Die Roma spielt aktuell eine herausragende Hinrunde in der Serie A. Mit sieben Siegen in sieben Partien liegen sie auf Platz 1 und sind... Videoanalyse: Francesco Tottis Leistung gegen Inter Mailand

AS Roma LogoDie Roma spielt aktuell eine herausragende Hinrunde in der Serie A. Mit sieben Siegen in sieben Partien liegen sie auf Platz 1 und sind auch in anderen Statistiken herausragend. So erhielten sie bislang nur ein einziges Gegentor, erzielten selbst aber 20 – beides Spitzenwert in der Liga. Wichtigster oder zumindest auffälligster Spieler ist nach wie vor Altstar Francesco Totti, der wieder ins Sturmzentrum rückte und dort als hohe spielmachende Neun agiert.

Seine Statistiken zeigen seinen Wert: Neun Scorerpunkte (drei Tore, sechs Vorlagen) in sieben Einsätzen (sechs von Beginn an), eine Passquote von 82% bei über 50 versuchten Pässen pro Spiel und vier vorbereitete Torchancen pro Partie sind herausragend und auch europaweit ganz weit oben anzusiedeln. Darum wollen wir seine genaue Rolle und seine Leistungsstärke mit einer kurzen Analyse seiner Szenen gegen Inter vom 5.10. unter die Lupe nehmen.

Genies werden nicht alt

Schon die ersten beiden Szenen fangen Tottis taktische Rolle und seine noch immer herausragende Spielstärke hervorragend ein. In Szene Eins ist er im Zwischenlinienraum weit auf den Flügeln gegangen und bot sich für einen Pass an; diesen erhält er und kann ihn auch unter Bedrängnis zurückspielen. Spielerisch mag das nicht so auffallend sein, aber alleine seine Positionierung so weit auf dem Flügel zeigt die Variabilität seiner Laufwege. Die nächste Szene ist wiederum spielerisch deutlich beeindruckender.

Nach einer Standardsituation für Inter antizipiert Totti den losen Ball hervorragend (0:09) und bewegt sich zu diesem. Er stoppt sich den Ball unter Bedrängnis und findet sich in einer äußert unangenehmen 3-gegen-1-Situation wieder. Ein Ballverlust wäre hier im Gegenpressing Inters fatal. Bei 0:12 erkannt man die Krux: Geht Totti nach links, läuft er in seinen Mitspieler hinein und kann von zwei Spielern verfolgt werden. Ein Direktpass dorthin wäre möglich, ist aber koordinativ in dieser Szene (und wegen des Sichtfelds) enorm schwer zu bewerkstelligen. Rechts ist der Raum sehr eng – und Totti nutzt das aus.

Zuerst geht er in diesen Raum auf rechts und lockt die drei Gegenspieler dorthin. Dadurch wird die gesamte Mitte frei; Totti zieht den Ball zurück, zieht den Gegenspieler, der am nächsten zum offenen Raum steht, mit und spielt ihn aus, indem er nach hinten in den zuvor befreiten Raum geht. Ein toller Pass nach vorne sorgt für eine Kontermöglichkeit und Raumgewinn. Nicht die einfachste und sicherste Art, das Gegenpressing zu umspielen, aber herausragend, wenn man es kann.

Aus taktischer und spielerischer Sicht gibt es die nächste interessante Szene dann bei 0:37. Totti erhält in einem engen Raum den Ball und spielt ihn schnell auf den Flügel weiter. Wenn man das Bild nun einfriert (0:38), ist schön zu sehen, wie tief Totti eigentlich steht. Die Inter-Abwehrreihe hat vor sich einen offenen und leeren Zwischenlinienraum, sie haben niemanden zu decken. Davor stehen vier Spieler relativ eng auf einer Linie und können keinen Zugriff erzeugen: Totti als hohe spielmachende Neun kreiert Überzahlsituationen und dank seiner technischen Stärke ist er auch in engen Räumen kaum zu pressen. Dadurch bleibt die Roma in Ballbesitz.

Auch in der folgenden Szene muss Inter herausweichen, während Gervinho deutlich höher als Totti steht. Tottis Zurückfallen schiebt Inters Abwehrreihe nach hinten und Gervinho kann im rechten offensiven Halbraum den Ball annehmen, ohne gepresst zu werden. Bei Tottis Tor (0:50) ist es ebenfalls Gervinho, der vor Totti steht und den Ball auf ihn zurückspielt. Dieser schießt aus 16 Metern und trifft nahezu perfekt ins Eck.

Die nächsten Szenen zeigen, wie Tottis Zurückfallen in die Tiefe oder auf die Flügel immer wieder eine Art Raute erzeugt, welche aus dem 4-3-3 entsteht. Gervinho und auch Florenzi gehen in die Spitze, Totti besetzt den Zwischenlinienraum. Wie bei 1:23 zu sehen ist, lässt er sich manchmal sogar auf Höhe der Mittelfeldspieler fallen und verteilt dort Bälle. Seine größte Stärke sind aber schnelle Pässe nach vorne oder Seitenwechsel mit dem Rücken zum Tor. In der Folgeszene gibt es beispielsweise eine solche Aktion, in der er das Spiel dreht, obwohl er in seiner Position und unter Bedrängnis den Pass eigentlich nicht spielen könnte. Roma bleibt dadurch am Ball und bringt Ruhe ins Spiel, da der angespielte Akteur viel Platz hat; eine oft unterschätzte Stärke, ebenso wie seine Fähigkeiten als Nadelspieler, die besonders bei 2:37 zu sehen sind.

Obwohl er weder viel Zeit, noch viel Raum hat, spielt er einen Pass auf überaus akrobatische und kreative Weise. Die Roma kann im Kollektiv in die offenen Räume Inters aufrücken und erzielt das dritte Tor, nachdem Totti schon per Elfmeter das zweite erzielt hatte. Auch bei 2:53 manövriert sich Totti mit enger Ballführung und hoher Intelligenz aus einer unangenehmen Situation heraus.

Ab 3:21 sieht man dann wieder, wieso Gervinho hoch bleibt und Totti sich tiefer positioniert. Er spielt den klassischen Totti-Pass in seinen eigenen Rücken in einen offenen Raum und hätte bei Nicht-Abseits eine gute Chance vorbereitet oder zumindest Raumgewinn erzielt. Die Bewegung des halbrechten Achters und die Zurückhaltung des Rechtsverteidigers zeigen auch, wie solche Aktionen Tottis hervorragend unterstützt und gleichzeitig abgesichert werden.

Weitere spektakuläre Aktionen in der Enge, die für Ballbesitz sorgen, wo ihn jemand anders schon verloren hätte, sind ab 3:53 zu beobachten. Totti bleibt wieder etwas tiefer, stellt eine Art 4-3-3-Raute her und sorgt für eine Anspielstation.

Fazit

Trotz einiger Ballverluste, die man in der Mitte des Videos sehen kann, war es eine hervorragende Partie Tottis, der spielerisch wie taktisch eine Schlüsselrolle bei der Roma einnimmt und diese selbst in hohem Alter (für einen Fußballer zumindest) auf allerhöchstem Niveau erfüllen kann. Er zeigte eine beeindruckende Leistung – die nächsten Spiele werden zeigen, ob er dies auch weiterhin so aufs Spielfeld bringen kann. Die Vorzeichen stehen gut, der Vertrag wurde bereits verlängert. Es könnte noch eine heiße Saison für die Roma werden.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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