Im Austrian Soccer Board, Österreichs größtem Fußballforum, konnten die Fans zuletzt dem österreichischen Nationalspieler Julian Baumgartlinger ihre Fragen stellen. Dieser nahm sich viel Zeit... Julian Baumgartlinger im Fan-Interview: „Mainz ist eine Stadt zum Wohlfühlen“

Julian Baumgartlinger (FSV Mainz 05)Im Austrian Soccer Board, Österreichs größtem Fußballforum, konnten die Fans zuletzt dem österreichischen Nationalspieler Julian Baumgartlinger ihre Fragen stellen. Dieser nahm sich viel Zeit für diese Aktion und beantwortete die Fragen der Benutzer sehr ausführlich.

Flana: Wie würdest du deine lange Verletzungspause während der vorigen Saison im Nachhinein bewerten? Auch wenn es vielleicht blöd und auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, macht es für mich als Außenstehenden den Eindruck, als wärst du körperlich fitter zurückgekommen. Wenn dem so ist, würdest du sagen, dass diese Fitness einer oder ein maßgeblicher Grund für deine derzeitige Form ist? Anders gefragt: Kann so eine (Verletzungs-)Pause für einen Profisportler auch Chance sein, dass man sich durch gezieltes Training, welches während einer Wettkampfphase nicht in diesem Ausmaß möglich ist, in (körperlichen) Bereichen steigert und so sein gesamtes Spiel verbessert? Oder würdest du die oft getätigte Aussage unterschreiben, dass für die Entwicklung lediglich oder zum Großteil Spiele auf Wettkampfniveau von Bedeutung sind?

Julian Baumgartlinger: Hallo Flana, danke für deine ausführliche Frage. Ich habe versucht, während meiner doch sehr langen Reha-Phase, alles so positiv wie möglich anzugehen und wenn ich schon nicht meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann, an anderen Bereichen oder Fähigkeiten zu arbeiten. Das war während der ersten drei Monate, die ich komplett auf Krücken verbracht habe, auch der einzige Weg nicht depressiv zu werden. Im Nachhinein würde ich sagen, ich habe das Optimum aus dieser Zeit herausgeholt, da es, wie du richtig vermutest, während einer normalen Saison und Wettkampfperiode kaum möglich ist, unzählige Extraschichten zu schieben. Somit hat der gezielte und vor allem nachhaltig geplante Aufbau im Kraft-, Ausdauer- und später fußballspezifischen Bereich extrem gut getan. Ob ich fitter als vorher bin, kann man schwer messen, den Tests (Laktat, Sprint, Kraft) zufolge bin ich auf demselben Niveau wie vor meiner Verletzung. Und um den letzten Punkt deiner Frage zu beantworten, bin ich (trotz aller Trainingsmethoden und anderen Optimierungsbereichen wie z.B. Ernährung) der festen Überzeugung, dass regelmäßiger Wettkampf, also volle 90 Minuten auf dem Platz zu stehen und sich auszupowern, der beste Weg ist, sich fit zu fühlen, an seine Leistungsgrenze zu kommen oder dieses Limit noch zu pushen. Denn ein Spielrhythmus in Bundesliga oder Nationalteam, kann durch kein Training der Welt ersetzt oder simuliert werden.

Vöslauer: Hallo Julian, als jemand der dich bereits seit ÖFB-Jugendauswahlauftritten verfolgt (U19-Heim Euro 2007 – damals u.a. bereits mit Marko Arnautovic) möchte ich mal den Hut ziehen welche fantastische und stetige Entwicklung du genommen hast!

Und da die Entwicklung scheinbar weiter voranschreitet meine Frage: Hältst du Mainz derzeit für deine aktuell passende Kragenweite oder spekulierst du bereits in naher Zukunft mit einem Wechsel zu Top-Vereinen? Hast du hier bestimmte Vorlieben was die Länder betrifft (Spanien, Italien, England, Deutschland)?

Für viele warst du gegen Montenegro (neben Marko Arnautovic) der Mann des Spiels. Die Onlineseite vom ORF hat dir dennoch zunächst nur die Einzelbewertungs-Note „Befriedigend“ gegeben. (und immerhin später, scheinbar aufgrund Userkritiken aufgebessert). Lange Rede kurzer Sinn: Liest du manchmal Kritiken (in Deutschland z.B. Kicker) und rollst die Augen über so manchen Journalisten, oder lässt dich das komplett kalt bzw. meidest du die Medien komplett?

Julian Baumgartlinger: Hallo Vöslauer, vielen Dank für dein Lob, es freut mich sehr das zu hören.
Das Thema Vereinswechsel oder mögliche Traumdestinationen ist natürlich immer präsent und speziell durch meine aktuelle Situation, da mein Vertrag am Ende dieser Saison ausläuft, besonders aktuell. Aber ich fühle mich seit meiner ersten Woche hier in Mainz extrem wohl und glaube, dass es kaum ein entspannteres und familiäreres Pflaster in der deutschen Bundesliga gibt. Ob der Verein mir ein Angebot zur Vertragsverlängerung vorlegt, liegt jedoch nicht in meinen Händen. Ich versuche einfach weiterhin gesund zu bleiben, das steht seit einem Jahr an allererster Stelle, versuche mich eben auch ständig weiter zu entwickeln und lasse den Rest auf mich zukommen. Darüber hinaus, habe ich bereits festgestellt, dass es in unserem Beruf sowieso immer anders kommen kann als man denkt, weswegen ich mir über mögliche andere Länder, Städte oder Kontinente keine allzu großen Gedanken mache.

