Portugal schießt sich mit einem 3:2 gegen Dänemark wieder zurück ins Aufstiegsrennen – doch wirklich gut bzw. ausgewogen spielten die Portugiesen gegen zum Teil... Portugal ist wieder da! 3:2 gegen Dänemark hält die Türe offen – und täuscht gleichzeitig…

Portugal schießt sich mit einem 3:2 gegen Dänemark wieder zurück ins Aufstiegsrennen – doch wirklich gut bzw. ausgewogen spielten die Portugiesen gegen zum Teil unangenehme Dänen trotzdem nicht. Denn den 2:0-Vorsprung durch Tore von Pepe und Helder Postiga konnten die Nordländer durch zwei Tore von Bendtner völlig überraschend egalisieren. Varela gelang schließlich doch noch der erlösende Siegtreffer.

Portugals Team scheint mit dem klassischen 4-3-3-System nicht wirklich zu Recht zu kommen. Die Zeiten, in denen Deco oder Figo als Spielmacher mit hohem Aktionsradius agierten sind vorbei. Die neuen spielaufbauenden Kräfte heißen Raul Meireles, Miguel Veloso und Joao Moutinho – doch diese Herrschaften kann man mit den Stars von vor zehn Jahren nur schwer vergleichen. Als Resultat dessen zeigte auch Cristiano Ronaldo eine schwache Leistung. Mehr dazu später.

Dänemark: Mehr Ballbesitz, mehr Pässe

Dänemark war interessanterweise weitgehend feldüberlegen, hatte 58% Ballbesitz und spielte insgesamt 477 Pässe. Portugal hingegen kommt nur auf 306 Pässe. Dänemarks häufigster Passspieler war dabei William Kvist mit 75 Abspielen – der passfreudigste Portugiese war Innenverteidiger Bruno Alves mit 40 Pässen, wovon jedoch 12 lange Bälle nach vorne waren (nur 4 kamen an den Mann). Zwar agierten auch die Dänen mit vielen langen Bällen (Kjaer 16, Kvist 11), jedoch konnte man sich das bei der Menge der Ballberührungen eher leisten als die im Passspiel völlig konzeptlosen Portugiesen. Unfassbarer Gipfel der Statistik: Mittelfeldspieler Raul Meireles spielte in 89 Minuten nur 18 Pässe, von denen gerade mal 10 an den Mann kamen. Peinlich…

Dänische Abspielfehler in die Breite

Die Dänen begannen mit einem recht geordneten 4-2-3-1-System, wurden durch die beiden Treffer, die auf die höhere individuelle Klasse der Portugiesen und speziell den spielfreudigen Nani zurückzuführen waren, kalt erwischt. Umso beeindruckender, dass sich Dänemark durch zwei Bendtner-Tore zurückkämpfte. Später unterliefen den Dänen jedoch noch schwerste Abspielfehler in die Breite (Simon Kjaer tat sich dabei besonders negativ hervor) und so kam Portugal doch noch zu Chancen und schließlich dem durchaus verdienten 3:2 durch Silvestre Varela.

Dänisches Mittelfeld lauffreudiger

Dänemark kassierte die Tore wegen der niedrigeren Klasse der Einzelspieler und einiger unnötiger Fehler in Spielaufbau und Umschaltspiel. An der kämpferisch guten Leistung der Dänen gibt es jedoch nichts zu rütteln – nicht nur, dass man Portugal mit Passspiel durchaus beherrschte, die zentralen Mittelfeldspieler der Dänen legten auch größere Distanzen zurück, als die der Portugiesen. Kvist und Eriksen liefen etwa jeweils einen Kilometer mehr als Raul Meireles und Miguel Veloso.

Zwei Grundprobleme bei Portugal

Mit einer Leistung wie dieser wird es Portugal schon gegen ein schwaches Holland sehr schwer haben. Von den möglichen Viertelfinalspielen, wo etwa die spielstarken Russen warten könnten, ganz zu schweigen. Die Probleme der Portugiesen sehen wir aktuell auf zwei Positionen bzw. Positionskomplexen. Das einfachere Problem, das aufgrund des Geschmacks von Trainer Paulo Bento entsteht, ist die Position des Stürmers. Helder Postiga von Real Saragossa sicherte seine Position im Angriff durch sein gut abgeschlossenes Tor zum 2:0 für Portugal. Aber ob der 50-fache Teamspieler auf dieser Position der Weisheit letzter Schluss ist, ist vehement anzuzweifeln.

Helder Postiga keine Hilfe im Aufbauspiel

In den letzten Jahren setzte sich Helder Postiga bei Teams wie Sporting Lissabon, Panathinaikos oder St.Etienne kaum durch, erzielte auch in der vergangenen Saison für Saragossa magere neun Tore in 33 Spielen. Zudem gilt er als unmoderner Stürmer, was auch seine Bilanz gegen Dänemark beweist. In der gesamten Partie spielte er nur acht Pässe – und das ist im modernen Fußball, gerade in einem 4-3-3-System, ein enorm schlechtes Zeichen. Helder Postiga müsste, gerade weil Portugal der Spielmacher fehlt, stärker nach hinten arbeiten, im Aufbauspiel mithelfen. Das tat er jedoch noch nie – und daran wird sich auch bei der EURO 2012 nichts ändern.

