Georg Danzer hat Nudisten ein musikalisches Denkmal gesetzt und sich damit in die erste Riege der Austropop-Stars katapultiert. Den Klassiker „Jö, schau“ kennt heute... G’schichterln ums runde Leder (6) – Fußballflitzer: Rebellen oder Spaßvögel?

Georg Danzer hat Nudisten ein musikalisches Denkmal gesetzt und sich damit in die erste Riege der Austropop-Stars katapultiert. Den Klassiker „Jö, schau“ kennt heute jedes österreichische Kind. Der „Nackerte“, der das Café Hawelka im ersten Wiener Gemeindebezirk betritt, kann jedoch nicht mit jenen mutigen Spaßvögeln verglichen werden, die regelmäßig für Spielunterbrechungen sorgen, wenn sie über das Feld „flitzen“.  

Das Verlangen sich in nicht ansprechender Umgebung bis aufs Adam- oder Evakostüm zu entblättern ist schon ein seltsamer Trieb. So manche Flitzer sorgen aber auch in Kleidung für störende Unterbrechungen. Bei beiden Gruppen geht ein solches Geschehen meistens mit übermäßigem Alkoholgenuss Hand in Hand. Das war auch bei Erica Roe so: Die heute 61-jährige Britin war zwar nicht die Erste, die oben ohne ein Fußballfeld erstürmte, dennoch sorgte ihre Aktion im Rugbyspiel England gegen Australien 1982 für derartiges Aufsehen, dass ihre Landsleute kurzfristig vergaßen, dass sie sich gerade im Falklandkrieg befanden.

Globetrotter

„Streaking“ nennt man nacktes Flitzen auf der Insel, ein „Prankster“ ist dagegen ein angezogener Störenfried. Ein prominenter Vertreter der „Streaker“ ist Mark Roberts. Roberts wurde in Hong Kong vom Einsatz einer barbusigen Dame während eines Rugbyspieles inspiriert und beschloss es der Gnädigsten gleichzutun. Feinsäuberlich listet er heute auf seiner Homepage seine „Auftritte“ auf. 2002 lieferte er seine denkwürdigste Flitzer-Performance im Fußball ab: Nur mit karierter Haube sprintete er im CL-Finale zwischen Real Madrid und Bayer Leverkusen aufs Feld und schoss ein Tor. Roberts plante seine Coups sorgfältig. Er beehrte nicht nur Fußballspiele, sondern u.a. auch den London Marathon, die Olympischen Spiele, die French Open und den Wetterbericht. Bald bekam er in sämtlichen englischen Stadien Eintrittsverbot und musste vor wichtigen Auslandsmatches britischer Mannschaften seinen Pass abgeben.

2013 erklärte der Brite nach einem letzten Streich zurücktreten zu wollen. Er enterte fünf Jahre später wie Gott ihn schuf den 1000 Meter-Eisschnellauf-Wettbewerb der Herren bei den Olympischen Winterspielen. Mit einem „Peace & Love“-Schriftzug auf der Brust und einem pinken Röckchen absolvierte er schon leicht ergraut seinen letzten TV-Auftritt. Ab in die Flitzer-Pension?

Die verrückte Welt des Jimmy Jump

„Ich träumte schon als Kind davon, ins Fernsehen zu kommen. Ich habe mich beworben, aber niemand wollte mich. Also musste ich radikaler sein.“, sagt Jaume Marquet alias Jimmy Jump für den Flitzen sein Leben ist. Seit 2002 schmuggelt sich der Barcelona-Fan in Großveranstaltungen. Es begann mit einem Match seines Lieblingsvereins. Er gratulierte später Messi im CL-Finale 2007 mit einem Bussi am Rasen zu seinem Tor und ließ die Welt wissen, dass Tibet nicht China sei, als er 2008 das Semifinale der WM stürmte: „Ich will, dass die Menschen lachen. Und sie sollen nachdenken.“ JJ tanzte auch beim ESC im Hintergrund und störte die Verleihung des Filmpreises Goya. Diese Aktionen sind sein Leben: Der Spanier hat keine Familie, keine anderen Hobbies, kein Geld. Er sitzt auf einem 300.000 Euro-Schuldenberg, den er mit Gelegenheitsjobs abzahlt. Sein Markenzeichen ist seine Barretina, eine rote Haube. Das katalonische Kleidungsstück wird bei Feierlichkeiten getragen. Jump setzte sie schon Messi und dem WM-Pokal auf, wobei letztere Aktion nicht gelang. Zwar hatte er 2016 verkündet, gerne in Russland zu flitzen, doch sein finanzieller Engpass verhinderte eine „Teilnahme“ am Turnier. Der Prankster aus Katalonien nennt als Vorbilder den Maler Salvador Dali und – wie könnte es anders sein? – Mark Roberts.