Bewertungen sind eine ganz spezielle Geschichte, deswegen auch eine sehr gute Frage von dir. Ich habe mir relativ schnell in meiner Profi-Laufbahn abgewöhnt, zwanghaft jedes Wort, das über mich geschrieben wird, zu suchen, googlen oder nachzuverfolgen. Trotzdem sehe ich Bewertungen, Kritik oder Artikel über mich, egal ob positiv oder negativ, relativ entspannt. Denn meist bekommt man, ob man will oder nicht immer irgendwas zugetragen. Entweder weil Freunde, Kollegen oder Familie dir sagen wollen, was sie tolles gelesen haben, oder sich auch gerne mal aufregen, was für ein “Blödsinn” geschrieben wurde. Da ich sehr selbstkritisch an meine eigenen Leistungen herantrete und man auch mit der Zeit ein ganz gutes Gefühl für das eigene Spiel entwickelt, ergänze ich das noch mit Rückmeldungen und Analysen meiner Trainer, was am Ende des Tages ein Spiel ganz gut einordnen und bewerten lässt. Aber abschließend sollte ich auch noch erwähnen, dass ich als Fußballprofi auch mit öffentlicher Kritik leben und umgehen lernen muss. Denn so sehr es ein Privileg ist, vor 50.000 Zuschauern für mein Land spielen zu dürfen, ist es ebenso legitim, dass meine Leistung auch bewertet/kritisiert wird. Solange es sachlich und fair bleibt, finde ich das auf jeden Fall in Ordnung.

Adam_F: Hallo Julian, wie lebt es sich in Mainz und wie bringst du die fünfte Jahreszeit, die Fastnacht, dort hinter dich? Voll dabei, soweit es geht, oder doch möglichst fern halten?

Mainz flog in dieser Saison bereits früh aus dem Cup (Chemnitz) und scheiterte in der Europa-League-Quali (Tripolis). Einige prophezeiten euch daher eine schlechte Saison, nun seid ihr aber unglaublich gut dabei und noch ungeschlagen (Anm.: Frage war vor Wolfsburg-Partie). Wie wichtig sind manchmal auch solche Rückschläge für die Entwicklung bzw. Motivation?

Welche Musik hörst du persönlich und was wird in der Kabine so vor dem Match aufgedreht?

Julian Baumgartlinger: Hey Adam, Mainz ist, wie bereits erwähnt, eine Stadt zum Wohlfühlen und da gehört Fastnacht auf jeden Fall dazu! Da ich bis zu meinem Wechsel hierher mit Fasching, Karneval oder eben der Mainzer Fastnacht, kaum etwas zu tun hatte, wollte ich unbedingt dieses Spektakel, das allein am Rosenmontag bis zu 500.000 meist herzliche Fastnachter auf die Straße bringt, kennenlernen. Ich versuche, sofern es der Spielplan hergibt, jedes Jahr etwas Fastnacht mitzufeiern.

Natürlich wäre uns allen lieber gewesen, wenn der Saisonstart erfolgreicher gewesen wäre und wir uns für die Euro-League qualifiziert hätten. Der Pokal hat einfach seine eigenen Gesetze, und das ist in Deutschland tatsächlich nicht nur eine müde Floskel, was aber nicht bedeutet, dass uns diese Niederlage nicht auch extrem gewurmt hat. Ob dies dann nochmal zusätzliche Motivation war, ist schwer zu sagen. Jedoch wussten wir, dass wir trotzdem Qualität in der Mannschaft haben und haben uns auf unsere Stärken, nämlich aggressives Verteidigen und schnelles Kontern nach Balleroberung besinnt und das hat unserem Spiel definitiv mehr Sicherheit gegeben.

Ich höre eigentlich alles Mögliche vor einem Spiel, je nachdem wonach mir gerade der Sinn steht. Mal mehr elektrische Töne, dann auch mal gerne Austro-Pop oder Rock-Klassiker, also wie du siehst, bunt gemischt! Ähnliche verhält es sich mit der Musik in der Kabine, kommt meist auch etwas auf den aktuellen DJ an.

Semmerl: Ein Freund von mir behauptet fest du wärst nach dem Spiel in Irland gemeinsam mit Andi Ivanschitz und Marko Arnautovic in der Temple Bar in Dublin gewesen und er hätte dich dort am WC getroffen . Ansonsten dürftest du, falls das stimmt aber weder uns noch den anderen AUT-Fans groß aufgefallen sein. Da es in unserem Freundeskreis immer wieder angesprochen wird, dass diese Geschichte sicher nicht stimmt, möchte ich nun bitte endgültig Klarheit. Wahrheit oder Märchen?

Julian Baumgartlinger: Servas Semmerl, dein Freund erzählt keinen Blödsinn, ich war tatsächlich in der Temple Bar, habe mich dort nämlich noch mit meinen Eltern nach dem Spiel auf ein klassische irisches Erfrischungsgetränk getroffen. Marko und Andi waren jedoch nicht dabei.

Auf der zweiten Seite unseres Interviews spricht Julian Baumgartlinger über den „Umweg Austria“, frühes Wechseln nach Deutschland und fußballerische Idole.

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Stefan Karger

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