Bulligere Alternative als Motor fürs portugiesische Offensivspiel

Alternativen gäbe es trotz portugiesischer Stürmerkrise genug: Hugo Almeida von Besiktas Istanbul wäre mit seinen 190cm ein idealer Prellbock, der auch mal Verteidiger binden und Bälle halten kann. Silvestre Varela zeigte mit seinem Siegtor, dass er ebenfalls das Zeug für einen Platz im portugiesischen Sturm hat und selbst Benfica-Ersatzspieler Nelson Oliveira arbeitet mehr als Helder Postiga. Hier muss Bento seine Sturheit über Bord werfen und handeln – allerdings wird er Helder Postiga nach dessen Treffer nun erst recht nicht aus der ersten Mannschaft nehmen.

Schwacher Ronaldo wegen 4-3-3

Das zweite Problem betrifft das System und speziell die Rolle Cristiano Ronaldos. Von allen Seiten hört man, dass das Teamtrikot ihm nicht „steht“. Die zwei vergebenen Chancen taten ihr Übriges um Ronaldo in der Öffentlichkeit als Team-Flop abzustempeln und sein Selbstvertrauen ein wenig anzukratzen. Doch in Wahrheit sind die schwachen Leistungen Ronaldos ein Resultat des unnatürlichen 4-3-3-Habitats.

Aktivere Mitspieler bei Real Madrid

Wenn man einen Spieler wie Ronaldo hat, muss man alles dafür tun, dass er sich auf dem Feld wohl fühlt. Nani auf der rechten Seite hat weniger Probleme mit der Spielanlage der Portugiesen, weil sein Klub Manchester United über annähernd ähnliche Spielertypen verfügt. Ronaldo kommt jedoch bei Real Madrid in einem 4-2-3-1-System zum Einsatz, in dem er Nebenspieler wie Özil, Di Maria, Xabi Alonso oder Kaka hat. Allesamt große Fußballer, die dem Portugiesen auch entgegenkommen, kurze, schnelle und vor allem gemeinsame Aktionen suchen. Zudem sind auch die Real-Angreifer Benzema und Higuain stärker ins Spiel eingebunden, als Helder Postiga bei Portugal. Das kommt Ronaldo entgegen, so kann er seine ganze Stärke ausspielen. In den beiden Grafiken sieht man typische Aktionen, die im portugiesischen Team passieren, wenn Ronaldo in der Offensive an den Ball kommt – und dann eine ähnliche Situation und das Stellungsspiel der Mitspieler, wenn dasselbe bei Real Madrid geschehen würde!

„Ronaldo, mach!“

In der portugiesischen Nationalmannschaft ist das Konzept ein anderes: „Gebt Ronaldo den Ball, er wird schon etwas Geniales damit anstellen.“ – aber während Ronaldo bei Real von zahlreichen Mitspielern, die das System des aktiven und passiven Flügels verinnerlicht haben, unterstützt wird, wird ihm beim Nationalteam kaum geholfen. Der Stürmer kommt ihm nicht entgegen, Joao Moutinho versucht’s geringfügig, Miguel Veloso zu selten und Raul Meireles gar nicht (er war gegen Dänemark kein einziges Mal am linken Flügel zu finden, was jedoch trotz seiner Position auf der rechten Seite zum Teil notwendig gewesen wäre!)

Der ehemalige Weltfußballer soll’s alleine richten…

Ronaldo ist also fast immer auf Einzelaktionen angewiesen und da kann man auch von einem der besten Fußballer der Welt keine Wunderdinge erwarten. Noch dazu konzentrieren sich die Gegner der Portugiesen stark auf den Superstar von Real Madrid, können seine Hinterleute vernachlässigen, weil sie ohnehin zu wenig im Spiel nach vorne machen. Bei Real Madrid muss man gleich auf fünf, sechs aktive Offensive aufpassen, sonst „klingelt’s“ nun mal schnell…

Ronaldo als Spielmacher wäre die Lösung

Die Lösung für dieses Problem wäre die, dass man Ronaldo in die Mitte zieht. Wieso soll nicht einer der großartigsten Techniker der Welt als Spielmacher der Portugiesen fungieren? Nachdem ein Zweistürmer-System für Portugal nahezu undenkbar ist, würde sich ein 4-2-3-1 mit Ronaldo auf der Zehnerposition anbieten. Paulo Bento wird sich jedoch nach dem Zittersieg gegen Dänemark bestätigt fühlen und nichts an seinem Team verändern…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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