Ein Herz für Hunde

In der zehnten Minute des DFB-Pokal-Achtefinales lief ein menschlicher Hund aufs Feld. Die 32-jährige Sekretärin Regina Höfner enterte als Dalmatiner verkleidet im November 2004 das Spiel zwischen Bayern München und dem VfB Stuttgart. Sie rannte direkt in die Arme des bayerischen Panthers: „Plötzlich stand ich vor Kahn. Als er die Arme hochriss, dachte ich mir: „Regina, da hängst du dich rein!“

Nachher wusste sie: „Der Olli hat einfach Klasse, er ist ein Mann mit der gewissen Ausstrahlung.“ Ihr tierisches Outfit hatte die Deutsche unter einem Regenmantel verborgen ins Stadion geschmuggelt. Als Begleiterin eines befreundeten Rollstuhlfahrers kam sie bis auf die Tartanbahn. Nach wenigen Spielminuten fasste sie sich ein Herz, schließlich ging es um die gute Sache. Auch wenn Medien später kolportierten, Höfner habe Werbung für Hundefutter gemacht, wollte die junge Frau nur auf Tierleid aufmerksam machen: „Vor allem die Eltern, die ihren Kindern an Weihnachten ein Haustier schenken wollen, sollen sich über die große Verantwortung bewusst sein.“ Gut gebrüllt äh gebellt. Selbstverständlich trat Höfner nach diesem Ereignis nicht mehr als Flitzerin in Erscheinung und auch der Medienrummel um sie und um die gute Sache verpuffte bald.

Der 12. Mann

„Weißt du, wieso die New York Yankees immer gewinnen?“ – „Weil sie Mickey Mantle haben?“ – „Nein, weil der Gegner immer von den verfluchten Nadelstreifentrikots abgelenkt wird.“, so lässt Steven Spielberg einen Dialog in seinem Film „Catch me, if you can“ ablaufen. Logisch: Ein bisschen Kostüm, ein selbstbewusstes Auftreten, Angriff statt Verteidigung sind für eine Täuschung die halbe Miete.

Karl Power, Engländer aus Manchester, hat den Begriff „Zwölfter Mann“ absichtlich missverstanden. Er wurde schlagartig bekannt, als er sich juxhalber aufs Man. United-Teamfoto knapp vor dem Championsleague-Finale 2001 schmuggelte. Der Ex-Boxer hatte sich mittels Presseausweis in die Katakomben des Stadions geschmuggelt, sich rasch umgezogen und war aufs Feld gesprintet. Statur und Haarschnitt passten zu Eric Cantona, der aber seit 4 Jahren Fußballpensionist war. Niemand achtete auf den Witzbold und die Zeitungen überschlugen sich später: „Wer ist dieser Mann?!“

Power hatte Blut geleckt und versuchte sich beim Tennis: Vor einem Wimbledonspiel schlugen er und ein Freund ganz in weiß ein paar Bälle hin und her. Das Publikum johlte bis der Schwindel auffiel. Beim Grand Prix von Silverstone schlich Power in voller Ferrari-Montur aufs Siegertreppchen, ehe ihn ein Security davonzerrte. Seinen letzten Auftritt hatte er 2003 im Old Trafford: Power und drei Freunde stellten vor dem Match gegen Liverpool einen Fehler des damaligen Liverpool-Keepers Dudek nach. Weder Dudek noch die Vereine fanden das lustig: Karl Power bekam lebenslanges Stadionverbot. Seiner Liebe zu United hat das jedoch keinen Abbruch getan: „Ich bereue es nicht. Wir haben es aus Spaß gemacht.“ 2016 erklärte er offiziell, er habe sich zurückgezogen. Vorläufig.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag