Diesen Verletzungen sollte er später erliegen. Sein Erbe ist aber weitreichend: In der darauffolgenden Woche gewann Turin durch drei Tore von Nestor Combin mit 4:0 im Derby gegen Juventus. Meronis Teamkollegen widmeten diesen Sieg ihrem verstorbenen Superstar. Daraufhin schändeten die Hooligans der Alten Dame das Grab Meronis; bis heute ein Grund für die Fanfeindschaft der beiden Turiner Mannschaften.

Die Bewunderung für Meroni existiert bis heute. Bei seiner Beerdigung sammelten Gefängnisinsassen für ihn, 20.000 Personen kamen zur Trauerfeier. In München gibt es von italienischen Immigranten noch ein nach ihm benanntes Team, den US Gigi Meroni. An seinem 40-jährigen Todestag wurde ein Monument von ihm eröffnet, die „La stella del Calcio Granata e Nazionale„.

Interessant: Der Fahrer des Autos, welches Meronis Tod verschuldete, war ein 19-jähriger Student und Turin-Fan namens Attilio Romero. Sein Lieblingsspieler war Meroni, er hatte ein Bild von ihm über dem Bett und ihm Todesauto, zuvor war er sogar bei der Partie gewesen und sich sein Idol angesehen.  Dieser Attilio Romero sollte später nochmals eine wichtige Rolle in der Geschichte Turins einnehmen – im Jahre 2000 wurde er zum Präsident des Klubs, dessen größte Idole bis heute die tragischen Helden Meroni und Mazzola sind.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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