Bei den wenigsten steht Portugal ganz oben auf der Favoritenliste. Teilweise werden sie nicht einmal bei den Geheimfavoriten genannt und das mediale Aufheben fällt... Zu groß für einen Außenseitertipp, zu klein für einen Favoriten – das ist der EM-Kader Portugals!

Bei den wenigsten steht Portugal ganz oben auf der Favoritenliste. Teilweise werden sie nicht einmal bei den Geheimfavoriten genannt und das mediale Aufheben fällt ebenso gering aus. Ob das daran liegt, dass Portugal als die schwächste der großen Fußballnationen gilt? Zu groß für einen Außenseitertipp, zu klein für einen wirklichen Favoriten? Womöglich auch deswegen, weil die Topstars Cristiano Ronaldo und Nani ihre Vereinsleistungen nur selten in der Nationalmannschaft bringen können?

Es könnte jedoch genau dieser mangelnde Druck, die geringen Erwartungen gepaart mit einem endgültigen Durchbruch der Stars auf der großen Nationalmannschaftsbühne für eine Überraschung sorgen. Sie könnten aus dem Schatten der goldenen Generation von Luis Figo treten, welche 2004 in ihrem Karriereherbst bei der damaligen Europameisterschaft vor eigenem Publikum just gegen einen solchen Überraschungskandidaten scheiterte.

Das Aufgebot

Tor: Rui Patricio (Sporting Lissabon), Eduardo (Benfica Lissabon), Beto (CFR Cluj)
Abwehr: Joao Pereira (Sporting Lissabon), Miguel Lopes (SC Braga), Pepe (Real Madrid), Bruno Alves (Zenit St. Petersburg), Rolando (FC Porto), Ricardo Costa (FC Valencia), Fabio Coentrao (Real Madrid)
Mittelfeld: Joao Moutinho (FC Porto), Raul Meireles (Chelsea), Carlos Martins (FC Granada), Miguel Veloso (FC Genua), Ruben Micael (Real Saragossa), Custodio (SC Braga)
Angriff: Cristiano Ronaldo (Real Madrid), Nani (Manchester United), Ricardo Quaresma (Besiktas Istanbul), Silvestre Varela (FC Porto), Hugo Almeida (Besiktas Istanbul), Helder Postiga (Real Saragossa), Nelson Oliveira (Benfica Lissabon)

Kein Superstar im Tor

Mit Rui Patricio wird wohl ein sehr junger Torhüter im Kasten stehen. Der 24-Jährige stammt aus der bekannten Fußballschule Sportings und gehörte bereits mit 18 Jahren zum Kader. 2006 debütierte er und konnte einen Elfmeter halten, was seiner Mannschaft die wichtigen Punkte auswärts gegen Maritimo sicherte. Er galt zu jener Zeit auch deswegen als eines der größten Talente auf seiner Position und könnte in einigen Jahren durchaus internationale Klasse verkörpern. Aktuell besitzt er enorme Stärken bei Reflexen und Elfmetern, was ihn ab den KO-Spielen vielleicht zu einer Waffe machen könnte. Jedoch ist er nicht der konstanteste und gerät bei hohen Flanken oftmals in Schwierigkeiten.

Seine Ersatzmänner machen es kaum besser. Weder Beto noch Eduardo sind klar besser, wobei bei Beto das größte Problem seine geringe Größe von nur 180cm ist. Für einen Torhüter auf höchstem Niveau ist dies problematisch, allerdings dürfte er rein torwarttechnisch sogar der Beste der drei sein. Eduardo ist ein weiterer Elfmeterkiller, wobei Rui Patricio und er ungefähr auf einem Niveau anzusiedeln sind.

Ohne zwei Stars in der Abwehr

Aufgrund disziplinärer Probleme und interner Differenzen fehlen bei Portugal zwei namhafte Spieler. Weder Ricardo Carvalho noch José Bosingwa werden bei dieser Europameisterschaft auf dem Platz stehen, obwohl sie in ihren Vereinen mit dem Ligatitel beziehungsweise dem Champions League Sieg große Erfolge feiern konnten. Ersatz ist jedoch schnell gefunden. Auf rechts wird Joao Pereira auflaufen, der technisch stark, extrem schnell und ausdauernd ist. Mit seiner Offensivstärke soll er Nani hinterlaufen und für diesen Platz schaffen. Dank seiner Ausdauer und Technik kann er defensiv schnell zurückkommen und auch am Kombinationsspiel mit den Mittelfeldspielern teilnehmen. Sein Pendant auf links ist ein bekannter Spieler: Fabio Coentrao, der bei Real zu Saisonbeginn einen schweren Stand hatte, sich aber gegen Ende der Saison durch eine gute Leistung gegen Barcelona profilieren konnte. Bei der WM 2010 galt er sogar als der aufregendste Linksverteidiger des Turniers, da er durch seine Offensivstärke eine spektakuläre Spielweise pflegt. Außerdem ist er ein gelernter Zehner und beherrscht wundervolle Pässe wie starke Dribblings aus dem Effeff.

Wirkliche Ersatzspieler haben die Portugiesen auf dieser Position nur wenige. Miguel Lopes kann auf der rechten Außenbahn einspringen, ist qualitativ jedoch seinem Konkurrenten klar unterlegen. Auf links gibt es keinen solchen Ersatz, man müsste mit einem defensiveren Spielertypus wie Ricardo Costa oder Miguel Veloso vorlieb nehmen. Costa ist wie Rolando primär ein Ersatz für die Innenverteidigung, welche von Pepe und Bruno Alves gebildet wird. Diese beiden sind körperlich sehr stark und konzentrieren sich auf die klassischen Verteidigeraufgaben. Im Defensivkopfballspiel und der Zweikampfführung gelten sie als eines der besten Pärchen dieser Europameisterschaft.

Das spielgestaltende Mittelfeld

Aufgrund des 4-3-3-Systems mit sehr hohen Außenstürmern werden im Zentrum kreative Leute benötigt. Hier werden voraussichtlich Raul Meireles und Joao Moutinho vor Veloso auflaufen. Es mangelt somit an Dynamik, aber eine hohe Passstärke und Kreativität wird von allen drei Spielern gewährleistet. Interessant ist auch, dass alle drei sowohl die Achter- als auch Sechser-Position ausüben können, auf der modernen Interpretation des Zehners aber große Probleme hätten. Sie sind zu langsam und benötigen mehr Raum, um sich effektiv in das Offensivspiel einbinden zu können. Auf höchster internationaler Bühne wird einem diese Zeit jedoch nicht gegeben, was eine Lücke zwischen Stürmern und Mittelfeldspielern provoziert.

Die Ersatzspieler passen aber genau in dieses Schema hinein, beziehungsweise könnten sich aufgrund ihrer Fähigkeiten noch statt Moutinho in die Stammelf spielen. Carlos Martins von Granada aus der spanischen Liga beherrscht hervorragende Pässe und könnte deswegen Moutinho aus der Mannschaft drängen. Bei beiden fehlt es jedoch teilweise an der Konstanz, weswegen hier vermutlich der formstärkere auflaufen wird. Eine weitere Alternative könnte Ruben Micael darstellen, der ein offensiverer Spieler wäre. Im Gegensatz zu seinen Kollegen besitzt er die Fähigkeiten, eine moderne Zehn zu spielen und im letzten Spielfelddrittel als Ballverteiler zu fungieren.

Die geringsten Chancen auf einen Stammplatz dürfte Custodio haben, der klar im Schatten Velosos steht. Letzterer ist ihm in fast allen Aspekten überlegen und verkörpert einen moderneren Spielertypus. Vielleicht wird sogar Veloso auf der Bank Platz nehmen, um Moutinho und Martins gemeinsam auf der Acht sehen zu können – Velosos Position würde dann Meireles übernehmen, der bei Chelsea auch in einer solchen Rolle agiert.

Die Starsturmreihe

Der Angriff scheint fix besetzt. Mit Cristiano Ronaldo auf der linken Außenbahn und Nani auf der gegenüberliegenden Seite ist Portugal offensiv herausragend besetzt. Die gesamte Mannschaft arbeitet für diese beiden Spieler, was die Außenverteidiger zum Aufrücken und Hinterlaufen zwingt, während der Mittelstürmer Räume schaffen soll. Selbst das zentrale Mittelfeld muss aufrücken, um eine Anspielstation für Doppelpässe oder ähnliches bei den inversen Läufen zu bieten. Fast 40% der Tore fielen außerhalb des Sechzehners, weil sich die Südeuropäer auf eine solche Spielweise verlassen. Als Ersatz gibt es zwei weitere dribbelstarke Spieler, nämlich Ricardo Quaresma und Silvestre Varela. Diese beiden können sowohl rechts als auch links auflaufen und entweder klassisch oder invers agieren. Damit bieten sich für die Schlussminuten interessante Möglichkeiten mit beispielsweise Ronaldo als Mittelstürmer.

Die zentrale Position im Angriff wird voraussichtlich Helder Postiga sein Eigen nennen dürfen. Zwei Ersatzspieler für ihn sind ebenfalls dabei, nämlich Hugo Almeida und Nelson Oliveira. Beide sind etwas bulligere Spielertypen, welche im Kombinationsspiel nicht so stark sind. Darum erhält Postiga auch den Vorzug, er harmoniert besser mit den hereinziehenden Flügelspielern und bietet sich für Kurzpässe an. Almeida hingegen sucht selbst den Abschluss, sein Schuss ist gefürchtet und bringt eine weitere Dimension ins portugiesische Spiel. Fast nur eine Nominierung für die Zukunft ist der 20-jährige Nelson Oliveira, der wahrscheinlich nur sehr wenig Spielzeit erhalten wird.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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